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29.02.2016

13:51 Uhr

Griechenland und die Flüchtlingskrise

Tumulte an griechisch-mazedonischer Grenze

Ausnahmezustand im Grenzgebiet: Hunderte verzweifelte Flüchtlinge stürmen Bahntrasse und Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien. Die mazedonische Polizei setzt Tränengas ein, um die Menschen zu stoppen.

Steine und Tränengas

Eskalation an griechisch-mazedonischer Grenze: Flüchtlinge brechen Zaun auf

Steine und Tränengas: Eskalation an griechisch-mazedonischer Grenze: Flüchtlinge brechen Zaun auf

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AthenEskalation der Flüchtlingskrise in Griechenland: Hunderte verzweifelte Migranten haben am Montag versucht, den Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze zu stürmen und in das Nachbarland durchzubrechen. Zwischen Idomeni und Gevgelija rissen sie mit einfachen Werkzeugen Teile des von Mazedonien errichteten Grenzzauns nieder.

Eine Öffnung des Tores gelang den Migranten aber nicht. Die mazedonischen Grenzpolizisten setzten massiv Tränengas gegen die Flüchtlinge ein, die sich daraufhin teils in Panik auf griechischem Territorium zurückzogen.

Etliche von ihnen klagten anschließend über Atemwegsbeschwerden, wie Augenzeugen der Deutschen Presse-Agentur sagten. Die griechische Polizei hielt sich aus Angst vor einer Eskalation zurück. Am frühen Nachmittag beruhigte sich die Lage etwas. Allerdings schleuderten junge Migranten Steine über den Zaun auf die mazedonische Polizei und beschimpften die Beamten.

Auslöser des versuchten Durchbruchs war dann nach Medienberichten ein Gerücht, wonach Mazedonien angeblich seine Grenze wieder für alle Migranten geöffnet habe. „Frei, frei, wir können rüber“, schrie ein Flüchtling im griechischen Fernsehen. Allerdings stimmte das nicht.

Die Flüchtlingskrise belastet Griechenland zunehmend. Im Stadtzentrum von Athen schlafen Hunderte Flüchtlinge im Freien, darunter Familien mit Kleinkindern.

In Nordgriechenland kam es zu einem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft. Unbekannte zündeten am Wochenende zwei Lagerhallen in Nordgriechenland an, die zu Unterkünften für Flüchtlinge umgebaut werden sollten. Die ehemals vom griechischen Militär benutzten Hallen in der Kleinstadt Giannitsa seien fast vollständig zerstört worden, berichtete das griechische Fernsehen am Montag.

„Mehr als 100.000 werden (bald) in Griechenland stecken bleiben“, fürchtet bereits die Athener Zeitung „Eleftheros Typos“. Andere Medien gehen sogar von 200.000 aus. Zahlreiche Militärs seien aus dem Urlaub zurückgerufen worden, berichtete „Eleftheros Typos“ am Montag. Mehr als 25.000 Migranten „irren im Land“ herum, mit der Hoffnung – obwohl die Balkanroute über Mazedonien geschlossen ist – weiter zu kommen, schrieb das Athener Boulevardblatt „Ethnos“.

Warum die EU in der Flüchtlingskrise nicht vorankommt

Dauerkrise

Jahrelang hat Europa Banken gerettet, das pleitebedrohte Griechenland gemaßregelt, Monat um Monat hohe Arbeitslosenzahlen registriert. Die Eurokrise hat viel Nerven und politische Anstrengung gekostet. Für eine erneute Kraftanstrengung ist der Zeitpunkt daher denkbar ungünstig.

Druck von Rechts

In Deutschland feiert die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) Umfrageerfolge. Die Pariser Regierung beunruhigen die guten Umfragewerte von Marine Le Pens Front National (FN). In Ungarn regiert der rechtskonservative Viktor Orban, in Warschau erlangten jüngst die Nationalkonservativen der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Macht. In Dänemark steht die liberale Minderheitsregierung unter dem Druck von Rechtspopulisten. Diese Kräfte erschweren eine europäische Lösung wie die angedachte Flüchtlingsumverteilung.

Hoffen auf die Türkei

Geld gegen Grenzschutz – das ist der Kern des Aktionsplans, den die EU und die Regierung in Ankara miteinander ausgehandelt haben. Die Türkei hofft auch auf Visa-Erleichterungen für ihre Bürger und neue Dynamik beim Thema EU-Beitritt. Doch bisher ist wenig geschehen. Nun müht sich Berlin um eine „Koalition der Willigen“, deren Mitgliedsstaaten der Türkei Flüchtlinge abnehmen sollen.

Uneinigkeit über die richtige Asylpolitik

Die Bundesregierung nimmt vorrangig syrische Bürgerkriegsflüchtlinge bislang großzügig auf. Doch mehrere Staaten Osteuropas, darunter Anrainer der „Balkanroute“, fühlen sich dieser Politik nicht verpflichtet.

Ungleiche Verteilung der Flüchtlinge

Nicht alle 28 EU-Staaten sind gleichermaßen Ziel von Migranten, nicht alle haben somit einen gleichermaßen großen Anreiz zur Zusammenarbeit. Die mit Abstand meisten Asylbewerber kamen im November laut EU-Statistikamt Eurostat nach Deutschland (59.615 Menschen), gefolgt von Schweden (36.585) und Österreich (11.930). Ungarn meldete bis zum September ebenfalls sehr viele Asylbewerber – danach ging die Kurve rapide nach unten. Grund sind die Grenzzäune zu Kroatien und Serbien, die die Regierung errichten ließ. Zuletzt stiegen die Zahlen nach Budapester Angaben trotz Zaun aber wieder an.

In der vergangenen Woche hatte die Regierung in Skopje eine restriktive Grenzregelung beschlossen. Afghanen wurden grundsätzlich nicht mehr nach Mazedonien gelassen, Iraker und Syrer wurden einer verschärften Kontrolle ihrer Personalpapiere unterworfen. Bislang war der Großteil der in Griechenland eintreffenden Flüchtlinge umgehend Richtung Nordwesteuropa weitergereist.

Mazedonien ließ am Sonntag lediglich 305 Flüchtlinge weiterreisen, wie die griechische Polizei mitteilte. Allein am weitgehend abgeriegelten Übergang Idomeni warteten 6500 Menschen. Weitere 500 seien in einem kurzfristig errichteten Camp rund 20 Kilometer entfernt untergebracht.

Wegen der verschärften Grenzregelungen auf der Balkanroute rechnet Athen damit, dass im März zwischen 50.000 und 70.000 Menschen in Griechenland „festsitzen werden“, sagte der für Migrationsfragen zuständige Vize-Innenminister Ioannis Mouzalas am Sonntag dem Sender Mega. Zur Zeit hielten sich „22.000 Flüchtlinge und Migranten“ in Griechenland auf, sagte Mouzalas.

Und es kommen immer neue Flüchtlinge: In der Hafenstadt Piräus trafen am Montagmorgen an Bord von drei Fähren mehr als 2000 Migranten ein. Sie hatten zuvor von der türkischen Küste aus zu den griechischen Inseln übergesetzt. Nach Zählungen des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR setzen in der vergangenen Woche täglich weiterhin rund 3000 Flüchtlinge von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln über.


Kommentare (181)

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Herr walter danielis

29.02.2016, 12:24 Uhr

Zu gegebenen Zeit wird Frau Merkel die Migranten mit Flugzeugen und Schiffen abholen lassen Wenn das dann wieder als Einladung verstanden wird, wird sie zusätzliche Flugzeuge schicken. Wir müssen das schaffen! Wie auch immer..

Herr Marc Otto

29.02.2016, 12:28 Uhr

Ja, es muss schrecklich sein, wenn man vor heran rückenden Truppen seine Heimat verlassen muss und sich in eine Stadt rettet, wo man in der Nacht mit Brand- und Splitter Bomben verbrannt wird.

So passiert in der Bombennacht zu Dresden, wo alliierten Bomber in 1 Nacht ca. 300.000 Menschen getötet hat. Fast alles waren Flüchtlinge, die schutzlos den Bombern ausgeliefert waren.

Anno Nymicus

29.02.2016, 12:29 Uhr

1.) die "Flüchtlinge" kommen mit den Schlepperbooten auf griechischen Inseln, welche sich unweit dem türkischen Festland befinden, an.
2.) danach werden die "Flüchtlinge" mit Fähren von den Inseln aufs Festland gebracht
3.) und nun wird gehofft & erwartet, dass die "Flüchtlinge" ganz schnell weiterreisen & das Land gen Norden wieder verlassen.

Was könnten die Griechen denn nun machen?
Mit der Fähre gleich rüber nach Italien fahren?
Spätestens seit der Magna Graecia sind die Schifffahrtswege den Griechen ja bekannt ...

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