Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2003

12:59 Uhr

Größeres Pro-Kopf-Einkommen in Großbritannien

Briten sehen Misere nicht ohne Schadenfreude

VonMatthias Thibaut

"Die Engländer erkennen die Bedeutung eines der wenigen deutschen Worte, das Eingang in ihre Sprache fand", sagt der Deutschlandspezialist David Marsh von der Unternehmensberatung Droege & Comp. Das Wörtchen, das er meint, heißt "Schadenfreude." Zwar genießen zum Beispiel deutsche Autobauer auf der Insel auch weiter höchsten Respekt. Doch die alte Ordnung gegenseitiger Bewunderung ist dahin.

Bislang brachten die Briten als verarmte Weltkriegssieger Deutschlands "umwerfendem Nachkriegserfolg" (Premier Tony Blair) eine Mischung aus Respekt, Neid und Ressentiment entgegen. Die über ihre Vergangenheit verunsicherten Deutschen lernten mit wohligem Schaudern das altmodisch-schrullige Land jenseits des Kanals lieben.

Die Briten haben gegenüber Deutschland mächtig aufgeholt: 2002 lag das Inlandsprodukt pro Kopf mit 25 720 $ vor dem deutschen mit 24 290 $. Das traditionsbewusste England rechnet sich heute unter die Avantgardisten. Deutschland sieht es in überalterten, bequemen Strukturen erstarrt, "in politischer Irrelevanz und wirtschaftlicher Stagnation schlafwandeln", wie Anatole Kaletsky in der "Times" schreibt. Im britischen Wahljahr 2001 demonstrierten "Stern" und "Spiegel" in Berichten über den "englischen Patienten" noch einmal die alte Überlegenheitsattitüde der Deutschen. Doch die schulmeisterlichen Belehrungen wirken längst antiquiert. Der Oxforder Politologe Timothy Garton Ash notierte schon 1998: "Anstatt über die britische Krankheit und das deutsche Modell lesen wir über das britische Modell und die deutsche Krankheit".

Furcht der Briten ist schwächer geworden

Tatsächlich ist die Furcht der Briten vor dem übermächtigen Deutschland schwächer geworden. In den frühen 90er Jahren war den Briten klar geworden, dass sich Deutschland als der entscheidende Spieler in den europäischen Strukturen erwies. Helmut Kohl als Architekt des "europäischen Hauses" ließ es sie spüren. Das trug zur Wiedererweckung alter Nazi-Stereotypen in legendären "Mirror"-Schlagzeilen bei - und zu viel Unverständnis bei den Deutschen. Der "Black Wednesday", der schwarze Mittwoch, als das Pfund aus dem Wechselkursmechanismus geschleudert wurde, gilt vielen heute als Kerndatum deutsch-britischer Beziehungen. "Hätte Kohl damals eine offenere und ausgewogenere Politik gemacht, wären die Beziehungen heute besser", sagt der damalige BBC-Korrespondent in Deutschland, William Horsley. "Kohl tat so, als könne man die europäischen Strukturen ohne Großbritannien bauen. Nun haben sie gemerkt, dass das nicht möglich ist".

Wenn Horsley die britische Bewunderung für Willy Brandt und Helmut Schmidt mit der Verächtlichkeit kontrastiert, mit der die Nachfolger und ihr "Mangel an Balance" wahrgenommen werden, redet er einer verbreiteten Ansicht das Wort. Auf allen Gebieten, wo die Labourregierung auf Kooperation mit Deutschland setzte - bei Militärairbus und Eurofighter, bei der Agrarreform, bei den Wirtschaftsreformen des Lissabonprozesses - gab es immer wieder Enttäuschungen. "Wir haben auch mit den Franzosen unsere Probleme, aber bei denen wissen wir wenigstens, woran wir sind", meint Horsley.

Deutschland wird von Euroland gleichgesetzt

Auffallend ist auch, wie stark die Wahrnehmung Deutschlands mit Euroland gleichgesetzt wird. Er denke gar nicht mehr an Deutschland, das sei ja im Euroland untergegangen, höhnt der konservative Eurogegner John Redwood. "Der Euro richtet großen Schaden an. Das macht mich traurig, denn ich wünsche mir ein erfolgreiches Deutschland." Auch der britische Europaminister Denis McShane spricht vom "schlechten Image von Euroland" - meint im Grunde aber Deutschlands Konjunkturschwäche und seine Arbeitslosen. "Eine echte Hartz-Kommission müsste her", seufzt denn auch der Deutschlandkenner der britischen Regierung und betont das Wörtchen "echt". Das angeschlagene Image Deutschlands sei dem Wagnis eines Euroreferendums in Großbritannien nicht zuträglich. McShane hielt es auch für nötig, mit seiner Warnung vor einem "Kaiser" für Europas neue Strukturen in alten Geschichten zu rühren. "Ich wollte Joschka Fischer klar machen, dass eine solche mächtige Spitze für ein Land wie England einfach nicht akzeptabel ist", erläuterte er seine Wortwahl.

Bestimmt die Angst der Briten vor Europa also auch ihr Bild von Deutschland nachhaltig mit? "Beides geht immer zusammen", sagt Horsley. Empfindliche Deutsche registrieren sorgenvoll jeden Pöbelangriff auf einen "Kraut" und jedes antideutsche "Sieg Heil" aus britischem Mund. Doch David Marsh glaubt, dass Deutschlands Image gewonnen hat. "Durch ihre Schwächen sind die Deutschen sympathischer geworden."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×