Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2008

22:00 Uhr

Große Koalition

Im Zeichen Belphegors

VonRüdiger Scheidges

2008 wird alles anders: Ruhe und Einmütigkeit werden raueren Tönen weichen, die Kritik an der Merkel-Koalition wird wachsen. Der Politehe in der Großen Koalition droht im Vorwahljahr die Zerrüttung. Eine besondere Stellung wird indes die Presse einnehmen – die eintönige Symphonie im Blätterwald könnte bald der Vergangenheit angehören.

BERLIN. Wie immer, wenn es darum geht, die Zukunft in fabelhafter Uneindeutigkeit auszuleuchten, bringen die Amerikaner die Dinge auf den Punkt: „The future is bright, we gotta wear shades!“ Auf Deutsch könnte man dieses Hohelied auf die Ambivalenz so übersetzen: Die Zukunft leuchtet so optimistisch grell, lasst uns mal lieber die Sonnenbrillen aufsetzen!

I.
So oder ähnlich wird das Jahr 2008 sein Licht auf die Hohepriesterin der Ambivalenz, auf Angela Merkel, und ihre Große Koalition werfen. Die Schattenrisse sind bereits, nach dem Rentengang mit 67 von Franz Müntefering, nicht mehr am Firmament zu übersehen. Und am Ende dieses Jahres werden wir von der Presse alle schreiben, dass am 21. November 2007 – dem Tag, als der Sauerländer die Kündigungsurkunde erhielt – der Anfang vom Ende begann.

„Wir alle“ – das ist bewusst total formuliert. Merkel, die Kanzlerin der Uneindeutigkeit, wird im Laufe des Jahres den Herdentrieb des Journalismus von der anderen Seite, von hinten, von den Hufen her, kennenlernen. Zwar wurde die Neue im Amt vor zwei Jahren mit euphorischen Fanfarenstößen willkommen geheißen, doch selten zuvor hatte man nach so viel Gratisvorschuss eine erst so harmonisch schmeichelnde, letztlich aber eintönige Symphonie im Blätterwald wahrnehmen können.

Die rot-grünen Kracher-Jahre, in denen die Alpha-Tiere sich täglich im Ego-Kampf um das lauteste Megafon balgten, hatten uns nach der Kakofonie im Hohen Hause einen tiefen Wunsch nach sanfter Eindeutigkeit und Sachlichkeit hinterlassen. Die Große Koalition gebar die große Ruhe, in der Merkel den vom Ausland hereinwehenden Aufschwung mit ruhiger Hand kanalisieren durfte. Die Elogen an die Kanzlerin waren gleichbedeutend mit dem Bedürfnis nach Stillung des schreienden Bedürfnisses nach leisem Pragmatismus. Und Merkel stillte die Öffentlichkeit mit ihrer warmen Politik, die einst als Konsensgedudel verspottet worden war.

Jetzt aber, nach zwei Jahren Eingewöhnen in die Normalität allseitiger Anpassung, hat uns alle die große Langeweile ergriffen. Das werden wir ändern. Denn 2008 wird das Jahr Belphegors, das Jahr jenes aus der Hölle zur Erde gesandten Dämonen, der herausfinden soll, ob es auf Erden wirklich eine so glücklich währende Politik-Ehe wie die Große Koalition geben kann – oder ob sie nicht schon längst die Reise an ihr Ende angetreten hat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×