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22.09.2015

15:57 Uhr

Großrazzia in Berlin

400 Polizisten durchsuchen Moschee und Wohnungen

Hunderte Polizisten durchkämmten eine Moschee und Wohnungen in Berlin. Die schwer gesicherten und monatelang vorbereiteten Einsätze gelten der islamistischen Szene. Hinweise auf geplante Anschläge liegen nicht vor.

Die Berliner Polizei ist am Dienstagmorgen mit einer Razzia gegen mutmaßliche Unterstützer von Islamisten in Syrien vorgegangen. dpa

Razzia in Moschee

Die Berliner Polizei ist am Dienstagmorgen mit einer Razzia gegen mutmaßliche Unterstützer von Islamisten in Syrien vorgegangen.

BerlinNach monatelangen Ermittlungen ist die Berliner Polizei mit einer Großrazzia gegen mutmaßliche Unterstützer von Islamisten vorgegangen. 400 Einsatzkräfte durchsuchten am frühen Dienstagmorgen die Ibrahim Al Khalil-Moschee im Stadtteil Tempelhof und sieben Wohnungen – abgesichert von vermummten Beamten mit Maschinenpistolen. Dabei wurden nach Polizeiangaben Computer und Unterlagen beschlagnahmt, um Beweise wie Schulungsmaterial sicherzustellen. Die Moschee gilt laut Verfassungsschutzbericht 2014 als Hochburg von Salafisten.

Ein aus Marokko stammender 51-jähriger Imam steht im Zentrum der Ermittlungen und wird verdächtigt, junge Muslime zum islamistischen Kampf gegen das Regime in Syrien aufgefordert zu haben. Ein zweiter Verdächtiger, ein 19-jähriger Mazedonier, soll schon in Syrien sein und mit den dschihadistischen Gruppen kämpfen.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Der Imam, der befragt, aber nicht festgenommen wurde, wies die Vorwürfe am Dienstag im Gebetsraum der Moschee als „völlig absurd“ zurück und nannte das Vorgehen der Polizei „sehr verwunderlich“. Er empfinde sich als Teil von Deutschland und würde niemals zu Gewalt aufrufen, sagte er.

Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Vorbereitung sowie der Anstiftung zur Vorbereitung von schweren staatsgefährdenden Gewalttaten. Laut Polizei liegen jedoch keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beschuldigten Anschläge in Deutschland geplant haben. Die Ermittlungen liefen demnach seit mindestens sechs Monaten. „Es darf und wird keine Toleranz geben für diejenigen, die in Moscheen zu Hass und Gewalt anstacheln“, sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zu der Razzia.

Einen Zusammenhang mit dem Fall des in der vorigen Woche erschossenen Islamisten soll es nicht geben. Der 41-jährige Iraker war 2008 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation verurteilt worden. Am Donnerstag hatte der möglicherweise verwirrte Mann eine Polizistin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt.

Von

dpa

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