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16.09.2016

14:28 Uhr

Grundsteinlegung von Stuttgart 21

Augen auf und durch

VonMartin-W. Buchenau

BER und Elbphilharmonie sind triviale Unterfangen im Vergleich zu Stuttgart 21. Das Projekt ist so risikobehaftet, selbst Politiker gehen auf Distanz. Doch für den Bahnhof gibt es kein Zurück mehr – er muss jetzt kommen.

Ein unterirdisches Tunnelsystem, bedenklich hohes Gefälle, mitten durch Mineralwasser-Gebiet in einer engen Talkessellage: Eine viel anspruchsvollere Aufgabe hätte man sich nicht suchen können. dpa

Bahn-Chef Grube bei der Grundsteinlegung von Stuttgart 21

Ein unterirdisches Tunnelsystem, bedenklich hohes Gefälle, mitten durch Mineralwasser-Gebiet in einer engen Talkessellage: Eine viel anspruchsvollere Aufgabe hätte man sich nicht suchen können.

Stuttgart 21 ist seit Jahren ein Reizthema ohne seinesgleichen. Die jetzige Aufregung zum Spatenstich ist nur eine weitere Episode in einem grotesken Spiel. Dass sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein Vize Thomas Strobl vor der heutigen Grundsteinlegung gedrückt haben, ist schlicht kindisch.

Aber es zeigt, wie schwer es Projekte haben, die zu einem Politikum geworden sind. Und es zeigt, dass Stuttgart 21 so risikobehaftet ist, dass diese Politiker lieber Distanz zu dem Milliarden-Projekt demonstrieren.

So steht es um Stuttgart 21

Bauzeit

Offiziell soll der Tiefbahnhof Ende 2021 in Betrieb genommen werden, ausgeschlossen wird aber auch nicht 2023. Das wäre dann vier Jahre später als ursprünglich geplant. Der Baubeginn war im Februar 2010.

Kosten

Auch die Kosten sind seit dem Baubeginn in die Höhe geschnellt: Die einst von Bahnchef Rüdiger Grube genannte „Sollbruchstelle“ von 4,5 Milliarden Euro ist bereits um bis zu zwei Milliarden Euro überschritten.

Finanziers

Wer die Mehrkosten trägt, ist unter den Projektpartnern ungeklärt. Bahn und Grüne in der Regierungskoalition liegen deshalb im Clinch. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wiederholt mantraartig, dass das Land nicht mehr als 930 Millionen Euro beisteuert – zum Unmut der Bahn.

Zweifel

Von den Kritikern beauftragte Experten, aber dem Vernehmen nach auch der Bundesrechnungshof in einem Geheim-Bericht gehen von einer Kostensteigerung auf zehn Milliarden Euro aus. Das wäre dann fast ein Vierfaches der ganz zu Anfang kalkulierten Baukosten. In einem unmittelbar vor der Grundsteinlegung bekannt gewordenen weiteren Prüfbericht fordern die Finanzkontrolleure eine stärkere Kosten- und Qualitätskontrolle des Bundesverkehrsministeriums ein. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Eins von drei Problemprojekten

Stuttgart 21 ist eines von drei prominenten Projekten in Deutschland, die nicht pünktlich fertig und immer teurer werden. Das seit Mitte der 1990er Jahre geplante Projekt wird in einem Atemzug genannt mit dem Flughafen Berlin Brandenburg und der Hamburger Elbphilharmonie.

Zähneknirschend hatte Kretschmann den Volksentscheid 2011 für den Bahnhof akzeptiert. Für die anstehende Klage der Bahn AG gegen das Land auf Beteiligung an den Mehrkosten hat der Grünen-Ministerpräsident wenig Verständnis. Zumal die zahlreichen Bahnhofsgegner in seiner Partei immer vor einer Kostenexplosion gewarnt hatten. Aber auch diese Warnungen waren ja kein Kunststück. Die einst von Bahnchef Rüdiger Grube genannte „Sollbruchstelle“ von 4,5 Milliarden Euro ist bereits um bis zu zwei Milliarden Euro überschritten.

Langfristige Großprojekte werden im Verlauf immer teurer. Und sie werden, wenn es um die Genehmigung geht, immer kleingerechnet – zumal wenn es sich um öffentliche Projekte mit öffentlicher Beteiligung handelt. Stünden die Endkosten vorher fest, wären viele Projekte politisch nie durchsetzbar. 10 Milliarden Euro für Stuttgart 21, wie die Bahnhofskritiker erwarten, wären schlicht nicht vermittelbar gewesen. Vielleicht sogar zu Recht.

Überteuerte Großbauprojekte in Deutschland

EZB-Gebäude, Frankfurt

Geplante Kosten: 940 Millionen Euro
Mehrkosten: 450 Millionen Euro (48 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

ICE-Strecke Köln-Frankfurt

Geplante Kosten: 3900 Millionen Euro
Mehrkosten: 2040 Millionen Euro (52 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

City Tunnel, Leipzig

Geplante Kosten: 570 Millionen Euro
Mehrkosten: 390 Millionen Euro (68 Prozent)
Verzögerung: 4 Jahre

BND-Zentrale, Berlin

Geplante Kosten: 730 Millionen Euro
Mehrkosten: 570 Millionen Euro (78 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

BARD 1 Nordsee-Windpark

Geplante Kosten: 1500 Millionen Euro
Mehrkosten: 1400 Millionen Euro (93 Prozent)
Verzögerung: 2 Jahre

Flughafen BER, Berlin

Geplante Kosten: 2500 Millionen Euro
Mehrkosten: 3300 Millionen Euro (132 Prozent)
Verzögerung: ungewiss

Bahnhof Stuttgart 21, Stuttgart

Geplante Kosten: 3000 Millionen Euro
Mehrkosten: 6800 Millionen Euro (227 Prozent)
Verzögerung: 5 Jahre

Elbtunnel-Sanierung, Hamburg

Geplante Kosten: 20 Millionen Euro
Mehrkosten: 70 Millionen Euro (364 Prozent)
Verzögerung: 8 Jahre

Bischofsresidenz, Limburg

Geplante Kosten: 6 Millionen Euro
Mehrkosten: 25 Millionen Euro (425 Prozent)

Elbphilharmonie, Hamburg

Geplante Kosten: 77 Millionen Euro
Mehrkosten: 712 Millionen Euro (925 Prozent)
Verzögerung: 7 Jahre

Denn der Bau des Berliner Großflughafens oder die Elbphilharmonie sind triviale Unterfangen im Vergleich zu dem unterirdischen Bahnhof mit seinem 58 Kilometer langem Tunnelsystem, mit bedenklich hohem Gefälle, mitten durch Mineralwasser-Gebiet in einer engen Talkessellage.

Kommentare (5)

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Herr Peter T. Kroeger

16.09.2016, 15:51 Uhr

Viele Renommierprojekte machen keinen Sinn, so auch Stuttgart 21. Es wäre viel sinnvoller gewesen zur Beschleunigung am Rande von Stuttgart einen Fernbahnhof mit einem Ableger nach Stuttgart in den Sackbahnhof zu bauen. Das gibt es schließlich andernorts auch.

Frau Pia Paff

16.09.2016, 16:14 Uhr

@ Peter T. Kroeger
Du Scherzbold ... am Rande von S einen Ferbahnhof??? Wo denn???? Lass die Finger von dem Zeug!!! S 21 wird ein großartiger Bahnhof. Da bin ich heute schon begeistert.

Herr Jürgen Becker

16.09.2016, 16:36 Uhr

Die 21 in dem Namen Stuttgart 21, ist nicht das Jahr der vorgesehenen Fertigstellung, sondern der Betrag der Baukosten :-) 21 Mrd.€.
Also die korrekte Bezeichnung wäre Stuttgart 21Mrd.€.
Das war nur ein Marketing-Gag um den Bürger schon einmal mit der 21 vertraut zu machen.

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