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07.10.2011

18:37 Uhr

Günter Grass' Kapitalismuskritik

„Wir müssen das System aufbrechen“

VonHeike Anger

Es sollte die Vorstellung eines Willy-Brandt-Buchs werden. Doch Günter Grass holte zur umfassenden Kapitalismuskritik aus. Da blieb SPD-Chef Sigmar Gabriel nur übrig, Fehler zuzugeben.

Günter Grass vor der Willy-Brandt-Statue in der SPD-Zentrale. dapd

Günter Grass vor der Willy-Brandt-Statue in der SPD-Zentrale.

BerlinEs dauert genau zehn Minuten, bis im Willy-Brandt-Haus das andächtige Lauschen in lauten Applaus umschlägt. Zuvor hatte das Publikum in der überfüllten SPD-Parteizentrale erlebt, wie sich der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass auf das Podium begab, gefolgt von Parteichef Sigmar Gabriel. Wie sich Grass ein Glas Brunello di Montalcino vom Weingut Il Poggione einschenkte und zum Mikrofon griff. Wie er die ersten Details seiner legendären Wahlkampfreise für Willy Brandt im Jahr 1969 zum Besten gab.

Doch dann begann Grass seine Abrechnung mit dem Kapitalismus. „Wir erleben, dass das System, in dem wir leben, das kapitalistische, sich in einem Zustand der Selbstzerstörung befindet“, tönt der 83-jährige Schriftsteller. „Aber niemand hat den Mut, von einem Systemwechsel zu sprechen.“ Applaus brandet auf. „Wir müssen das System, unter dem wir leben und zu Konsumenten degradiert sind, aufbrechen“, ruft Grass. „Die SPD sollte ihrer Tradition folgen und sich zum Sprecher dieser grundsätzlichen Veränderung machen.“

Die Menschen im Willy-Brandt-Haus klatschen nun wild. Das durchschnittliche SPD-Mitglied ist  rund 60 Jahre alt, auch heute überwiegt graues Haar. Nur einige Jüngere haben an diesem Freitagmittag den Weg in die Parteizentrale gefunden.

Grass kritisiert, es gebe „eine Abhängigkeit, eine Hörigkeit ohne Gleichen“ vom Bankensystem. „Mir fehlen bis zum heutigen Tage die entscheidenden Worte aus der Richtung, die ich politisch gerne weiterhin unterstützen möchte, solange ich noch krauchen kann“, sagt der bekennende SPD-Sympathisant Grass in Richtung Gabriel. Der gibt zu: „Wir haben 20 bis 30 Jahre lang Teile dessen mitgemacht, was wir jetzt in Frage stellen.“

Es ist ein ungleiches Paar auf der Bühne. Grass, in Cordhose, brauner Jacke und blauen Socken, Gabriel im dunklen Anzug mit Krawatte. Seitlich von ihnen steht die 3,40 Meter hohe Bronzefigur von Willy Brandt. Davor ein Strauß roter Rosen. Es ist sein 19. Todestag.

Und eigentlich soll es bei der Veranstaltung auch um ihn gehen. Zumindest um die legendäre Wahlkampftour, zu der Günter Grass im März 1969 für Willy-Brandt aufbrach. Über die Reise ist nun ein Buch erschienen, das Grass vorstellt – und nach der Diskussion auch fleißig signiert.

Kommentare (17)

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Beobachter

07.10.2011, 18:46 Uhr

Das Problem ist nicht, dass Grass in ein ohnedies bestehendes Sinn-Vakuum hineinsticht mit spitzen Worten, die überhaupt nicht überraschen, mögen sie auch noch so gut gefeilt und für den Augenblick überzeugend daherkommen.
Das Problem ist, dass ihm niemand widerspricht.
Das ist das eigentliche Problem und der große Unterschied zur Situation von 1969.
Und das ist der eigentliche Grund zur Sorge.

Unterwasserexplosion

07.10.2011, 19:01 Uhr

SS-Panzerdivision "Frundsberg"

Account gelöscht!

07.10.2011, 19:02 Uhr

Gott, was ist das schlimm, dass solchen Literaturrentnern so großer Raum gegeben wird und die wirklichen Experten wie Hankel, Starbatty und Co. brutalstmöglich in arroganter Weise ignoriert werden. Peinlich hoch 3!

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