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09.01.2012

08:05 Uhr

Günther Jauch-Talk

Der nette Herr Wulff von nebenan

VonGabriela M. Keller

Die Glaubwürdigkeit gilt als wichtiges Kapital eines Bundespräsidenten. Bei Günther Jauch diskutierten Spiegel-Chefredakteur Mascolo und weitere Prominente, ob Christian Wulff diesem Anspruch noch gerecht wird.

Moderator Günther Jauch. dpa

Moderator Günther Jauch.

BerlinChristian Wulff ist in den vergangenen Wochen ziemlich oft aufgefordert worden, endlich alle Fakten offen zu legen. Statt dessen aber wird die Wahrheit scheibchenweise serviert. Die halbgaren Erklärungsversuche taugen nicht, die Zweifel zu zerstreuen, und jede Antwort wirft noch mehr Fragen auf, als vorher schon im Raum standen. Dafür hat das ARD-Fernsehpublikum am Sonntag manches über den Präsidenten erfahren, was niemand wissen wollte: Wulff läuft in seinem Urlaub gern in Jeans herum, manchmal holt er sich eine Pizza, und abends trinkt er lieber Saft statt Wein.

So zumindest schilderte es Angela Solaro, eine Jugendfreundin des Präsidenten, bei Günther Jauch. Die bodenständige Süßwarenhändlerin aus Norddeutschland war eingeladen, weil sich Christian Wulff häufiger in ihrer Ferienwohnung als Gast einquartiert hatte. Dass der Präsident gern Ferien bei Freunden macht, ist bekannt. Allerdings dürfte Frau Solaros etwas trostlose Ferienwohnung ziemlich wenig zu tun haben mit der fürstlichen Villa des Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer, in der Wulff seinen umstrittenen Sommerurlaub  2010 verbracht hat.

Wulffs Baustellen

Mögliche Verstöße gegen das niedersächsische Ministergesetz

Es geht um die Frage, ob Wulff mit der Annahme des Hauskredits von der Unternehmergattin Edith Geerkens Vorschriften verletzt hat. Das Verfahren zur Klärung ist in Niedersachsen umstritten. Die Opposition aus SPD, Grünen und Linker verlangt für die übernächste Woche eine öffentliche Debatte im Plenum des Landtags. Zwei Kleine Anfragen hierzu gingen schon bei der Landesregierung ein. Von einem möglichen Gang vor den niedersächsischen Staatsgerichtshof hält die SPD noch Abstand. Die Linkspartei fordert dagegen bereits jetzt die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses.

Kredit der BW-Bank

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) will im Februar den Kredit ihres Tochterinstituts BW-Bank an Wulff unter die Lupe nehmen. Am 13. Februar befasst sich damit der Prüfungsausschuss der LBBW, am 23. Februar der Aufsichtsrat. Wulff hatte den Geerkens-Kredit durch ein Darlehen der BW-Bank abgelöst. Nach Recherchen des „Spiegels“ hatte die Bank Wulff einen Kredit gewährt, bei dem die Zinsen zunächst lediglich bei 0,9 bis 2,1 Prozent lagen - und damit um die Hälfte niedriger als bei der Immobilienfinanzierung anderer Kunden. Wulff betonte in dem Interview mit ARD und ZDF, es handle sich um übliche Konditionen. Er habe keine Vorteile genossen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart prüft, ob es gegen die BW-Bank einen Anfangsverdacht wegen Untreue gibt.

Anzeigen von Privat gegen Wulff

Bei den Strafbehörden gingen im Rahmen der Kreditaffäre bislang mehr als 20 Anzeigen gegen den Bundespräsidenten ein. Noch gibt es nach Auskunft der Ermittler aber keinen Anfangsverdacht wegen einer Straftat. Die Behörden überlegen derzeit, welches juristische Verfahren überhaupt zu wählen wäre, wenn die Immunität des Staatsoberhaupts im Fall konkreter Ermittlungen tatsächlich aufgehoben werden müsste

Die Urlaube von Wulffs früherem Sprecher

Kurz vor Weihnachten entließ Wulff seinen Vertrauten Olaf Glaeseker, ohne nähere Gründe zu nennen. Beobachter vermuten, dass Glaeseker wegen drohender Ermittlungen zu Gratisurlauben bei dem Event-Unternehmer Manfred Schmidt aus der Schusslinie genommen werden sollte. Die Staatsanwaltschaft in Hannover prüft mittlerweile, ob gegen den Ex-Journalisten ein Anfangsverdacht wegen Vorteilsnahme vorliegt. Zudem spekulieren Kritiker, er habe bei der Organisation von Veranstaltungen politische und private Interessen miteinander verquickt. Anders als bei Wulff starteten die Behörden ihre Ermittlungen auf eigene Initiative.

Insofern trugen die Eindrücke von der Nordsee wenig zum Thema bei. „Der Problem-Präsident – wie glaubwürdig ist Christian Wulff?“ wollte Günther Jauch von seinen Gästen wissen. Interessant waren Angela Soleros Äußerungen aber doch, weil sie indirekt etwas über das Kalkül des Präsidenten im Umgang mit der Öffentlichkeit aussagten:  Wulff habe sie dazu ermuntert, ihn in der Sendung „als Mensch darzustellen“, räumte Solero etwas arglos ein.

Schon in seinem Kriseninterview bei ARD und ZDF am Mittwoch hatte Wulff reumütig bekannt: „Man ist Mensch und man macht Fehler.“ Fehler sind menschlich, also wer wird da nun den Stab über ihm brechen wollen? Ob diese Strategie aufgeht, bleibt abzuwarten. Denn seit Wulff mit dubiosen Anrufen bei der „Bild“-Zeitung von sich reden macht, ist aus der Kreditkrise zusätzlich eine Medienkrise geworden. Und so kam bei Günther Jauch zunächst das Verhältnis zwischen Wulff und den Medien zur Sprache.

Kommentare (48)

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Weltenbummlerin

09.01.2012, 08:44 Uhr

Jauch ist noch eine größere Zumutung als der BP Wulff. Dieser Jauch hat aus der Sendung eine Familiensendung gemacht und läßt keine Problemdiskussion aufkommen. Ein Fall fürs Kinderfernsehen!

Leopold

09.01.2012, 08:59 Uhr

Die Medienlandschaft sucht hektisch nach Angriffsflächen, die aber nicht oder nur selten gefunden wurden. Mit viel Ethos vorgebrachte "Bedenken" liefen ins Leere. Ein schiefgegangener Selbsdarstellungsversuch der Printmedien.

Pro-D

09.01.2012, 09:02 Uhr

hmm liebe Reakteure vom Handelsblatt, warum greift keiner von EUCH die Lindauer Rede des Herrn Bundespräsidenten auf???

Muss sich das HB echt so sehr dem BIG Brother beugen?

Eigentlich finde ich es traurig, dass man interessante Informationen heute nur noch bei den Leserbriefen udn auf anderen plattformen findet.

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