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24.11.2014

07:58 Uhr

Günther Jauch

Talkshow kreist weiter um Putin-Interview

VonChristian Bartels

Eine Diskussion mit den Stargästen Matthias Platzeck und Wolf Biermann kreiste bei Günther Jauch erneut um Wladimir Putin und Russland. Sie verlief argumentativ oft abenteuerlich – aber doch aufschlussreich.

Der Liedermacher Wolf Biermann saß in Lederjacke inmitten von Anzugträgern und schwebte als Künstler ostentativ über der Runde. dpa

Der Liedermacher Wolf Biermann saß in Lederjacke inmitten von Anzugträgern und schwebte als Künstler ostentativ über der Runde.

BerlinManchmal erzählt der „Tatort“ am Sonntagabend keine abgeschlossene Geschichte, sondern ist als Zweiteiler angelegt. Am gestrigen Sonntag aber war es Günther Jauchs Talkshow nach dem Krimi, die genau dort weitermachte, wo ihre vorige Ausgabe aufgehört hatte: Es ging um weitere Deutungen des Putin-Interviews, das eine Woche vorher in der gleichen Talksendung und dann in anderen Medien viel Gesprächsstoff ergeben hatte.

Im Anschluss an eine kleine Schlagzeilen-Schau holte der Moderator erst mal Lob von seinen Gästen für die Sendung der Vorwoche ein, dann ging's um das Thema „Antwort an Putin: Nachgeben oder Härte zeigen?“ Kurz vor Schluss der Show geschah dann etwas, das Talkshowzuschauer so nur selten erleben: Im Studio, in dem vorher durchaus heftig gestritten worden war, herrschte auf einmal eine gewisse Einigkeit.

Die Gäste hatten sich aus kontroversen Ecken tatsächlich aneinander angenähert. Gabriele Krone-Schmalz, bis 1992 ARD-Korrespondentin in Moskau, die die Sendung über streng, oft schneidend, harte Kritik an der westlichen Russland-Politik geübt hatte, stimmte der Formulierung zu, dass die NATO Russland nicht tatsächlich bedroht.

Im Gegenzug zeigte der FDP-Europaparlamentarier Alexander Graf Lambsdorff sich bereit, russische Befürchtungen gegenüber der NATO „als subjektive Befindlichkeit“ dennoch ernstzunehmen. „Angst beseitige ich nicht durch den Spruch 'Du musst keine Angst haben!'“, fasste der wiederum als Russland-Freund wahrgenommene SPD-Politiker Matthias Platzeck es zusammen und fand sogar noch Zeichen der Hoffnung für einen teilweisen Neuanfang des Dialogs mit Russland unter der neuen EU-Kommissions- und NATO-Führung.

Daraufhin setzte der vierte Gast in Jauchs Studio, der durch seine Bezeichnung der Linkspartei als „Drachenbrut“ gerade wieder sehr bekannt gewordene Liedermacher Wolf Biermann zu einer großen („Meine Toleranz gegenüber Unterdrückern ist sehr schwach“) und in Teilen bemerkenswert persönlichen Abschlussrede an („Ich bin im Grunde zu heftig in meinem Herzen und zu schwach in meinem Verstand um etwas Gutes liefern zu können ...“) an.

In diesem große Schwange erzählte Biermann erst noch weithin unverständlichen Witz. Und kurz darauf tat Moderator Jauch etwas, was er auch nicht oft tut: Er unterbrach seinen Studiogast an einer sinnvollen Stelle. Bevor Biermann um Putin, den er weiterhin als Diktator bezeichnete, einen bestenfalls krude unnötigen Nazizeit-Vergleich zu Ende gesponnen hatte („Er ist nicht mal fähig, wie Adolf Hitler eine Autobahn zwischen Petersburg und Moskau zu bauen ...“), schaltete der Moderator zu „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga.

Skandalhungrige Zeitgenossen hätten gerne noch zwei, drei Sätze mehr gehört. Alle anderen, inklusive Biermann, dürften froh sein, dass dieser Satz abgewürgt wurde. Jauchs vergleichsweise marginalen Fehler, zuvor den 1936 geborenen Liedermacher 83-jährig genannt zu haben, dürften nun alle, vor allem Biermann, verzeihen.

Hoch her ging es aber eigentlich schon von Anfang an. In ihrem ersten Wortbeitrag meinte Krone-Schmalz: Wenn die EU vor dem Assoziierungsabkommen mit der Ukraine zu einem Dialog mit Russland bereit gewesen wäre, wären viele 1.000 Menschen – die den Kämpfen in der Ostukraine zum Opfer gefallen sind – noch am Leben.

Das galt vor allem dem damaligen EU-Kommissions-Präsidenten José Manuel Barroso. Erst als Jauch wesentlich später nachhakte, relativierte Krone-Schmalz, die nicht immer den Überblick über die Fülle ihrer Argumente behielt, dies harte Kritik ein wenig. Was auf der Krim geschah, wollte sie mit einer abenteuerlich anmutenden völkerrechtlichen Argumentation lieber „Sezession“ als „Annexion“ nennen. Die Gegenposition vertrat Lambsdorff, der von der „ersten völkerrechtswidrigen Annexion in Europa seit 1945“ und dem „russischen Interesse, Länder auf dem Weg nach Westen aufzuhalten“, sprach.

Wie Jauchs allerletzte Schlusspointe verriet, war ein Verwandter, Wladimir Graf Lamsdorf, russischer Außenminister von 1900-1906 gewesen und hatte seinerzeit vom Krieg gegen Japan (den das Zarenreich bekanntlich dennoch führte und der im Nachhinein als Etappe seines Untergangs erscheint) abgeraten. Dieses Kuriosum hätte auch früher erwähnt werden dürfen.

Dann hätten diplomatische Weisheiten des jungen Lambsdorff à la „Wenn man mit einem Bären tanzt, hört man nicht auf, wenn man selbst müde ist, sondern wenn der Bär müde ist“ mehr Wirkung entfaltet. Die nicht mehr oft im Fernsehen vertretene FDP-Sache vertrat er dennoch souverän.

Kommentare (30)

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Herr Teito Klein

24.11.2014, 08:51 Uhr

[b]Putin-Freunde und Putin-Gegner]/b]
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Zu den Putin-Freunden gehören Platzeck und Krone-Schmalz.
Zu den Putin- Gegnern Biermann und Lambsdorff.

Platzeck möchte die Annexion der Krim völkerrechtlich anerkennen.
Krone-Schmalz nennt die Annexion der Krim lieber eine Sezession.

Biermann und Lambsdorff nannten Putin einen Diktator, welche sich die alte UdSSR zurückwünscht.

Herr Volker Birk

24.11.2014, 09:19 Uhr

Schon die Welt in Putin-Freunde und Putin-Gegner einzuteilen, zeigt ideologische Prägung. Man muss gegenüber Putin schliesslich weder die eine noch die andere Haltung einnehmen (und sollte das auch nicht tun).

Stattdessen kann man auch nüchtern betrachten, was die Interessen Russlands sind, und sich, die eigenen Interessen in den Vordergrund stellend, dann mit der russischen Regierung vergleichen.

Ein solcher Kompromiss wird mit der von ihnen benutzten Dichotomie jedoch von vornherein ausgeschlossen. Er ist jedoch der einzige Weg zum Frieden.

Herr Manfred Carter

24.11.2014, 09:26 Uhr

Endlich mal eine gute Diskussion im GEZ-Fernsehen. Argumente pro und contra und der Versuch (fast) aller Gesprächspartner, sich aufeinender zu zubewegen. Danke auch Habla für den Rüffel betreffend den albernen "Faktencheck", der in den Medien immer häufiger praktiziert wird, um Objektivität vorzugaukeln. Jetzt sind also schon Prognosen Tatsachen....

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