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25.06.2015

13:59 Uhr

Gutachten

Kleinstruktur hemmt Ost-Wirtschaft

Warum gelingt es der ostdeutschen Wirtschaft nicht, weiter zum Westniveau aufzuschließen? Eine neue Studie deutscher Wirtschaftsforscher liefert Erklärungen – und zieht daraus Schlüsse für eine künftige Förderpolitik.

Ein Großteil der Unternehmen in Ostdeutschland sind kleine bis mittlere Betriebe mit weniger als 500 Mitarbeitern. dpa

Kleine Betriebe

Ein Großteil der Unternehmen in Ostdeutschland sind kleine bis mittlere Betriebe mit weniger als 500 Mitarbeitern.

BerlinDie ostdeutsche Wirtschaft wird durch die geringe Größe der Unternehmen in ihrer Entwicklung gehemmt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Bundeswirtschaftsministerium am Donnerstag in Berlin vorstellte. Aus der kleinteiligen Struktur ergebe sich, dass Ostfirmen seltener als die in Westdeutschland neue Produkte und Verfahren einführten.

Deshalb hätten sie im Durchschnitt auch eine geringere Produktivität, heißt es in der Analyse des Beratungsunternehmens DIW Econ, einer Tochtergesellschaft des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Wirtschaftsleistung der Ost-Bundesländer erreichte 2013 lediglich 71 Prozent des Westniveaus.

So verschieden sind Ost und West

Wirtschaft

„Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

Verdienst

Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose

Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

Rente

Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

Vermögen

Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

Kinderwunsch

In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

Kinderbetreuung

In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote

Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik

Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe

Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

Studenten

Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche

Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

Stimmung

Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

Ostdeutsche Unternehmen sind der Studie zufolge auch „seltener und in geringerem Umfang auf internationalen Märkten aktiv“. Bei klassischen Standortfaktoren wie Infrastruktur, Gewerbeflächen und Energiekosten habe der Osten hingegen keine Nachteile.

Als Ursache für den hohen Anteil kleiner Unternehmen sehen die Gutachter die Privatisierungspolitik auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu Beginn der 1990er Jahre. Seitdem habe sich daran relativ wenig verändert. Die Zahl mittelgroßer und großer Unternehmen steige nur langsam. Ostdeutsche Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten erzielten laut Studie im Jahr 2010 etwa 20 Prozent des Umsatzes und beschäftigten etwa 10 Prozent der Erwerbstätigen. Zum Vergleich: Im Westen lagen die entsprechenden Anteile am Umsatz bei rund 40 Prozent und an der Beschäftigtenzahl bei 35 Prozent.

Damit der Osten schneller aufholen kann, empfiehlt DIW Econ, die Förderpolitik auf bestimmte Handlungsfelder zu konzentrieren. Dazu gehöre, die Unternehmen im Osten besser zu vernetzen. Weil Großunternehmen fehlten, seien auch „zu wenige Beziehungsknoten vorhanden“. Nötig sei zudem, Auslandsmärkte besser zu erschließen, um die relativ geringe Exportquote zu erhöhen. Schließlich sollte die Unterstützung von Forschung und Entwicklung ein Schwerpunkt bleiben.

Von

dpa

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