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01.10.2013

14:25 Uhr

Halit Yozgat

Emotionaler Zeugenauftritt im NSU-Prozess

Berührender Zeugenauftritt: Halit Yozgat schildert im NSU-Prozess, wie er seinen erschossenen Sohn fand. Über den geplanten Zeugenauftritt eines Verfassungsschützers gibt es hingegen Streit.

Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat, im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München vor Nebenkläger-Anwälten, an einem Tisch, an dem ein Foto seines Sohnes als Kind sowie die Forderung, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen oder den Sohn zurückzugeben, steht. dpa

Ismael Yozgat, Vater des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat, im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München vor Nebenkläger-Anwälten, an einem Tisch, an dem ein Foto seines Sohnes als Kind sowie die Forderung, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen oder den Sohn zurückzugeben, steht.

MünchenEs war der bislang emotionalste Zeugenauftritt im NSU-Prozess: Am Dienstag schilderte der Vater des ermordeten Halit Yozgat, wie er seinen Sohn erschossen in seinem Internetcafé in Kassel fand. Er sei am späten Nachmittag in den Laden gekommen, um seinen Sohn abzulösen, der die Abendschule besuchte. Dort habe der 21-Jährige in seinem Blut hinter dem Empfangstisch gelegen. „Ich habe meinen Sohn in meine Arme genommen, aber er hat keine Antwort gegeben“, rief Ismail Yozgat auf Türkisch. Er sprang im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes München auf und rief immer wieder: „Er hat keine Antwort gegeben!“

Seine Frau, die bei der Aussage direkt hinter ihm saß, und sein Anwalt hatten sichtlich Mühe, den aufgebrachten Vater wieder zu beruhigen. Der Dolmetscher kam teilweise kaum mit der Übersetzung mit. Als ihn der Richter fragte, wie er seinen Sohn gefunden habe, legte sich Yozgat auf den Boden, um die Position zu demonstrieren. Die Angeklagten verfolgten den Auftritt - wie meistens in diesem Prozess - ohne sichtbare Regung, auch als Yozgat direkt fragte: „Mit welchem Recht haben Sie das getan?“

Der Prozess in Zahlen

Richter

Fünf Richter hat der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) unter Vorsitz von Manfred Götzl. Dazu gibt es drei Ergänzungsrichter – falls ein Richter während des Prozesses ausfällt.

Angeklagte

Fünf Angeklagte müssen sich in dem Verfahren vor Gericht verantworten, darunter Beate Zschäpe und der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Verteidiger

Elf Verteidiger stehen ihnen nach Angaben des OLG insgesamt zur Seite. Allein Zschäpe hat drei Verteidiger.

Sachverständige

22 Sachverständige wurden von der Bundesanwaltschaft benannt, darunter Psychiater und Rechtsmediziner.

Nebenkläger

Mindestens 77 Nebenkläger sind nach OLG-Angaben zugelassen, darunter viele Angehörige der Mordopfer. 53 Anwälte vertreten diese Nebenkläger.

Verhandlungstage

80 Verhandlungstage sind zunächst angesetzt, und zwar bis zum 16. Januar 2014. Das Gericht hat aber bereits erklärt, dass dies wohl bei weitem nicht ausreichen wird. Die ersten 5 Verhandlungstermine sind wegen der Verschiebung des Prozesses geplatzt.

Gerichtssaal

Rund 250 Plätze hat der umgebaute Gerichtssaal A 101.

Presseplätze

50 davon sind feste Presseplätze. Bei der Verlosung der Reservierungen waren 324 Medien oder einzelne Journalisten im Topf.

Anklageschrift

488 Seiten umfasst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft. Darin wird Zschäpe Mittäterschaft bei den zehn NSU-Morden vorgeworfen.

Zeugen

606 Zeugen hat die Bundesanwaltschaft für den Prozess benannt.

Ermittlungsakten

Die mehr als 280.000 Seiten Ermittlungsakten füllen mehr als 600 Ordner.

Yozgat beklagte, dass die Familie verdächtigt worden sei. „Wir haben uns fünfeinhalb Jahre nicht getraut, als Familie hinauszugehen. Alle haben uns feindselig angeschaut, sowohl die Deutschen als auch die Türken.“ Er sei gefragt worden: „Warum haben sie deinen Sohn getötet, wegen Haschisch oder Heroin?“

Kommentare (6)

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norbert

01.10.2013, 15:22 Uhr

Bei allem Mitgefühl für die Familie stellt sich mir die Frage, warum Herr Yozgat, der sich seit mindestens 21 Jahren in der BRD aufhält, noch kein deutsch gelernt hat.
Oder zumindest, ob die Familie erkennt, daß Sprachbarrieren ein Problem fördern könnten.

Deno58

01.10.2013, 15:53 Uhr

@norbert... ,
was hat denn das "Sprachproblem" mit dem Mord zu tun!? Selbst wenn das Opfer oder der Vater , wenn nicht sogar die ganze Familie sich perfekt in der deutschen Sprache ausdrücken könnte, würde es für die rassistischen Täter keinen Unterschied machen...
Das Sie bei dieser Grausamkeit noch was zum meckern haben, dafür sollten sie sich schämen...

norbert

01.10.2013, 18:10 Uhr

@Deno58
Nochmal: Bei allem Mitgefühl ... ja? nochmal: Mitgefühl !!!!
Aber nur Mitgefühl hilft für die Zukunft nicht sehr viel. Eher ideoligiefreie Diskussion.

Wenn ein Zugezogener die Landessprache nicht spricht, dann ist er für andere "Eingesessene" schlecht einschätzbar, was Angst macht. Diese Angst ist der Nährboden auf dem braunes Gedankengut gedeiht. (ist hier sehr verkürzt dargestellt, weiß ich)
So sollten wir uns auch unangenehmen Fragen stellen, statt jemanden zu 100% in die Opferschublade (und damit als grundsätzlich guten und unschuldigen Menschen) zu stecken.
Weiterhinn sollten wir solche diffusen Ängste ernst nehmen, anstatt die Leute in die Rassistenschublade zu stecken. Denn nur, wenn man diese Ängste ernst nimmt, treibt man diese Leute nicht in die Arme der Braunen.

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