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25.05.2016

18:51 Uhr

Handelsblatt Clubgespräch

Ziemlich schwierige Freundschaft

VonKai-Hinrich Renner

Deutschland und Frankreich sind die wichtigsten Triebkräfte der EU, verstehen sich aber nicht. Das sagt Frankreich-Kenner Ulrich Wickert im Handelsblatt Wirtschaftsclub. Dort erklärt er, warum Franzosen Merkel schätzen.

Ulrich Wickert und Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts, in Hamburg: Der Autor, Journalist und Frankreich-Experte Wickert sprach über die schwierigen deutsch-französischen Beziehungen. Johannes Arlt für Handelsblatt

Gespräch über Frankreich

Ulrich Wickert und Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts, in Hamburg: Der Autor, Journalist und Frankreich-Experte Wickert sprach über die schwierigen deutsch-französischen Beziehungen.

HamburgSchon ziemlich früh an diesem Abend wird klar, dass die Sache mit den deutsch-französischen Beziehungen nicht so einfach ist. „Vielleicht gibt es in Europa keine zwei Völker, die sich so wenig verstehen“, sagt Ulrich Wickert. Der Autor und Journalist, der von 1991 bis 2006 im Ersten die „Tagesthemen“ moderierte, weiß wovon er spricht. Bereits als Jugendlicher zog er 1956 nach Paris. Sein Vater arbeitete damals als Referent für die deutsche Vertretung bei der NATO, die seinerzeit ihre Zentrale noch an der Seine hatte.

Die Verbindung nach Frankreich riss nie ab: Von 1984 bis 1991 leitete er das ARD-Studio Paris. Für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft wurde er 2005 zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Heute gilt Wickert als der deutsche Frankreich-Experte. Und als solcher sitzt er nun im Hamburger Braugasthaus „Altes Mädchen“. Im Rahmen des Handelsblatt Wirtschaftsclubs spricht er mit dessen stellvertretenden Chefredakteur Thomas Tuma über „Europa zwischen Vision, Wirklichkeit und Wahnsinn“.

Die Achse Berlin-Paris ist, daran hat der 73-Jährige keinerlei Zweifel, sei „essentiell“ für ein vereinigtes Europas: „Schon Churchill wusste, dass es eine europäische Einigung nur geben kann, wenn Deutschland und Frankreich der Motor dieses Prozesses sind.“

Frankreich und Deutschland: Enge Partner in unterschiedlicher Lage

Wirtschaft

Bei der Wirtschaftslage liegen zwischen den beiden Seiten des Rheins Welten. In Frankreich ist der Konjunkturmotor nach der Finanzkrise nicht wieder so recht in Fahrt gekommen, in den vergangenen beiden Jahren lag das Wachstum mit 0,2 und 1,2 Prozent spürbar niedriger als in Deutschland (1,6 und 1,7 Prozent). Richtig dramatisch tief ist der Graben am Arbeitsmarkt: In Frankreich sind 10,2 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Job; die Quote ist nach Eurostat-Zahlen mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland (4,3 Prozent).

Flüchtlinge

Während Deutschland zum Zielland für Hunderttausende geworden ist, spürt Frankreich die Flüchtlingskrise deutlich weniger. Die Flüchtlingsbehörde registrierte 2015 knapp 73.500 Asyl-Erstanträge, 23,9 Prozent mehr als im Vorjahr. In Deutschland waren es fast 442.000, gut 150 Prozent mehr als 2014 – und viele Anträge waren da wegen des Andrangs noch gar nicht aufgenommen worden.

Demografie

In Deutschland bringt jede Frau im Schnitt 1,47 Kinder zur Welt. In Frankreich liegt die Geburtenquote dagegen bei zwei Kindern pro Frau, der höchste Wert in der EU. Das hat langfristig Auswirkungen beispielsweise auf Arbeitsmarkt und Rentensysteme, Wohnungsbedarf und Bevölkerungsentwicklung.

Staatshaushalt

Frankreich reißt seit Jahren die Brüsseler Drei-Prozent-Grenze für das Haushaltsdefizit – auch wenn das Minus dank der Niedrigzinsen zuletzt mit 3,5 Prozent etwas kleiner ausfiel als erwartet. Die Frist für das Erreichen der Zielmarke wurde mehrfach verschoben. Der deutsche Staat dagegen nimmt derzeit mehr Geld ein, als er ausgibt.

Terror

Frankreich steht unter dem Eindruck einer blutigen Terrorserie, die mit den Pariser Anschlägen vom November einen Höhepunkt fand. Die Debatte um Sicherheit ist deshalb zentral, das Land verunsichert. Auch in Deutschland ist Terrorismus nach den Anschlägen von Paris und Brüssel Thema; das Land blieb aber bislang von Anschlägen verschont.

Aber wie kann Europa funktionieren, wenn Deutsche und Franzosen sich laut Wickert nicht verstehen? Wickert verweist auf persönliche Begegnungen wie sie im Rahmen des deutsch-französischen Bildungswerkes, aber auch durch Städtepartnerschaften ermöglicht werden. Und auch auf Regierungsebene sein ein guter persönlicher Draht nützlich. Der Journalist bekam aus nächster Nähe mit wie Gerhard Schröder und Jacques Chirac, die sich zunächst kaum etwas zu sagen hatten, einander annäherten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Amtskollege Michel Sapin verstünden sich gut.

Angela Merkel würden die Franzosen schätzen. „Sie haben sie in der Flüchtlingskrise für ihren Satz ,Wir schaffen das‘ bewundert“, sagt Wickert. „Das Magazin ,Le Point‘ hat sogar getitelt ,Warum ist sie keine Französin?‘“ Auf Nachfrage räumt er aber ein, dass die Kanzlerin für diesen Satz in Frankreich kaum gewählt worden wäre. Die Flüchtlingspolitik der Grande Nation ist vergleichsweise restriktiv. Gerade mal 30.000 Schutzsuchende will Frankreich aufnehmen.

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