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22.12.2011

06:49 Uhr

Handwerks-Präsident Kentzler

„Wir können nicht mit großen Scheinen winken“

VonDaniel Goffart

ExklusivImmer mehr Deutsche wandern aus. Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Handwerk plagen inzwischen Nachwuchssorgen. Handwerks-Präsident Otto Kentzler fordert Betriebe auf, „wie die Löwen“ um Bewerber zu kämpfen.

Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Wie die Löwen kämpfen. dapd

Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Wie die Löwen kämpfen.

Handelsblatt: Herr Kentzler, Immer mehr Deutsche wandern aus. Wie stark trifft der Wegzug von jungen Deutschen auch das Handwerk?

Otto Kentzler: Den „Brain-drain“ kennen wir nicht nur in akademischen Berufen. Gesellen und Meister mit einer Ausbildung im deutschen Handwerk sind weltweit hoch angesehen. Die Nachbarstaaten innerhalb der EU werben seit Jahren intensiv um unsere gut ausgebildeten Fachkräfte. Aber auch deutsche Großunternehmen aus Industrie und Dienstleistung sind daran interessiert. Mein Appell an die Handwerksmeister: Wir haben im Handwerk keine Fachkräfte zu verschenken. Halten Sie diese Fachkräfte im Handwerk – wir brauchen sie.

Was können sie tun, um die massive Abwanderung zu stoppen?

Mit großen Geldscheinen können und müssen Mittelständler nicht winken. Eine Untersuchung hat ergeben, dass gut ausgebildete junge Leute im Handwerk bleiben, wenn das Team stimmt, also das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten, und wenn sie berufliche Perspektiven erhalten. Daran arbeiten wir. Mit gezielter Weiterbildung nach dem Berufslaufbahnkonzept des Handwerks können sie die Karriere-Leiter erklimmen oder sich auf die eigene Selbständigkeit vorbereiten. Für Eltern engagieren sich immer mehr Betriebe bezüglich Krippen- und Kita-Plätzen. Frauen finden gerade in kleineren Betrieben leichter flexible Einsatzmöglichkeiten – ob als Fachverkäuferin oder Managerin. Beides hilft, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Klingt gut, aber wirkt das auch?

Es funktioniert bereits: Der Anteil der Frauen bei den erfolgreichen Meisterprüfungen hat sich innerhalb von 20 Jahren verdoppelt.

Dennoch bildet nur jedes zweite Unternehmen in Deutschland aus…

Das Handwerk hat mit rund neun Prozent immer noch eine Ausbildungsquote, die mehr als doppelt so hoch wie in anderen Wirtschaftszweigen liegt. Unser Problem ist es mittlerweile, dass allein in diesem Jahr rund 11.000 Ausbildungsplätze nicht besetzen werden konnten. Wir müssen um unseren Nachwuchs kämpfen wie die Löwen! Viele Handwerksmeister haben längst die Initiative ergriffen. Ich kenne einen Dachdeckermeister, der für schwächere Schüler Praktika organisiert und Nachhilfe bezahlt, damit sie einen ordentlichen Schulabschluss schaffen. Viele dieser Jugendlichen lernen anschließend in seinem Betrieb – und erreichen dort dank der exzellenten Ausbildung Spitzenresultate bei Gesellen- und Meisterprüfung.

Warum gelingt es nicht, im Gegenzug mehr Handwerker aus dem Ausland nach Deutschland zu holen?

Aus den EU-Ländern arbeiten schon einige zehntausend als Handwerker in Deutschland, jedoch meistens als Selbständige. Bewerbungen von Facharbeitern, beispielsweise aus Spanien, wo viele Kräfte aus den Bauberufen keinen Job haben, sind willkommen. Bisher waren jedoch vor allem die ausländischen Akademiker so mobil, dass sie sich in Deutschland bewerben.

Warum gelingen nicht mehr Einstellungen?

Bei der Einstellung sind die bisher unterschiedlichen Ausbildungsstandards ein Problem. Das neue Anerkennungsgesetz wird den Betrieben und den Bewerbern ab 2012 mehr Sicherheit geben. Wo es Qualifikationsdefizite gibt, wollen die Handwerkskammern künftig gezielt ein Angebot zur Nachschulung zum Gesellen oder Meister machen.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

22.12.2011, 07:12 Uhr

Auswandern hört sich halt besser an als flüchten!

nixarbeit

22.12.2011, 08:29 Uhr

Für 1300 netto auf dem Bau schuften, während andere
daheim bequem am Sofa liegen. Nein, ich gründe eine Bank, leih mir für ein Prozent Zinsen Geld und kaufe griechische oder italienische Staatsanleihen mit 8 -300 % Zinsen.
Körperliche Arbeit wurde vollkommen entwertet. Banken-und Politschnösel regieren diese Land zugrunde.

uelibueli

22.12.2011, 08:32 Uhr

einfach "nur auf der Bremse" zu stehen, scheint im Falle Deutschlands zum Erreichen eines "Einheitsbrei Europa" eben nicht auszureichen.

Wir müssen downgraden, um mit Europa kompatibel zu bleiben.

Soll sich der Wulf mit seiner Weihnachtsansprache doch hinstellen, und Tacheles reden:

"Scheiß auf Deutschland - alles für Europa" ...

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