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01.04.2016

14:55 Uhr

Hans-Dietrich Genscher ist tot

Der Metternich aus Halle

VonThomas Sigmund

Mit Hans-Dietrich Genscher verliert Deutschland einen Staatsmann, der die Welt verstand und dem Land in der Welt ein freundliches Gesicht gegeben hat. Bis zum Schluss sorgte er sich um die Zukunft Europas. Eine Würdigung.

In sein langes und bewegtes Leben passten mehrere Leben: Hans-Dietrich Genscher

Hans-Dietrich Genscher

In sein langes und bewegtes Leben passten mehrere Leben: Hans-Dietrich Genscher

BerlinAllzu viele vom Format eines Hans-Dietrich Genscher hat es in der deutschen Politik nicht gegeben. Deutschland verliert mit seinem dienstältesten Außenminister einen Staatsmann, der die Welt verstand und der uns in der Welt ein freundliches Gesicht gegeben hat. Der „Mann mit dem gelben Pullunder“ und die 1:30 Minuten in der „Tagesschau“ gehörte zum deutschen Inventar. Die Bürger verliehen ihn fast liebevoll den Ehrentitel „Genschman“.

In sein langes und bewegtes Leben passten mehrere Leben. Er war Politiker, Staatsmann und Europäer. Bis zum Schluss war er einer, der sich um die Zukunft Deutschlands und Europas sorgte und vor einer „neonationalistischen Verführung“ durch die Rechtspopulisten warnte. „Wer den europäischen Weg verlässt, verspielt die gemeinsame Zukunft“, mahnte der langjährige FDP-Chef in einem seiner letzten Gastbeiträge für das Handelsblatt.

Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine nannte Genscher den „Metternich aus Halle“. Schon alleine wegen seiner Gabe, sich aus ausweglosen Situationen herauszuwinden. Doch bei der Wiedervereinigung war Genschers Kurs glasklar. Er war vermutlich einer der Ersten, der die Bedeutung des damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow für eine friedliche Wiedervereinigung erkannte. Prag im Herbst 1989 war die prägendste Station der politischen Laufbahn des gebürtigen Hallensers, der 1952 aus der DDR in den Westen kam.

Stationen in Genschers politischer Karriere

21. März 1927

Hans-Dietrich Genscher wird in Reideburg/Saalkreis geboren. Nach Kriegsdienst und Ergänzungsabitur nimmt Genscher 1949 sein Jura-Studium auf.

1952

Eintritt in die FDP.

1969

Nach der Bundestagswahl ist Genscher maßgeblich an der Bildung einer sozialliberalen Koalition beteiligt und wird im Oktober als Innenminister in das Kabinett von Willy Brandt (SPD) berufen.

1972

Bei der Geiselnahme jüdischer Sportler während der Olympischen Spiele in München bietet sich Genscher als Austauschgeisel an, das wird aber von den palästinensischen Terroristen abgelehnt. Den tödlichen Ausgang des Dramas sieht Genscher als persönliche Niederlage und bietet seine Rücktritt an.

1974

Während der Spionage-Affäre um Günter Guillaume gerät auch Genscher als oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes unter Druck. Nach dem Rücktritt Brandts übernimmt er den Posten des Außenministers und Vizekanzlers unter Helmut Schmidt (SPD). Genscher löst zudem Walter Scheel als Vorsitzenden der FDP ab.

1982

Austritt der FDP-Mitglieder aus dem Kabinett Schmidt. Genscher unterstützt, gegen den linksliberalen Flügel seiner Partei, Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU und setzt sich für das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt ein.

Oktober 1982

Nach der Wahl von Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler behält Genscher seine bisherigen Ämter. Zu seinen Zielen zählen die Weiterführung der Entspannungspolitik und des Ost-West-Dialogs mit der sich wandelnden UdSSR sowie das Zusammenwachsen Europas.

1985

Wegen Kritik an seinem Führungsstil gibt Genscher sein Amt als FDP-Parteivorsitzender an Martin Bangemann ab.

30. September 1989

Auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag sagt Genscher: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht ihre Ausreise...“. Das Satzende geht im Jubel Tausender DDR-Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände unter. Später sieht Genscher diesen Moment als Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit.

Juli 1990

Historisches Treffen von Kanzler Kohl und dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow im Kaukasus. Im Beisein von Genscher gelingt der Durchbruch auf dem Weg zur deutschen Einheit.

Dezember 1991

Deutschland ist Ende Dezember das erste EG-Land, das Slowenien und Kroatien - wo man Genscher als Volkshelden und „Geburtshelfer“ der Souveränität feiert - anerkennt. Kritiker werfen der Bundesrepublik vor, den Balkankonflikt damit angeheizt und das Ende Jugoslawiens besiegelt zu haben.

1992

Der Vizekanzler und dienstälteste Außenminister tritt auf eigenen Wunsch von seinen Ämtern zurück und wird zum Ehrenvorsitzenden der FDP ernannt.

1998

Genscher scheidet nach 33 Jahren aus dem Bundestag aus.

Die Szene hat sich in das kollektive Gedächtnis des widervereinigten Deutschlands eingebrannt. Auf dem im abendlichen Dunkel von Scheinwerfern erleuchteten Balkon der deutschen Botschaft ging sein Satz: „Ich bin heute Abend zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen ...“ im Jubel der dort ausharrenden DDR-Flüchtlinge unter.

Seitdem ist sein Name untrennbar mit der deutschen Einheit verbunden. Für ihn hat es keine Konkurrenz zum „Einheitskanzler“ Helmut Kohl gegeben. Er warf Kohl Fehler bei der wirtschaftlichen Wiedervereinigung, vor allem bei der Abwicklung der Produktion im Osten, vor. Doch Kohl und Genscher fanden immer wieder ein professionelles Verhältnis zueinander.

Kommentare (15)

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Herr Paul Kersey

01.04.2016, 15:29 Uhr

Ist das nicht der Typ der damals die ganzen Flüchtlinge aus Ungarn nach Westdeutschland geholt hat?

Account gelöscht!

01.04.2016, 15:45 Uhr

Ja.

Aber
1. waren das tatsächlich Flüchtlinge und keine Asylbetrüger und
2. waren das Deutsche.

Herr Helmut Metz

01.04.2016, 15:46 Uhr

Der letzte fähige Außenminister - für fast alle Amtsnachfolger musste man sich als Deutscher oft in Grund und Boden schämen.
Unvergessen natürlich sein historischer Auftritt in der Prager Botschaft Ende September 1989 vor den DDR-Flüchtlingen mit dem wohl berühmtesten nicht zu Ende gesprochenen Satz:
https://www.youtube.com/watch?v=Qh9EwNurawE
Auch modisch hat "Genschmann" mit seinem gelben Pullunder Akzente gesetzt - und hat bewiesen, dass dieses Kleidungsstück alles andere als bieder ist.

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