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15.01.2012

15:45 Uhr

Hans-Olaf Henkel

„Deutscher Euro-Austritt mit anderen Ländern denkbar“

VonDietmar Neuerer

ExklusivLinde-Chef Reitzle erntet für seine Überlegungen zu einem deutschen Austritt aus dem Euro nicht nur Kritik. Ex-BDI-Chef Henkel unterstützt den Vorstoß. Er glaubt sogar, dass noch weitere Dax-Chefs so denken wie Reitzle.

Der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. ap

Der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel.

Handelsblatt Online: Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat einen Euro-Austritt Deutschlands ins Gespräch gebracht. Überrascht Sie, dass er offenbar der einzige Chef eines Dax-Konzerns ist, der so denkt?

Hans-Olaf Henkel: Woher wollen Sie wissen, dass nicht noch mehr so denken? „Unter vier Augen“ erzählt man mir Ähnliches schon seit langem. Ich habe selbst zu spüren bekommen, dass das Rütteln am Einheits-Euro von unseren Vorständen, Wirtschaftsredakteuren und Politikern als politisch inkorrekt angesehen wird. Insofern kann ich ein Lied davon singen. Deshalb ist es für einen Ex-Unternehmenschef wie mich einfacher über Alternativen zu reden und zu schreiben als für einen aktiven Vorstandsvorsitzenden wie Reitzle.

Im letzten Juni gehörte er noch zu den Unterzeichnern der Jubelanzeige, die Cromme veranlasst hat! Dass er nun der erste der Dax-Vorstände ist, der wagt, öffentlich über Alternativen zu sprechen, wundert mich allerdings nicht. Ich kenne ihn als unabhängigen analytischen Geist, und er hat immer wieder Mut bewiesen. Er wird nicht der Letzte sein, der sich auch öffentlich Gedanken über Alternativen zum Einheits-Euro macht.

So bewertet S&P die Euro-Länder

Belgien

Aktuelles Rating: AA

Ausblick: negativ

Deutschland

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: stabil

Estland

Aktuelles Rating: AA-

Ausblick: negativ

Finnland

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Frankreich

Aktuelles Rating: AA+

Ausblick: negativ

Irland

Aktuelles Rating: BBB+

Ausblick: negativ

Italien

Aktuelles Rating: BBB+

Ausblick: negativ

Luxemburg

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Malta

Aktuelles Rating: A-

Ausblick: negativ

Niederlande

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Österreich

Aktuelles Rating: AA+

Ausblick: negativ

Portugal

Aktuelles Rating: BB

Ausblick: negativ

Slowakei

Aktuelles Rating: A

Ausblick: stabil

Slowenien

Aktuelles Rating: A+

Ausblick: negativ

Spanien

Aktuelles Rating: A

Ausblick: negativ

Zypern

Aktuelles Rating: BB+

Ausblick: negativ

Ist für Sie ein Austritt Deutschlands aus dem Euro-Raum ein realistisches Szenario?

Ich unterscheide immer gern zwischen dem, was meiner Meinung nach passieren wird und dem, was passieren müsste. Ich fürchte, der Euro wird noch lange weiter existieren, weil er in zunehmendem Maße von deutschen Steuerzahlern alimentiert wird. Ein einseitiger Austritt Deutschlands ist politisch so lange nicht vorstellbar, wie die gesamte politische Klasse weiter den Wählern vormacht, dass es keine Alternativen gibt. Auch deshalb ist Reitzles Intervention bedeutsam.

Ein gemeinsamer Austritt mit anderen Ländern, die eine ähnliche Finanz- und Wirtschaftskultur haben („Nord-Euro“) ist eher denkbar als die Wiedereinführung der D-Mark, vor allem, wenn die Initiative von anderen „Nordländern“ ausgeht, die unbefangener an die Sache als die Deutschen herangehen. Sie kann aber auch von einem „südlichen“ Land ausgehen, weil zunehmend erkannt wird, dass der Euro dort zu stark geworden ist und die Wirtschaft ohne eine Abwertung des Euro nicht mehr auf einen grünen Zweig kommt.

Kommentare (108)

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15.01.2012, 16:00 Uhr

Schön, dass Sie sich mit solch fundiertem wirtschaftlichem Wissen an der Diskussion beteiligen. Ganz toll!

Sapere_aude

15.01.2012, 16:03 Uhr

....womit wir uns wieder in die Wiederholungsschleife der Geschichte begeben und den Umgang mit Andersdenkenden, wenn sie den wahren Kern treffen.

Rapid

15.01.2012, 16:03 Uhr

Klare Ansage, klare Gedankenführung, klarer Vorschlag.
Alles was seit Monaten nicht nur in den Kommentarspalten des HBs in Rede gebracht wurde von denjenigen, die sich eine realistische Sicht auf nicht mehr zu beschönigende Sachverhalte bewahrt haben, wird durch Herr Henkel angesprochen und auf den Punkt gebracht.
Es ist zu hoffen, dass nach Herrn Reitzle nun auch noch andere Dax-Konzern-Chefs das Wort ergreifen und der Vernunft "eine Gasse bahnen"

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