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24.09.2011

09:39 Uhr

Hans-Werner Sinn

„Die Euro-Krise bürdet Deutschland große Lasten auf“

VonDirk Heilmann

Der Chef des Ifo-Instituts wirft den Politikern vor, sich vor der Lösung der echten Probleme zu drücken. Daher führe die Euro-Schuldenkrise zu enormen Risiken für den deutschen Staatshaushalt, sagt Sinn im Interview.

Hans-Werner Sinn hält Griechenland für einen hoffnungslosen Fall. dapd

Hans-Werner Sinn hält Griechenland für einen hoffnungslosen Fall.

Handelsblatt: Herr Professor Sinn, die Bundesrepublik ist praktisch schuldenfrei durch das Wirtschaftswunder gekommen. Wer hat den Grundstein für unser heutiges Schuldenproblem gelegt?

Hans-Werner Sinn: Das war ab 1969 die sozialliberale Koalition. In der Amtszeit von Helmut Schmidt verdoppelte sich die Staatsverschuldung von 20 auf 40 Prozent des BIP, obwohl die Wirtschaft stürmisch wuchs. Damals sprach man von öffentlicher Armut und privatem Reichtum und baute überall Schwimmbäder. Die FDP blockierte Steuererhöhungen, also machte man Schulden.

Und der nächste große Schub war die Wiedervereinigung.

Genau. Helmut Kohl hat versprochen, dass für die Wiedervereinigung keine Steuern erhöht würden. So stieg die Schuldenlast wegen der Vereinigung um ein bis eineinhalb Billionen Euro. Es war ja nicht ganz irrational, zu sagen, dass man eine solche einmalige Last per Kreditaufnahme auf mehrere Generationen verteilen sollte. Aber es war trotzdem falsch, denn es war bekannt, wie sich die demografische Lage in Deutschland entwickeln würde. Es wird den kleineren künftigen Generationen schwerfallen, die bei der Wiedervereinigung aufgebauten Schulden zu bedienen. Hätte man stattdessen die Steuern erhöht, dann wäre auch nicht so viel Geld für überflüssige Subventionen verschwendet worden.

Mal von diesem außerordentlichen Ereignis abgesehen - warum steigt die Schuldenlast so unaufhaltsam?

Demokratische Regierungen neigen dazu, Schulden zu machen und so die Lasten auf künftige Generationen zu verteilen. Denn die sind ja noch nicht wahlberechtigt. Es ist vertretbar und richtig, sich in Krisen zu verschulden und die Schulden im nachfolgenden Boom wieder abzutragen. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Politik immer gerne bereit ist, sich mit irgendwelchen Ausreden um den zweiten Teil zu drücken.

Doch wann sind Schulden zu hoch? Hat die von den US-Ökonomen Rogoff und Reinhart genannte Grenze von 90 Prozent des BIP, ab der Schulden das Wachstum lähmen, ihre Berechtigung?

Ja, ich denke schon. Bei Italien dachte man lange, eine Schuldenlast von 120 Prozent des BIP sei verkraftbar. Nun merken wir, dass das nicht stimmt. Italien hat lange Zeit davon profitiert, dass sich die Zinsen im Euro-Raum angenähert hatten, hat aber den gesamten Zinsvorteil verfrühstückt. Das macht Deutschland derzeit genauso, denn obwohl die Krise die Zinsen für den deutschen Staat auf einen historischen Tiefpunkt getrieben hat, spart der Staat nicht, sondern macht neue Schulden. Summa summarum zeigt die Erfahrung, dass Schuldenregeln gar nicht strikt genug sein können. Seien wir froh, dass es die vorige Bundesregierung geschafft hat, die Schuldenbremse ins Grundgesetz aufzunehmen. Das war ein großer Erfolg.

Solche Konzepte berücksichtigen allerdings nicht die impliziten Staatsschulden, die in den Zahlungsversprechen der Sozialkassen lauern.

Das ist richtig. Implizite Schulden sind zweifellos Staatsschulden, denn wer etwa in die Rentenversicherung eingezahlt hat, der hat Ansprüche. Aber es ist gar kein Geld vorhanden, um diese Ansprüche zu decken, denn die Beiträge werden ja jeweils von der aktuellen Rentnergeneration aufgezehrt. Der Anspruch richtet sich also an künftige Generationen, die der Staat dafür zur Kasse bitten wird - genauso wie bei einer Staatsanleihe.

Kommentare (34)

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Account gelöscht!

24.09.2011, 11:17 Uhr

Herr Prof. Sinn versteht wenigstens, wovon er redet. Wir brauchen neue Parteien, und Prof. Sinn als Berater.
Der Euro stranguliert Deutschland - die Probleme, die Deutschland schon ohne Euro hat, werden brutalstmöglich von den Politikern unter den Teppich gekehrt. Politiker sind die Idioten, die nur "gestalten" wollen, "politische Projekte" durchziehen auf Kosten der Bevölkerung. Und sich dabei selbstverständlich mittels quasi-automatischer Diätenerhöhung wie die Maden im Speck fühlen dürfen. Für die Bevölkerung haben die nichts übrig.
Also dreierlei: politische EU-Krise, Eurokrise, Demokratiekrise in Deutschland. Schlechter könnte der Ausblick nicht sein. Vor allem, wenn man sich noch das FIAT-Money-System vor Augen hält.

Account gelöscht!

24.09.2011, 11:27 Uhr

„Es wird den kleineren künftigen Generationen schwerfallen, die bei der Wiedervereinigung aufgebauten Schulden zu bedienen“.

Herr Prof.Sinn, danke für diesen Artikel. Aber wie bekommen wir Herrn Schäuble dazu, mal Ihre Artikel zu lesen? Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass er sich mit Händen und Füßen dagegen sträubt und lieber weiterhin in seiner Scheinwelt lebt, die ihm von seinen Lobbyisten der Banksterkaste als das Paradies auf Erden suggeriert wird.
Das wird ein böses Erwachen geben, wenn mal zur Abwechslung die stupid Germans auf die Barrikaden gehen, die bisher in ihrem Schleier vom Obrigkeitsdenken gefangen sind.

Sie mausern sich zu meinem Lieblings-Ökonomen und verdrängen Herrn Prof. Markus Kerber auf den 2.Platz.

rxm

24.09.2011, 12:12 Uhr

Herr Prof. Sinn hat von Anfang an das richtige Verständis für diese Krise gehabt und bereits im Frühjahr 2010 dafür plädiert, das Griechenland aus der Eurozone raus muß. Leider wurde er von all den Euro-Fanatikern in der EU in die Ecke gestellt und ignoriert. Sehr bedauerlich. So wird es für uns alle am Ende sehr, sehr teuer werden.

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