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19.10.2014

15:24 Uhr

Hans-Werner Sinn zur Notenbankpolitik

„Probleme lassen sich nicht mit Geld zudecken“

VonNorbert Häring

ExklusivLaut Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, ist die Krise an den Kapitalmärkten noch längst nicht ausgestanden. Im Handelsblatt (Montagsausgabe) bezweifelt der Ökonom daher, dass Notenbanken viel ausrichten können.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn glaubt nicht an langfristige Marktberuhigung durch die Notenbanken. dpa

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn glaubt nicht an langfristige Marktberuhigung durch die Notenbanken.

DüsseldorfDer Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, bezweifelt, dass die Entspannung an den Finanzmärkten in Reaktion auf Notenbankäußerungen nachhaltig ist. „Auch auf der globalen Ebene kann man die Probleme nicht dauerhaft mit Geld zudecken“, sagte Sinn dem Handelsblatt (Montagausgabe).

Am Donnerstagabend und Freitag hatten Vertreter der US-Notenbank und der Bank von England in Aussicht gestellt, die Geldpolitik länger als geplant locker zu halten. Ein Vertreter der Europäischen Zentralbank hatte angekündigt, die Notenbank werde schon in den nächsten Tagen mit Wertpapierkäufen beginnen.

Mit Bezug auf die wieder aufflammende Krise im europäischen Währungsraum sagte Sinn: „Die Kapitalmärkte haben lange die These geglaubt, dass es sich um eine vorübergehende Krise handelt, die mit viel Geld zu beheben ist. Dieser Glaube verflüchtigt sich jetzt“. Er verwies dabei auf die gestiegenen Renditeabstände bei Staatsanleihen und die fallenden Aktienkurse.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Notkredite

In der Krise hat die EZB dem angeschlagenen Bankensektor mehrfach Notkredite mit ungewöhnlich langen Laufzeiten von bis zu drei Jahren zur Verfügung gestellt. Doch viele Institute nutzten das billige Geld, um damit höher verzinste Staatsanleihen aufzukaufen. EZB-Präsident Mario Draghi stellte daher schon im Januar 2014 klar: „Wenn wir etwas Ähnliches wieder machen, wollen wir sicherstellen, dass das Geld in die Wirtschaft fließt.“ Jetzt verleiht die EZB abermals billiges Geld. Die Vergabe wird aber an die Bedingung geknüpft, dass die Geschäftsbanken die Mittel zumindest teilweise weiterreichen. Damit soll die Konjunktur belebt werden. Das Programm soll zunächst einen Umfang von 400 Milliarden Euro haben.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Sinn sieht den Grund für das Wiederaufflammen der Krise darin, dass die bisherigen Gegenmaßnahmen nur die Symptome im Finanzbereich angegangen hätten, nicht aber die tiefer liegenden wirtschaftlichen Ursachen. „Die Industrien in Südeuropa sind nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagte Sinn. Gerade in Bezug auf Italien hätten sich die Erwartungen für die Wirtschaftsentwicklung besonders deutlich gedreht. „Statt eines Wachstums wird nun eine schrumpfende Wirtschaftskraft erwartet.“

Kommentare (7)

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Der Sagitta

20.10.2014, 07:32 Uhr

Waren es noch vor wenigen Jahren die "Millionen" sind es heute die "Milliarden" und morgen schon Billionen und Trillionen.

Wohin das führt kann sich jeder Dummkopf bzw. Dummköpfin ausrechnen.

Merkel und Schäuble sei Dank!

Und dann heißt es nur lapidar, "JA WIR HABEN FEHLER GEMACHT".

Herr wulff baer

20.10.2014, 07:53 Uhr

Jeder einigermaßen klardenkende Mensch weiß, dass die Rezession in Europa nur auf eines zurückzuführen ist:

Auf eine inkompatible, zu teure Gemeinschaftswährung, mit der die Südstaaten-Pleitiers im Wettbewerb nicht klarkommen.

Gebt dem ClubMed und Frankreich die nationalen Währungen zurück, lasst sie um ein Drittel abwerten, dann wird sich einiges zum Besseren wenden.

Wenn dann noch die Chefs der EZB gefeuert werden, sind wir auf Schäubles "gutem Weg".

Herr Tom Schmidt

20.10.2014, 10:38 Uhr

Logik und Konsistenz...

Ich stimme Herrn Sinn zu, Banker inklusive Notenbanker können nicht Probleme der Wirtschaft lösen. Sie sind lediglich Dienstleister (nur besser bezahlt als Friseure, allerdings niemand weiss warum).

Wenn aber mit der Währung keine wirtschaftlichen Probleme gelöst werden können, dann kann auch nicht mit einer schwachen Währung die Wirtschaft angekurbelt werden. Dementsprechend verstehe ich das Geheule um den Euro nicht. Nicht der Euro ist das Problem, sondern die Verschuldungs- und Gelddruck-Orgien!

Eine starke Währung ist immer gut für die Wirtschaftsentwicklung, sie ermöglicht den Tausch von Arbeit und damit Spezialisierungen. Nur sie erzeugt das notwendige Vertrauen in einen solchen Spezialisierungsprozess.

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