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26.01.2010

18:19 Uhr

Hartz IV

Alles auf Anfang

VonDietrich Creutzburg

Nachbarn beneiden Deutschland darum, wie wenig Spuren die Krise auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt. Nun aber rächt sich, dass die Bundesregierung die Reform der Hartz-Gesetze aufgeschoben hat. Betroffen sind besonders die Jobcenter: Sie müssen nun die Jahrhundertreform wieder zurückdrehen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen: Ihre Jobcenter-Reform halten viele Experten für fatal. Getty Images

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen: Ihre Jobcenter-Reform halten viele Experten für fatal.

MANNHEIM. Wenn man Lydia Mayer nach ihren Erfahrungen als Hartz-IV-Empfängerin fragt, redet sie eigentlich nur von ihrer neuen Arbeit. Im Singsang ihres Mannheimer Dialektes erzählt sie dann, wie sie sich täglich im Pflegeheim um alte Menschen kümmert. Wie anstrengend das sein kann, jeden Morgen ab sechs Uhr, aber auch wie erfüllend. Dass sie diese Arbeit gerne macht, muss sie nicht erst sagen, man sieht es am Glanz ihrer Augen. Hartz IV? Das war einmal.

Wenn man Hermann Genz fragt, wie es ihm mit Hartz IV geht, dann legt sich seine Stirn neuerdings in tiefe Falten. Dabei ist der Endfünfziger mit der randlosen Brille und dem Schnauzbart eigentlich notorischer Optimist. Sein ganzes Arbeitsleben hat er dem Ziel gewidmet, Mitmenschen, die an den Rand der Gesellschaft zu rutschen drohen, neu zu motivieren und ihnen aus prekären Lebenslagen herauszuhelfen.

Hermann Genz ist Geschäftsführer der Jobcenter-Arbeitsgemeinschaft ("Arge") Mannheim. Leute wie er träumen von Fällen wie dem Lydia Mayers.

Und er hat viele ähnliche aufzuweisen. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in der 320000-Einwohner-Stadt etwa hat sich in fünf Jahren auf 3500 halbiert. Das ist auch Genz' Werk.

Doch nun macht sich Genz große Sorgen. Aller Voraussicht nach darf er sich in seinem Jobcenter für den Rest des Jahres nur noch mit verwaltungsorganisatorischen Fragen herumschlagen. Für Fälle wie den von Lydia Mayer wird ihm und seinen Mitarbeitern die Zeit fehlen - und das ausgerechnet jetzt, wo die Krise den deutschen Arbeitsmarkt kräftiger als bisher beuteln könnte.

Fünf Jahre Arbeit - alles umsonst. So sieht Hermann Genz die Dinge.

Fünf Jahre, so lange hat Genz daran gearbeitet, sein Jobcenter aufzubauen: die 200 Mitarbeiter aus seinem Sozialamt mit den 150 der Bundesagentur für Arbeit zu neuen Teams zusammenzuschweißen. Mühsam war das, aber Genz hat es geschafft und sogar besser als mancher Kollege in den anderen 350 Jobcentern der Republik.

Allen Jobcenter-Chefs geht es wie Genz. Nun heißt es: Alle zurück auf Los! Das betrifft bundesweit 6,5 Millionen Hilfebezieher. Und es betrifft 60000 Jobcenter-Mitarbeiter. Nun muss Hermann Genz das, was bei ihm in Mannheim zusammenwuchs, wieder auseinandersortieren. Mitarbeiter für Mitarbeiter, Akte für Akte, Vorgang für Vorgang.

Die Mischverwaltung war ein wichtiger Teil der Agenda-2010-Reformen. Doch nun wird ein Kern des größten sozialpolitischen Umbaus in Deutschland seit 1949 rückabgewickelt - und das zur Unzeit.

Es ist eine Operation am offenen Herzen. Denn niemand weiß, wie lange die Unternehmen durchhalten, die derzeit mit Hilfe der Kurzarbeit Massenentlassungen noch umgehen. Dann müssten die Jobcenter in Topform sein, müssen sich zusätzlich zu den heutigen 6,5 Millionen noch um viele weitere Hunderttausend Arbeitslose kümmern. Stattdessen gibt es allerorten Auflösungserscheinungen - in Mannheim und anderswo.

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