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31.01.2015

17:07 Uhr

Hartz IV

„Billignudeln von Aldi sind besser als nichts“

VonStefan Kreitewolf

Zum Monatsende wird das Geld knapp. Jedes Mal. Andreas H. war mal Koch, schätzte die gehobene Küche. Dafür reichen die 4,50 Euro pro Tag längst nicht mehr. Dem Hartz-IV-Empfänger bleibt nur schwarzer Humor. Ein Besuch.

Aktuell beziehen 4,3 Millionen in Deutschland Hartz IV. dpa

Aktuell beziehen 4,3 Millionen in Deutschland Hartz IV.

KölnEs riecht nach kaltem Rauch. Doch nirgends gibt es in der Wohnung einen Aschenbecher. Keine Spur von Tabakkrümeln, Feuerzeug und Zigaretten. Der Wohnzimmertisch ist frisch geputzt, wenn Andreas H. in seiner Kölner Wohnung Gäste empfängt. Sauberkeit sei ihm wichtig, sagt er mit etwas brüchiger Stimme. Er ist nervös. Denn es kommt nicht oft vor, dass ihn Fremde besuchen.

Andreas H. ist arbeitslos. Er bezieht die Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuches (SGB) II. Im Klartext: Der 59-Jährige lebt von Hartz IV, so wie aktuell 4,3 Millionen Menschen in Deutschland. 2004 vollzog der deutsche Staat den bürokratischen Kraftakt der gemeinsamen Arbeits- und Sozialverwaltung – die Hartz-Reformen. Zum 1. Januar 2005 verschmolzen die Arbeitslosenhilfe und Teile der Sozialhilfe. Nun gibt es Hartz IV seit zehn Jahren. Für Andreas H. ist das kein Grund zu feiern.

Für ihn ist der Gang zur Bank eine Qual. Die Furcht sei jeden Monat groß, dass das Geld schon wieder nicht reiche, sagt er. 138,33 Euro bleiben ihm monatlich zum Leben. Das sind etwa 4,50 Euro am Tag. „Da macht die Erhöhung von acht Euro pro Monat zum Januar wenig Unterschied“, sagt er.

Die Historie der Hartz-Reformen

Startschuss 2012

Am 22. Februar 2002 wurde durch die Bundesregierung unter Gerhard Schröder eine Kommission mit dem Namen „Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ – kurz „Hartz-Kommission“ – eingesetzt. Sie gilt als Startschuss für die späteren Hartz-Reformen.

Peter Hartz

Peter Hartz ist ein ehemaliger deutscher Manager, der die „Hartz-Kommission“ leitete. Er war bis Juli 2005 der Personalvorstand und Vorstandsmitglied der Volkswagen AG. Nach ihm wurden die Arbeitsmarktreformen benannt.

Das Hartz-Konzept

Die Vorschläge der Kommission wurden in vier Phasen (Hartz I bis IV) umgesetzt und traten zwischen dem 1. Januar 2003 und dem 1. Februar 2006 in Kraft.

Ziel der Kommission

Das Ziel der Kommission war es, die Arbeitslosenzahl von damals offiziell vier Millionen innerhalb von vier Jahren zu halbieren. Die Kommission legte im August 2002 einen Bericht vor.

Hartz I

Hartz I beinhaltet einen Gleichstellungsgrundsatz: Leiharbeitnehmer müssen demnach zu denselben Bedingungen wie Stammarbeitnehmer des entleihenden Unternehmens beschäftigt werden. Im Klartext: Gleiche Arbeitszeit, gleiches Arbeitsentgelt und gleiche Urlaubsansprüche.

Hartz II

Hartz II regelt geringfügige Beschäftigungsverhältnisse: Als geringfügig Beschäftigter gilt, wer monatlich bis zu 400 Euro verdient. Der Beitragssatz zur Krankenkasse wird von zehn auf elf Prozent des Bruttolohnes erhöht und der Arbeitgeber zahlt eine pauschale Steuer in Höhe von zwei Prozent des Bruttolohnes.

Hartz III

Das „Dritte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 23. Dezember 2003“ organisierte die Restrukturierung und der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (Arbeitsamt) in die Bundesagentur für Arbeit (Agentur für Arbeit). Die Kommission erhoffte sich davon eine Effizienzsteigerung.

Hartz IV

Ab dem 1. Januar 2005 wurde die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe für Erwerbsfähige vollzogen. Das Einkommen wurde auf ein Niveau unterhalb der bis dahin geltenden Sozialhilfe festgelegt.

Kritik am Hartz-Konzept I

Das ehrgeizige Ziel des Hartz-Konzepts, die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf zwei Millionen Arbeitslose zu senken, wurde nicht erreicht. Gewerkschaften kritisieren die hohen Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger.

Kritik am Hartz-Konzept II

Der Gegenseite gehen die Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger nicht weit genug: Sie sehen in der Bundesrepublik eine übermäßige Erwartungshaltung der Menschen an den Staat als Versorger.

Trotz wenig Geld: Andreas H., der sich selbst „Hartzer“ nennt, ist gastfreundlich. Er will dem fremden Besucher in seiner Wohnung im Kölner Stadtteil Mülheim etwas bieten. Kaffee und Kuchen stehen auf dem Wohnzimmertisch bereit.

Es gibt Teilchen, nicht vom Discounter, sondern aus der Konditorei, auch wenn das nicht billig war. Dass ihm gutes Essen eigentlich wichtig ist, liegt an seinem Beruf: „Ich habe Koch gelernt und mich schon früh für gutes Essen interessiert.“ Warum er seit neun Jahren nicht mehr in seinem Ausbildungsberuf arbeitet, verschweigt er lieber und bittet um „Diskretion“.

Das mit den teuren Teilchen ist die große Ausnahme. Andreas H.: „Billignudeln von Aldi sind besser als nichts. Das hatte ich schon oft genug.“ Ein wenig schwingt schwarzer Humor mit in seinen Worten. Wenn das Geld nicht für das Lebensnotwendigste reiche, sei Selbstironie ein Weg mit den Selbstzweifeln umzugehen.

Kommentare (2)

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Herr Niccolo Machiavelli

02.02.2015, 08:48 Uhr

Man muss sich finanziell einschränken, mit Hartz IV, das stimmt - jedoch nicht ernährungsphysiologisch: Sie können sich mit Hartz IV durchaus gesund ernähren.

Gourmetküche wird es nicht geben, aber gute Hausmannskost ist möglich. Auch reichen zwei Fleischmahlzeiten pro völlig aus, mehr ist ungesund - und einmal die Woche Fisch.

Alles in allem: einfach gesund leben: günstiges frisches Obst und Gemüse aus Region und Saison - oder warum nicht: selbst anbauen?. Es gibt so viele Möglichkeiten regional an einem Landwirtschafts- oder Gartenprojekt teilzunehmen.

Judit Becker

02.02.2015, 18:22 Uhr

Dieser Behauptung kann ich aus eigenem Erleben nur entschieden widersprechen. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist mit diesem Budget verwehrt.

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