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20.03.2017

09:21 Uhr

Hass gegen Seenotretter

„Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“

Politiker beraten, wie der Zustrom von Migranten nach Europa gestoppt werden kann. Davon weit entfernt, kämpfen Seenotretter gegen den Tod auf dem Meer. Aus der Mitte der Gesellschaft schlägt ihnen Hass entgegen.

Zwar arbeiten die Helfer des Vereins ehrenamtlich und retten dutzenden Menschenleben, dabei sind sie jedoch enormen Belastungen ausgesetzt. Hasskommentare und Verleumdungen gehören zur Tagesordnung. dpa

Hilfsorganisation „Iuventa Jugend Rettet“

Zwar arbeiten die Helfer des Vereins ehrenamtlich und retten dutzenden Menschenleben, dabei sind sie jedoch enormen Belastungen ausgesetzt. Hasskommentare und Verleumdungen gehören zur Tagesordnung.

Valetta/Rom„Seid und bleibt stark. Wir Gutmenschen lieben euch“. Auf so viel Zuspruch stößt der Verein Iuventa Jugend rettet nicht alle Tage. Seit kurzem ist die private Hilfsorganisation aus Berlin wieder auf dem Mittelmeer im Einsatz, um Flüchtlinge und andere Migranten aus Seenot zu retten. Jan, Florian oder auch Nadja haben eigentlich anderes zu tun. Doch sie konnten die täglichen Meldungen über neue Unglücke und Tote nicht mehr ertragen. Für ihr Engagement sehen sie sich nun zusehends Anfeindungen ausgesetzt. Im Internet werden als „Menschenschleuser“ oder „Volksschädlinge“ beschimpft. „Ich hoffe, ihr findet den Tod im Meer“, lautete ein Hasskommentar.

„Das ist mental extrem problematisch für ehrenamtliche Arbeit“, sagt Pauline Schmidt, Pressesprecherin des Vereins. Die Stimmung Migranten gegenüber habe sich verändert - das merke der Verein, der sich ausschließlich über Spenden finanziert, auch an der Finanzlage. Derzeit nehme die Bereitschaft, für die Hilfseinsätze im Mittelmeer ein bisschen Geld springen zu lassen, merklich ab. „Und wir brauchen 40.000 Euro im Monat, um die Rettungen durchzuführen.“

Zahlen und Fakten zur Flüchtlingspolitik im Jahr 2016

Wie viele Flüchtlinge kamen 2016 bislang ins Land?

Im sogenannten Easy-System, das auf Registrierungen durch die Bundesländer beruht, wurden in den ersten elf Monaten knapp 305.000 neue Asylsuchende in Deutschland erfasst. Die von der CSU geforderte Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr wäre damit überschritten. Allerdings gilt die Easy-Zahl aufgrund von Fehl- und Mehrfacherfassungen als zu hoch. Hauptherkunftsländer waren Syrien (86.200 Personen), Afghanistan (47.000), Irak, Iran und Eritrea. Niedriger sind die Zahlen der Bundespolizei, die bis Ende November 141.850 illegale Einreisen feststellte.

Wie viele Asylanträge wurden gestellt?

Insgesamt wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bis Ende November 723.000 Asylanträge gestellt. Zum großen Teil handelte es sich dabei um 2015 eingereiste Personen. 615.500 Anträge wurden entschieden. Die Zahl der Asylanträge nimmt aber ab. Im November wurden 26.438 Anträge gestellt, was einem Rückgang um gut 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat entspricht. Da inzwischen pro Monat mehr Anträge bearbeitet als eingereicht werden, wird der Berg unerledigter Fälle kleiner: Ende November lag die Zahl aber immer noch bei rund 491.000.

Wie viele wurden vorher in einem anderen EU-Land registriert?

Von Januar bis November 2016 wurden 226.000 Asylerstanträge gestellt, bei denen ein Treffer in der sogenannten Eurodac-Datenbank erzielt wurde: Bei 84.850 Personen wurde ein Asylantrag bereits in einem anderen EU-Mitgliedstaat gestellt, bei 141.150 Personen zumindest die illegale Einreise in einen anderen EU-Staat festgestellt.

Wie viele Personen wurden 2016 abgeschoben?

23.750 Personen wurde bis Ende November abgeschoben. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2015 mit 20.888 Abschiebungen und mehr als doppelt so viele wie 2014 (10.884). Die meisten Personen wurden aus Nordrhein-Westfalen in ihr Heimatland zurückgebracht (4662), gefolgt von Baden-Württemberg (3399), Bayern (3084) und in größerem Abstand Berlin (1963).

Zugleich wurden bis zum 1. Dezember mehr als 51.000 Anträge zur finanziellen Förderung einer freiwilligen Rückkehr bewilligt. Bund und Länder wollen ihre Anstrengungen in diesem Bereich zu intensivieren und die Hindernisse bei Abschiebungen beseitigen. Denn insgesamt waren Ende Oktober 206.200 Menschen ausreisepflichtig. Die große Mehrheit von ihnen (153.700) besaß aber eine Duldung. Erstmals fand in der vergangenen Woche eine Sammel-Abschiebung nach Afghanistan statt.

Wie und wo wird am dem Grenzen kontrolliert?

Am 13. September 2015 wurden vorübergehende Kontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze beschlossen und seitdem mehrfach verlängert, zuletzt im November. Die Kontrollen sind bis Februar befristet. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass Deutschland sich in der EU für eine weitere Verlängerung starkmachen wird.

Die Kontrollen finden nach Angaben der Bundespolizei an den 67 Übergängen zu Österreich zeitlich und örtlich flexibel statt, zum Teil sind dabei Beamte in Zivilkleidung im Einsatz. Rund um die Uhr kontrolliert wird an den Autobahnen A93, A8 und A3. Einen Kontrollpunkt gibt es auch an der B304 bei Freilassing, der aber nicht permanent besetzt ist. Für die Kontrolle an der rund 860 Kilometer langen Grenze zu Österreich sind rund 700 Beamte im Einsatz. Seit Mitte Dezember wird die Bundespolizei durch eine Hundertschaft der bayerischen Bereitschaftspolizei unterstützt. Die deutsch-österreichische Grenze gilt weiterhin als Schwerpunkt illegaler Migration nach Deutschland.

Was ist mit der Grenze zur Schweiz?

An der deutsch-schweizerischen Grenze finden keine Grenzkontrollen statt. Es gibt aber eine Schleierfahndung. Bundespolizei und Schweizer Grenzwachtkorps gehen zudem auf schweizerischem Gebiet gemeinsam auf Streife.

Wie viele Personen wurden an den Grenzen zurückgewiesen?

Personen ohne gültige Einreisepapiere und ohne Visum, die keinen Schutz in Deutschland wollen, werden an den Grenzen nicht reingelassen. Von Januar bis Oktober wurden laut Innenministerium rund 18.700 solche Personen zurückgewiesen, davon allein 14.500 an der deutsch-österreichischen Grenze.

Welche Voraussetzungen gibt es für eine Abweisung?

Theoretisch können alle Flüchtlinge nach der sogenannten Dublin-Verordnung in das Land zurückgeschickt werden, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben. Dort muss der Asylantrag gestellt und bearbeitet werden. Allerdings muss nachweisbar sein, wo jemand eingereist ist. Eine solche Prüfung kostet Zeit und kann nicht an der Grenze passieren. Wie andere Staaten schickt Deutschland zudem zunächst derzeit keine Flüchtlinge nach Griechenland zurück. Die Unterkünfte in Griechenland gelten als unzureichend.

Die Idee zu Jugend rettet ist 2015 entstanden, nachdem im April rund 800 Menschen bei dem wohl tragischsten Flüchtlingsunglück ums Leben gekommen waren. Ein Jahr später unterzeichnete der Verein den Kaufvertrag für das Schiff, „Iuventa“ wurde es schließlich getauft. Drei Tage nach dem Beginn der ersten Mission werden 426 Menschen aus Seenot gerettet, die in Holz- und Schlauchbooten unterwegs waren. Seitdem haben die jungen Retter den Tod von mehr als 6500 Menschen verhindern können.

Jugend rettet muss sich wie die vielen anderen zivilen Seenotretter derzeit gegen Vorwürfe wehren, dem Geschäft der Schlepper mit ihrer Präsenz im Mittelmeer in die Hände zu spielen. Die Vorwürfe kommen nicht nur aus deutschen Wohnzimmern, sondern von ganz offizieller Seite: Ende Februar kritisierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex die Rettungseinsätze der Hilfsorganisationen vor Libyen. Die Geschäfte krimineller Netzwerke und Schlepper sollten nicht noch dadurch unterstützt werden, dass die Migranten immer näher an der libyschen Küste von europäischen Schiffen aufgenommen würden, hatte Frontex- Chef Fabrice Leggeri in einem Interview gesagt. Das führe dazu, dass Schleuser noch mehr Migranten auf die seeuntüchtigen Boote zwängen.

Im Internet werden viele Mitglieder der Organisation öffentlich angegangen und diffamiert - in den Hasskommentaren werden sie als „Menschenschleuser“ und „Volksschändlinge“ bezeichnet. dpa

Hass gegen Helfer

Im Internet werden viele Mitglieder der Organisation öffentlich angegangen und diffamiert - in den Hasskommentaren werden sie als „Menschenschleuser“ und „Volksschändlinge“ bezeichnet.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass sich diese Aussage festsetzt“, sagt Hans-Peter Buschheuer, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Sea Eye. „Wir sind definitiv kein Taxi für Flüchtlinge.“ Die Hypothese, die Arbeit der NGOs bringe noch mehr Menschen dazu, die Flucht nach Europa zu wagen, haben kürzlich Wissenschaftler der Universität Oxford und der UC Berkeley widerlegt. Sie errechneten, dass die Zahl der Ankünfte von Migranten in Europa zwischen 2014 und 2016 in der Zeit mit den wenigsten Such- und Rettungseinsätzen am höchsten war.

Kommentare (9)

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Herr Michael Müller

20.03.2017, 09:43 Uhr

Seenotretter sind wichtig und leisten grundsätzlich eine gute und wichtige Arbeit!

Gerettete Flüchtlinge sollten jedoch in den Hafen zurückgebracht werden, von dem sie aufgebrochen sind und nicht nach Europa geschleust werden.

Mit dieser einfachen Regelung werden die Pläne der "Schleuser" durchkreuzt. Wenn diese Praxis dann unter den Flüchtlingen bekannt wird, wird sich kein Flüchtling mehr auf einen Seelenverkäufer zur lebensgefährlichen Überfahrt begeben!

Herr Bernhard Ramseyer

20.03.2017, 10:01 Uhr


Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Alessandro Grande

20.03.2017, 10:18 Uhr


Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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