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20.10.2015

11:00 Uhr

Hauptstadtflughafen

BER – Projekt der vergebenen Chancen

VonDietmar Neuerer

Nach etlichen Verzögerungen soll der Berliner Flughafen BER nun im Herbst 2017 eröffnen. Doch die Altlasten wiegen schwer. Ökonomen sprechen von einem „Armutszeugnis“ und warnen vor wirtschaftlichen Nachteilen.

Der Zeitplan ist mal wieder enger geworden auf der BER-Baustelle in Berlin-Schönefeld, an der Eröffnung des Hauptstadtflughafens 2017 wird aber nicht gerüttelt. AFP

Hauptstadtflughafen.

Der Zeitplan ist mal wieder enger geworden auf der BER-Baustelle in Berlin-Schönefeld, an der Eröffnung des Hauptstadtflughafens 2017 wird aber nicht gerüttelt.

BerlinZwei Jahre ist es nun her, da feierte die Berliner Wirtschaft den geplanten Großflughafen in Schönefeld (BER) schon als „das wichtigste Infrastrukturprojekt der Hauptstadtregion“. Obwohl sich damals schon die Eröffnung wiederholt verschoben hatte, wagte die Industrie- und Handelsammer (IHK) damals sogar die Prognose, dass die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Berlin-Brandenburg „ganz wesentlich“ von der Inbetriebnahme des Flughafens und der Leistungsfähigkeit seiner Luftverkehrsanbindung abhänge.

Doch die Geschichte des BER wird immer länger. Erst kürzlich wurde bekannt, dass jetzt auch noch 600 Brandschutzwände erneuert werden müssen. Es ist das jüngste Kapitel in einer Serie von Bau- und Planungsfehlern, die seit mehr als drei Jahre aufgedeckt werden. Mancher Politiker hat die Hoffnung deshalb schon aufgegeben, dass es mit dem neuen Hauptstadt-Flughafen Berlin Brandenburg noch etwas wird. Doch das Projekt aufgeben und mit etwas Neuem beginnen, will eigentlich niemand.

BER-Flughafenkoordinator Lütke Daldrup: „Da ist noch eine Kraftanstrengung nötig“

BER-Flughafenkoordinator Lütke Daldrup

Premium „Da ist noch eine Kraftanstrengung nötig“

Der Berliner Flughafenkoordinator Engelbert Lütke Daldrup hält die Eröffnung des Flughafens 2017 weiterhin für machbar. Doch er nennt im Handelsblatt-Interview auch Risiken, die den Starttermin erneut verzögern könnten.

Er halte die Inbetriebnahme des neuen Airports „weiterhin für machbar und auch für wahrscheinlich“ - wegen des Baufortschritts und des „immer größeren Erkenntnisstands der Experten auf der Baustelle“, sagte der Berliner Flughafen-Koordinator Engelbert Lütke Daldrup im Interview mit dem Handelsblatt. Er räumte jedoch zugleich ein, dass für den Starttermin noch eine „Kraftanstrengung“ nötig sei und keine weiteren Verzögerungen eintreten dürften.

Entscheidend für den weiteren Bauablauf ist nach Lütke Daldrups Darstellung, dass noch Baugenehmigungen für das Terminal ausstünden. Dabei geht es um Brandschutzfragen sowie um alle anderen noch aufgetretenen Veränderungen. „Ein zentraler Punkt ist in der Tat, dass die Genehmigungen im Winter erteilt werden, weil damit abschließend feststeht, was noch gebaut werden muss. Das ist sicherlich ein Big Point, keine Frage“, sagte Lütke Daldrup.

Ähnlich äußerte sich Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. „Wenn die Behörden den Nachtrag bis Februar abstempeln“, zitieren Bundestagsabgeordnete den BER-Chef, „dann ist es möglich, zum Winterflugplan 2017 in Betrieb zu gehen“. Aber auch nur dann. „Der Puffer ist weg“, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Haushaltspolitiker Nobert Brackmann (CDU) dem Handelsblatt. Klar sei aber auch: Niemand wolle Druck ausüben, um nicht noch einmal ein Desaster beim Bau zu erleben. Und im Bundesverkehrsministerium heißt es nach Handelsblatt-Informationen: „Noch ein Fehler, dann ist auch der Starttermin Makulatur.“

Imtech und der BER – Sorgen um Flughafenprojekt

Der Termin, der wackelt – schon wieder

Der neue Hauptstadtflughafen gleicht einem taumelnden Boxer: Kaum hat er sich aufgerappelt, setzt es den nächsten Schlag. Ein paar Monate schien es, als gäbe es für das Krisenprojekt einen guten Plan, der nur noch abgearbeitet werden muss. Jetzt trifft die Pleite der wichtigen Baufirma Imtech die Baustelle wie einen Boxer die rechte Gerade. Die Verantwortlichen sind besorgt. Und alle fragen sich, ob die für 2017 geplante Eröffnung abgesagt werden muss – es wäre das fünfte Mal.

Welche Arbeiten erledigt Imtech in Schönefeld?

Der Gebäudetechnikausstatter arbeitet neben anderen wie Siemens an der Brandschutzanlage, deren unzureichendes Zusammenspiel neben schweren Mängeln seit Jahren den Flughafenstart verzögert. Mit dem Partner Caverion unterteilt Imtech etwa den zu großen Anlageabschnitt im zentralen Terminal, damit das „Monster“ (Flughafengesellschaft) beherrschbar wird. Imtech kümmert sich auch um Stromversorgung, Heizung, Sanitär und Lüftung. „Sanierung im Bestand“, hat Technikchef Jörg Marks das genannt, was momentan im Terminal läuft.

Lief die Arbeit immer reibungslos?

Nein. Projektbeteiligte berichten im Berliner Untersuchungsausschuss immer wieder von Schönrednerei und von Baufirmen, die machen was sie wollen. Einige Vorwürfe trafen auch Imtech. Die Firma soll mitunter monatelang mehr Bauarbeiter abgerechnet haben als tatsächlich im Terminal am Werk waren, kritisierte einer der Architekten.

Imtech habe mehr als 300 Millionen Euro vom Flughafen erhalten, teils aber ohne Gegenleistung, berichtete ein anonymer Hinweisgeber, der einen mutmaßlichen Bestechungsfall aufdeckte. Das Unternehmen soll einen leitenden Mitarbeiter des Flughafens bestochen haben, damit die Betreiber 65 Millionen Euro überweisen, ohne dass entsprechende Nachforderungen geprüft werden. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen die Verdächtigen nahezu abgeschlossen, der Flughafen-Mitarbeiter sitzt seit Mai in U-Haft.

Warum hat der Flughafen Imtech nicht rausgeworfen?

Die Verantwortlichen fürchteten, Zeit und Wissen zu verlieren. Imtech galt ihnen als „Schlüsselfirma“ für das Projekt. „Es gab den Glauben, dass in der Sekunde, wo die abziehen, was sie auf der Baustelle haben, der Termin tot ist“, sagte der frühere Technikchef Horst Amann einmal mit Blick auf den einst angestrebten Starttermin Oktober 2013.

Wie kam es zur Insolvenz?

Die deutsche Imtech-Tochter war in den vergangenen Jahren durch erhebliche Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Nach Konzernangaben hatte sie über Jahre Umsätze ausgewiesen, die es nicht gab. Das führte zu höheren Boni für die Führungsetage. Dann folgten millionenschwere Abschreibungen und Stellenstreichungen. Das neue Management konnte die Gesellschaft offensichtlich nicht aus der Schieflage befreien.

Welche Folgen hat das für den Flughafen?

Das wird wohl erst in den nächsten Tagen deutlich. „Maximale Unterstützung“ habe der Chef der deutschen Imtech, Felix Colsman, dem Flughafen zugesagt, heißt es. Doch wie viel ist die Zusage wert, wenn das Gehalt der Imtech-Leute nur bis Oktober gesichert ist? Die ersten erschienen schon am Freitag nicht mehr zur Arbeit. Der Insolvenzverwalter muss entscheiden, welche Aktivitäten des Großunternehmens mit 4000 Beschäftigten er am Laufen halten kann.

Kippt damit schon wieder der Eröffnungstermin?

Das ist nicht ausgeschlossen. Noch ist geplant, im zweiten Halbjahr 2017 an den Start zu gehen - mit sechs Jahren Verspätung. Die Situation jetzt erinnert an den Sommer 2010, als der Flughafen den ersten Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschob - unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma.

„Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen auf der BER-Baustelle“, sagt Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Im fliegenden Galopp die Pferde zu wechseln, bringt Großprojekte in der Regel aus dem Tritt. Und der Zeitplan ist ohnehin angespannt. Erst am Donnerstag hatte Mühlenfeld die Planungs- und Baufirmen zu mehr Engagement aufgefordert, weil man einigen wichtigen Zwischenterminen hinterherhinke.

Nach Einschätzung von Ökonomen könnten neue Bauverzögerungen beim BER erhebliche Nachteile für die Wirtschaft in der Region nach sich ziehen. „Eine leistungsfähige Infrastruktur ist eine Grundvoraussetzung für die Attraktivität eines jeden Wirtschaftsstandorts. Das Fehlen eines internationalen Flughafens ist weiterhin ein Standortnachteil für Berlin“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Handelsblatt. „Damit entgehen Berlin viele neue Jobs und Wachstumschancen.“

Aus Sicht von Klaus-Heiner Röhl, Experte für Strukturpolitik und Mittelstand am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, würde eine weitere Verschiebung der BER-Eröffnung von Herbst 2017 auf beispielsweise Frühjahr 2018 die wirtschaftlichen Nachteile für die Region wohl „nur noch marginal verstärken“. Röhl sagte jedoch auch: „Die mehrfachen Verzögerungen der Inbetriebnahme wirken sicherlich abschreckend auf Investoren und kratzen zudem am deutschen und Berliner Image.“

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