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20.09.2013

11:18 Uhr

Haustürwahlkampf der SPD

„Mir öffnen auch mal Männer in Unterhosen“

VonRaphael Moritz

Die SPD kämpft an den Haustüren der Republik um Stimmen: Fünf Millionen Besuche sind das Ziel. An diesem Freitag soll die Marke geknackt werden. Ortsbesuch in einem Wahlkreis, der seit jeher von der CDU dominiert wird.

Basisarbeit: An 3500 Häusern hat SPD-Kandidatin Bettina Bähr-Losse geklingelt.

Basisarbeit: An 3500 Häusern hat SPD-Kandidatin Bettina Bähr-Losse geklingelt.

Sankt AugustinIm Ortsteil Niederpleis stehen in den Einfahrten der Einfamilienhäuser Geländewagen oder Hybridautos. Die Gärten sind gepflegt, der Rasen gemäht. Neben der Straße fließt unter Platanen der Pleisbach. Im Sommer pflücken Familien auf den Feldern der nahe gelegenen Burg Erdbeeren. In dieser Idylle geht die SPD auf Stimmenjagd. Es ist das Revier von Bundestagskandidatin Bettina Bähr-Losse. Sie und ihr Team gehen hier auf Wahlkampftour. Bähr-Losse kandidiert im Wahlkreis Rhein-Sieg-Kreis II in Nordrhein-Westfalen.

An einer Kreuzung vor dem Ort stehen die Kandidatin und ihr Team zur Lagebesprechung. Jeder erhält Flyer und Blöcke, sogenannte Gimmicks. Die vorbeidonnernden Busse und Lkw lassen den rot-weißen SPD-Schirm kräftig wackeln. „Wer möchte denn mit wem?“, fragt Denis Waldästl. Der 35-Jährige ist Wahlleiter der Kandidatin Bähr-Losse. Als letztes meldet sich Brigitte, die auf jeden Fall mit dem „Profi“ Tim laufen möchte. „Ich habe das ja noch nie gemacht“, sagt sie, zögert und lacht verlegen. Als die anderen weg sind, baut Waldästl den Schirm ab, verstaut ihn im Auto und zieht mit Bähr-Losse los.

Die Genossen wollen mit dem Haustürwahlkampf fünf Millionen Wähler erreichen. Länger als drei Minuten sollen die Besuche nicht dauern. Dies schreiben die Sozialdemokraten in einem „Tür-zu-Tür“-Wegweiser zum Haustürwahlkampf. Das Ziel: Unentschlossene und Nicht-Wähler überzeugen. Bei rund 500.000 SPD-Mitgliedern macht das zehn Türen pro Mitglied. Ein ehrgeiziges Ziel, das laut Generalsekretärin Andrea Nahles am Freitag erreicht werden soll. Am Mittwoch waren nach Angaben der Partei bereits 4,1 Millionen Hausbesuche geschafft.

Die möglichen Koalitionen und ihre Chancen

Schwarz-Gelb:

Selbst wenn die Union wieder als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgeht, ist eine Neuauflage von Schwarz-Gelb keineswegs ausgemachte Sache. Denn die FDP dürfte weit hinter ihrem Rekordergebnis von 2009 - als sie 14,6 Prozent der Zweitstimmen erreichte - zurückbleiben. Und auch wenn es die Liberalen wieder in den Bundestag schaffen, ist es keineswegs ausgemachte Sache, dass es für eine Neuauflage der Koalition von Union und FDP reicht, die beide Seiten eigentlich anstreben.

Rot-Grün:

Das Wunschbündnis von SPD und Grünen könnte auf die Erfahrungen aus der vormaligen Koalition von 1998 bis 2005 bauen. Beide Parteien verfügen über einen breiten Konsens in vielen politischen Fragen und haben sich klar zueinander bekannt. Fraglich ist, ob es dafür eine Mehrheit gibt.

Große Koalition:

Wenn es weder für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb reicht, wird der Union als voraussichtlich stärkste Kraft mit Merkel an der Spitze eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung zufallen. Naheliegend wäre dann die Bildung einer großen Koalition, wie es sie unter Merkel von 2005 bis 2009 gegeben hatte. Mit Schwarz-Rot ist die Kanzlerin gut gefahren, eine Neuauflage dürfte ihr nicht ungelegen kommen - auch wenn sie der SPD im Wahlkampf europapolitische Unzuverlässigkeit vorgeworfen hat. Schwarz-Rot könnte auch auf breite Zustimmung der Bevölkerung bauen.

Bei der SPD dürfte sich die Begeisterung hingegen in Grenzen halten. Sie fuhr nach vier Jahren große Koalition 2009 mit 23,0 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik ein. Nach einer erneut verlorenen Wahl in diesem Jahr dürfte es bei den Sozialdemokraten daher Diskussionen darüber geben, ob sich die Partei wieder in die ungeliebte Zweckehe begeben soll. Eine Beteiligung an Schwarz-Rot hat Kanzlerkandidat Steinbrück für sich persönlich ausgeschlossen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sich die SPD einer Neuauflage verweigern würde.

Schwarz-Grün:

Über ein solches Bündnis reden CDU/CSU und Grüne nicht gern, zumal es noch immer starke kulturelle Unterschiede zwischen ihnen gibt. Es dürfte Widerstand an der Basis der beteiligten Parteien geben, zumal die Erfahrungen mit dieser Konstellation nicht allzu gut sind. Das bislang einzige schwarz-grüne Bündnis existierte auf Länderebene in Hamburg. Es scheiterte nach nur zwei Jahren.

Auf Bundesebene ist mit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg der größte inhaltliche Stolperstein für Schwarz-Grün aus dem Weg geräumt worden. Nachteil wäre allerdings, dass diese Konstellation derzeit über keine einzige Stimme im Bundesrat verfügt.

Dreierbündnisse:

Rechnerisch wären zwar auch Dreierbündnisse möglich, bei denen etwa SPD und Grüne entweder mit der FDP oder den Linken zusammengehen. Doch politisch sind diese Konstellationen sehr unwahrscheinlich. Eine rot-grün-gelbe Ampel will keine der drei Parteien, die FDP hat sie sogar formell ausgeschlossen.

Für Rot-Rot-Grün wird lediglich bei der Linkspartei geworben. SPD und Grüne lehnen eine solche Konstellation insbesondere wegen der Positionen der Linken in der Außenpolitik ab. Die Tolerierung einer rot-grünen Minderheitsregierung ist für SPD und Grüne ebenfalls kein Thema. Auch die Linken wollen ein solches Modell nicht.

An der ersten Tür, Hausnummer zwei, Bähr-Losse klingelt. Aus dem Türspalt lugt ein älterer Herr. Er schaut misstrauisch, so wie die meisten an diesem frühen Nachmittag. Es sind vor allem Senioren, die die Türen öffnen. Bähr-Losse spult den Satz ab, den sie an diesem Tag noch 66 Mal sagen wird: „Guten Tag, Ich möchte mich nur kurz vorstellen: Ich bin Bettina Bähr-Losse und kandidiere am 22. zum ersten Mal für den Bundestag. Damit sie mich auch mal...“ Sie kommt nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. „Brauche ich nicht, bin CDU-Wähler“, sagt der Herr im Türspalt, wendet sich ab und lässt die Tür ins Schloss fallen. Bähr-Losse macht kehrt, geht die Einfahrt hinunter. „Sowas hat man immer mal wieder. Die Leute sind hier eher konservativ.“

Im Bundestagswahlkreis 98 geht es tatsächlich eher konservativ zu: Seit 1949 hat die CDU im Wahlkreis Rhein-Sieg-Kreis II die meisten Stimmen geholt. Der Herausforderer Norbert Röttgen (CDU) kandidiert zum sechsten Mal. Vor vier Jahren holte er mehr als 50 Prozent der Erststimmen. Röttgen war mal Bundesumweltminister, bei der Landtagswahl in NRW kandidierte er für das Amt des Ministerpräsidenten. Ein politisches Schwergewicht. Bähr-Losse ist dennoch zuversichtlich: „Die Chancen aufs Direktmandat waren nie größer“, sagt die 46-Jährige. Durch seine ‘Im-Zweifel-zurück-nach-Berlin’-Taktik habe der Minister Röttgen bei der Landtagswahl vor drei Jahren stark an Sympathie eingebüßt.

Kommentare (8)

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Berliner

20.09.2013, 12:17 Uhr

Ich habe diese Sozialverräter abgewiesen. Meine Stimmen sind bereits bei der AfD.

Account gelöscht!

20.09.2013, 12:28 Uhr

Wer (wie die Blockparteien) ständig lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er vor den Wahlen (an der Haustür vor-) spricht.

Wählt Alternativen! Die Ohrfeige für die Blockparteien muß bis nach Brüssel hörbar und spürbar sein.

Account gelöscht!

20.09.2013, 13:01 Uhr

Warum überhaupt noch Wahlkampf?
Der Bürger hat doch die letzten Jahre klar vor Augen.
Geld für Europa ist vorhanden, weil vom deutschen Steuerzahler erwirtschaftet. Geld fürs eigenen Volk ist nicht vorhanden, obwohl auch vom deutschen Steuerzahler erwirtschaftet. Zur Rettung einer Gemeinschaftswährung und gleichzeitig zum Nachteil des eigenen Sozialstaates werden sogar Milliarden Schulden gemacht. Ein Unding!
Der kleine Mann merkelt es am eigenen Portemonnaie, wie ungesund eine Angela Merkel fürs eigene Land bislang gewesen ist. Warum sollte sie ändern, was ihr persönlich als erfolgreiche Politik erscheint. Wird sie nicht, es sei denn eine ALTERNATIVE Kraft im Land gebietet es ihr – daher geht kein Weg vorbei an einer neuen Partei – AfD.

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