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24.01.2010

10:00 Uhr

Helmut Kohl

Besichtigung eines Denkmals

VonAndreas Rinke

Gleich zwei Biografien erscheinen pünktlich zu Helmut Kohls 80. Geburtstag. Sie würdigen die Lebensleistung des ehemaligen Kanzlers, blicken auf die Geschichte der deutschen Einheit und auf sein gutes Verhältnis zu anderen Staatsmännern - gleichzeitig verschweigen sie nicht die dunklen Kapitel seines Lebens.

Pünktlich zum 80. Geburtstag von Helmut Kohl erscheinen zwei Biografien. Sie würdigen sein Lebenswerk, ohne die dunklen Kapitel zu verschweigen. ap

Pünktlich zum 80. Geburtstag von Helmut Kohl erscheinen zwei Biografien. Sie würdigen sein Lebenswerk, ohne die dunklen Kapitel zu verschweigen.

BERLIN. Helmut Kohl ist wie der Scheinriese aus Jim Knopfs Lummerland. Je weiter man sich von ihm entfernt, desto größer wird er. Den Beweis liefern zwei neue Biografien, die pünktlich zum bevorstehenden 80. Geburtstag des Altkanzlers der Union im April erscheinen.

Was beide Bücher auf den ersten Blick eint, ist der seltene Umstand, dass sie jeweils von zwei Autoren verfasst wurden - als ob sich ein Biograf allein nicht an die Großgestalt herangetraut hätte, die die Bundesrepublik so lange regierte wie kein Kanzler vor oder nach ihm. Und was der doppelte Doppel-Blick auf das Leben und Wirken des Pfälzers zeigt: Ganz offenbar steigt mit der zeitlichen Distanz der Respekt vor einem Mann, der sowohl deutsche wie europäische Geschichte geschrieben hat.

Das ist vor allem bei Helmut Kohl nicht selbstverständlich. Es gibt natürlich den Trend, fast nur noch freundlich abgefasste Biografien zu schreiben. Aber dass ausgerechnet zwei "Spiegel"-Redakteure dem Mann aus der Pfalz ein eindrucksvolles Denkmal setzen würden, kommt angesichts der früheren herzlichen Abneigung zwischen Kohl und dem Hamburger Magazin unerwartet. Aber genau dieses Denkmal setzen Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich. Zwar spart "die" Biografie, wie die Autoren sie unbescheiden nennen, die dunkleren Kapitel des langjährigen CDU-Vorsitzenden wie die Parteispendenaffäre und die quälende Zeit nach seiner Abwahl als Kanzler 1998 nicht aus. Aber sie durchzieht doch tiefer Respekt vor der Machtperson und seiner Lebensleistung. "War Helmut Kohl ein großer Kanzler?" fragen sie eher rhetorisch.

Diese Anerkennung ist auch bei Heribert Schwan und Rolf Steiniger zu finden, sie schlägt allerdings teilweise in Huldigung um. Auch die beiden Historiker zeichnen das Leben Kohls nach in einem Buch, dass zwar "Virtuose der Macht" heißt, aber eigentlich "Kanzler der Einheit" genannt werden müsste. Auch sie schildern die Kindheit, den langsamen, aber zielstrebigen Aufstieg in Rheinland-Pfalz, dann Bonn. Aber den klaren Schwerpunkt des Buches bildet die Geschichte der deutschen Einheit. Dafür haben sich die Autoren noch einmal in die Tiefen internationaler Archive vergraben. Sie zitieren aus diplomatischen Dokumenten und beschreiben sehr genau, wer an den verschiedenen Stationen vom Besuch Erich Honeckers in Westdeutschland 1987 bis zu den Einheits-Feierlichkeiten welche Strippen gezogen hat.

Zumindest Kohls erstaunlich gutes Verhältnis zu Staatsmännern wie Ronald Reagan, François Mitterrand oder Michail Gorbatschow wird so verständlicher - und die Bedeutung des "Faktors Mensch" selbst in weltbewegenden Prozessen spürbar.

Die Kehrseite dieser Genauigkeit im Einheitsprozess ist, dass im Buch Ungleichgewichte entstehen. Wer die Person Kohl und ihr Wirken wirklich überzeugend vermessen will, muss mindestens so genau nachzeichnen, wie der Oggersheimer die Bundesrepublik in der EU verankert hat, welche Rolle seine Frau Hannelore spielte, welche innenpolitischen Reformen er anstieß - und welche eben nicht.

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