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21.10.2014

18:16 Uhr

Helmut Kohl und die deutschen Wirtschaftsgrößen

„Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen“

VonOliver Stock

Der Altkanzler lästert in seinen unautorisierten Memoiren über Größen der deutschen Wirtschaft. Flughafen-Chef Mehdorn ist der große Kiesel und an der Deutsche-Bank-Führung lässt der einst mächtige Mann kein gutes Haar.

dpa

DüsseldorfHelmut Kohl hat an seinen politischen Freunden das eine oder andere auszusetzen gehabt – das wissen wir, spätestens seit die Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens vor einigen Tagen die „Kohl-Protokolle“ veröffentlicht haben und die Abrechnung mit Angela Merkel oder Heiner Geißler in aller Munde war.

Doch der Altkanzler hat noch mehr erzählt. Auch Wirtschaftsgrößen sind vor seinen Lästereien nicht sicher, tote wie höchst lebendige. Hartmut Mehdorn zum Beispiel, der es zur Zeit am Flughafen Berlin richten soll, bekommt bei Kohl sein Fett weg: Der Mann sei „kein Felsbrocken, sondern ein Riesenkiesel“, stellt er bündig fest.

Die „Kohl-Protokolle“ sind entstanden, als Journalist Schwan in den Jahren 2001 und 2002 im Keller des Oggersheimer Häuschens, in dem Kohl lebt, Gespräch über Gespräch mit dem Politiker führte, der als Kanzler abgewählt und als Abgeordneter und Ehrenvorsitzender der CDU durch seine Spendenaffäre in Ungnade gefallen war. Es war eine bittere Zeit für den ehemals mächtigsten Mann Deutschlands, und Schwan fing die Stimmung auf Tonbändern ein, die die Grundlage für Kohls mehrbändige Memoiren bilden.

Hartmut Mehdorn: Vom Flugzeugliebhaber zum Bahnchef

Kindheit in Kriegswirren

Hartmut Mehdorn kam am 31. Juli 1942 als jüngstes von vier Kindern in Warschau zur Welt, wo sein Vater als Soldat stationiert war. Er wuchs zunächst in Berlin auf. Die Familie flüchtete in den Kriegswirren nach Bayern, und der Vater gründete 1948 eine Fabrik für Kunststoff-Spritzgussteile.

Gelernter Ingenieur und Reserveoffizier bei der Bundeswehr

Mehdorn besuchte Schulen in Kipfenberg (Altmühltal), Karlsruhe, Nürnberg und Berlin und absolvierte ab 1961 in Berlin ein Ingenieurstudium der Fachrichtung Maschinenbau. Nebenher arbeitete er im väterlichen Betrieb mit. Als Reserveoffizier stieg er bei der Bundesluftwaffe zum Hauptmann auf.

Wurzeln im Flugzeugbau

Mehdorn startete seine Karriere im Flugzeugbau: Er kam 1965 zum Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf und wirkte dort an der Entwicklung eines ersten deutschen Zivil-Jets mit. Ab 1974 leitete er ein Programm für die Serienfertigung der ersten Airbusse (A 300).

Aufstieg bei Airbus

1979 rückte Mehdorn in den Vorstand der Holding Airbus Industrie in Toulouse ein. Er verantwortete dort bis 1984 Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung. Damals erreichten die Flugzeugtypen A 310, A 300-600 und A 320 die Produktionsreife.

Bei der Deutsche Aerospace AG übernahm er im Dezember 1989 den Vorsitz der Geschäftsführung der damaligen Deutsche Airbus GmbH (DA) mit über 17.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3 Milliarden DM. 1993 rückte er als ordentliches Mitglied in den DASA-Vorstand unter Jürgen E. Schrempp auf und übernahm das Ressort Luftfahrt.

Abschied von den Flugzeugen

1995 verabschiedete sich Mehdorn von den Flugzeugen und wechselte als Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Hilmar Dosch zur Heidelberger Druckmaschinen AG.

Die Geburt des „Bahnchef Mehdorn“

Im Dezember 1999 bekam Hartmut Mehdorn einen neuen Vornamen. Nachdem er zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn berufen wurde, war er in den Medien nur noch als „Bahnchef Mehdorn“ bekannt. Er trat dabei die Nachfolge von Johannes Ludewig an, der im September 1999 nach zwei engagierten, aber glücklosen Jahren abgetreten war.

Karrieremakel I: Das Unglück mit dem Bahn-Börsengang

Nicht erreichen konnte Mehdorn sein erklärtes Ziel, die Bahn an die Börse zu bringen, obwohl er dieses gegen alle Widerstände vorangetrieben hatte. Nach jahrelangen Debatten waren zwar 2008 von Bundestag und Bahn die Weichen für die umstrittene Teilprivatisierung gestellt worden, knapp 25 % der Anteile an der Verkehrsholding der Bahn sollten verkauft werden. 18 Tage vor dem geplanten Termin am 27. Oktober 2008 scheiterte Mehdorns Vision vom Börsengang dann jedoch kurz vor dem Ziel aufgrund des durch die Weltfinanzkrise generierten schlechten Marktumfeldes und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Karrieremakel II: Die Datenschutzaffäre der Bahn

Zum Verhängnis wurde Mehdorn, dessen Vertrag bei der Bahn im Juni 2007 bis 2011 verlängert worden war, schließlich die im Januar 2009 öffentlich gewordene Datenschutzaffäre bei der Bahn. Im Rahmen der konzerneigenen Korruptionsbekämpfung hatte das Unternehmen in großem Ausmaß persönliche Daten von Mitarbeitern mit Lieferantendaten verglichen und darüber hinaus täglich bis zu 150.000 E-Mails von Bahnbeschäftigten überwacht.

Laut Mehdorn, der den Vorwurf einer Art Rasterfahndung zurückwies und sich in einem Brief an seine Mitarbeiter für die Überprüfungsaktionen entschuldigte, handelte es sich bei dem Ganzen jedoch „nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik“.

Rücktritt bei der Bahn

Mit dem Bekanntwerden der Datenaffäre hatte Mehdorn nicht nur das Vertrauen der Gewerkschaften und der Belegschaft, sondern auch den Rückhalt in der Politik verloren. Der scheidende Konzernchef zog dennoch ein positives Fazit über seine Arbeit: „Das, was wir erreicht haben, hat uns keiner zugetraut“, bilanzierte er und nannte seine Zeit im DB-Chefsessel „eine tolle Zeit. Manchmal ein bisschen irre, immer aufregend“.

Kurzes Intermezzo als Berater

Ab Februar 2010 betätigte sich Mehdorn in einer Bürogemeinschaft mit dem langjährigen Bahn-Finanzchef Diethelm Sack und dem früheren Chef der Dresdner Bank, Herbert Walter als Berater. Vermisst habe er nichts in dieser Zeit, sagt er in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus. Wenngleich er sich erst daran gewöhnen musste, „dass nicht täglich irgendein Affe meinen Rücktritt gefordert hat.“

Zurück zur Luftfahrt: Start bei Air Berlin

So ganz gewöhnen konnte er sich an die Beschaulichkeit als Berater jedoch nicht. Er war im Aufsichtsrat von Air Berlin, als die Fluglinie Ende 2011 in Turbulenzen geriet. „Dann haben mich alle angeschaut.“ Er hat seine Frau angerufen, diesmal hat sie gesagt: „Tu, was du nicht lassen kannst.“ Er wusste ohnehin, dass sie auch diesmal mitziehen würde. Also legt sie ihm am Morgen wieder die Anzüge raus, „weil sie davon mehr versteht“, heißt es in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus.

Rücktritt bei Air Berlin

Am 7. Januar 2013 nahm Mehdorn den Hut bei Air Berlin. „Jetzt ist die richtige Zeit für den Führungswechsel“, kommentierte er seinen Abschied als Chef von Air Berlin. Doch das Loslassen bei der angeschlagenen Fluglinie kam früher als erwartet. Für die weitere Sanierung der Fluggesellschaft wollte vor allem James Hogan, der Chef des Großaktionärs Etihad, wieder einen Luftfahrtmanager.

Pannenflughafen BER – Mehdorns letztes berufliches Kapitel

Nur zwei Monate nach seinem Abgang bei Air Berlin übernimmt Mehdorn am 11. März 2013 den Pannenflughafen BER und wird Chef der Betreibergesellschaft. Mit seinen Äußerungen erregt der Manager des Öfteren den Unmut der Aufsichtsräte aus der Berliner und Brandenburger Landespolitik. Differenzen mit den Aufsehern führten am Ende wohl auch zum Rücktritt. Ende März 2015 tritt Mehdorn beim BER ab. Der Hauptstadtflughafen ist immer noch nicht eröffnet, doch Mehdorn hält sich zugute, das Chaos auf der Baustelle immerhin geordnet zu haben.

Quelle: Munzinger Personenarchiv

Neben dem offiziellen Werk sind allerdings auch die unautorisierten Protokolle nun als Buch herausgekommen. Der Veröffentlichung war ein jahrelanger Rechtsstreit vorausgegangen, den der inzwischen schwer erkrankte Ex-Kanzler und seine zweite Frau Maike Kohl-Richter angestrengt hatten. Sie versuchten das Buch zu verhindern, gaben aber diesen Monat auf und zogen ihre Klage zurück. Das umstrittene Werk, das einzelne Passagen aus den Protokollen und stark kommentierende, aber durchweg faire Anmerkungen von Schwan und dem Co-Autor Tilman Jens enthält, ist inzwischen im Handel.

Während er in den Protokollen Mehdorn nur jene fünf charakterisierenden Wörter widmet, holt Kohl bei der Beschreibung der Deutschland AG und besonders ihres ersten Geldhauses, der Deutschen Bank, länger aus. „Die Industrie hat doch nichts mehr drauf“, sagt er. „Das sind Leute, die nichts mehr wagen und riskieren. Das ist doch eine Freizeitgesellschaft geworden. Wer golft den freitagsmittags in Marbella und fliegt mit dem Firmenflugzeug dorthin? Das ist doch diese ganze Mischpoke.“

Und dann zu den Banken: „Was für eine Bank ist denn die Deutsche Bank geworden? Ist ihr Vorstand noch Elite? Die bauen doch eine Scheiße nach der anderen.“ Zur Erinnerung: Die Einschätzung stammt aus einer Zeit zu Beginn dieses Jahrhunderts, als sich die Bank im Streit mit dem damaligen Medienmogul Leo Kirch befand. Ihr Chef Rolf Breuer hatte eben sein umstrittenes Interview gegeben, das Kirch später für seine Pleite verantwortlich machte. Kohl zählte Leo Kirch zum inneren Zirkel seiner Ratgeber, wie aus den Protokollen hervorgeht. Den Vorvorgänger von Breuer, Alfred Herrhausen, bezeichnet er als „engen Freund von mir“. Doch danach scheint er das Vertrauen in die Finanzelite verloren zu haben.

Kommentare (17)

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Herr Frieder Maier

21.10.2014, 18:42 Uhr

Was lernt man aus dieser Geschichte ?
Im Zweifelsfall keine vertraulichen Gespräche mit Journalisten.

Ich halte es für fragwürdig die in einer persönlichen Krise aufgezeichneten Gespräche gegen den Widerstand des Interviewpartners zu veröffentlichen.

Herr Norbert Bluecher

21.10.2014, 19:08 Uhr

Ich stimme Ihnen zu, andererseits sind sie ein Stück Zeitgeschichte und die Spendenaffäre war ja nunmal von Kohl hausgemacht. Ich kann auch nicht verhehlen, daß mir die Äußerungen teilweise ziemlich gut gefallen. Vor allem über meinen "Lieblinsbankster", den Sonnenbank-Breuer

Frau Petra Betz

21.10.2014, 19:08 Uhr

Wie sollen denn die Schüler sein wenn der Lehrer schon den größten Scheiß gebaut hat?
Wiedervereinigung, Europa, Vernichtung der DM, Ausländerpolitik, usw.

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