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10.11.2015

17:09 Uhr

Helmut Schmidt – ein Nachruf

Eine Legende ist geboren

VonOliver Stock

Helmut Schmidt ist gestorben und die Vergleiche können gar nicht groß genug sein: Der Lotse geht von Bord. Der Welterklärer verstummt. Der Altkanzler hat für jeden von uns etwas anderes bedeutet. Was bedeutet er für Sie?

Der Altkanzler ist tot.

Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist tot.

Große Deutsche. Helmut Schmidt ist einer davon. Er hat sich niemals kleinmachen lassen, er ist so groß, dass es schwer ist, sich ihm zu nähern. Er ist ein Denkmal. Ein sympathisches, ein ehrwürdiges, ein qualmendes. Vielleicht gibt es doch einen Zugang.

Ich entsinne mich an meine Großeltern, schwarz im Herzen, Kriegsgeneration, sie hatten genug von großen Umbrüchen und kleinen Aufbrüchen. Und dann kam da dieser Helmut Schmidt, „Schmidt Schnauze“ nannten sie ihn, weil er schlagfertig auf den Punkt kam. Ihnen imponierte das Hanseatische, das der Mann ausstrahlte. Weil er außer der Schirmmütze so wenig von einem Genossen hatte, wurde mit diesem Mann an der Spitze für die Generation meiner Großeltern mit einmal die SPD wählbar.

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt.

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt.

Er hatte, wie der damalige Parteichef Herbert Wehner einmal abfällig bemerkte, Solidarität nicht in der Arbeiterbewegung, sondern im Offiziers-Casino gelernt. Schmidt war der erste SPD-Chef, der diesen neuen Typ verkörperte: Einen, den die Konservativen akzeptierten, weil er Verantwortung einforderte und Verantwortlichkeit ausstrahlte. Schröder, Steinbrück, Gabriel – die SPD bringt seither immer wieder solche Kandidaten hervor. In der Partei oft ungeliebt, dafür bei der Mitte der Wähler akzeptiert. Dort, wo Wahlen entschieden werden.

Ich entsinne mich an einen Namen: Mogadishu. Niemals vorher hatte ich von dieser Stadt gehört und dann landete dort 1977 ein entführtes deutsches Flugzeug. Die Kidnapper wollten RAF-Gefangene freipressen und ein Nervenkrieg begann. Zum ersten Mal hörte ich von einer Truppe namens GSG 9, auf einmal gab es andere Helden und Verbrecher im Kinderzimmer, und es gab die Eltern, die vor dem Fernsehgerät bangten. Und es gab diesen Kanzler, der sichtlich angespannt Interviews gab, aber zu keiner Zeit durchblicken ließ, dass er die Situation möglicherweise nicht im Griff haben könnte. Das Niederringen des RAF-Terrors, es war der Sieg Helmut Schmidts.

Altkanzler: Helmut Schmidt ist tot

Altkanzler

Helmut Schmidt ist tot

Der Altkanzler ist tot. Helmut Schmidt starb an diesem Dienstag gegen 14.30 Uhr im Alter von 96 Jahren im Kreise seiner Familie. Deutschland trauert um einen seiner größten Politiker.

Schwieriger war da schon das Jahr 1979: Der Kalte Krieg wurde von Tag zu Tag kälter, die Nato kündigte an, Pershings in Westeuropa zu stationieren – das waren Raketen mit Atomsprengköpfen. Gleichzeitig wollte die Nato, dass die Supermächte übers Abrüsten sprechen. Abrüsten durch Aufrüsten: Dieser Logik verweigerten sich meine Mitschüler. 1981 demonstrierten im Bonner Hofgarten 350.000 Menschen gegen diese Strategie. 350.000, die sich ohne Smartphone und soziale Netzwerke verabredet hatten und allein wegen dieser gemeinsamen Idee zusammenkamen. Ihr Gegner: Helmut Schmidt. Schon allein wegen seiner Standhaftigkeit gehörte ich zu denen, die ihn bewunderten.

Und dann war er weg und dieser Pfälzer, über den wir zu Hause immer Witze gemacht hatten, ersetzte ihn. Es war ein Lehrbeispiel in Machtpolitik, das wir da vorgesetzt bekamen. Der Bessere muss gehen, weil er sich keinen politischen Rückhalt mehr verschaffen konnte. Der Lotse ging von Bord.

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Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:
+ Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen.
Von Gabor Steingart
+ „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte.
Von Hans-Jürgen Jakobs
+ Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner.
Von Sven Afhüppe
+ Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht.
Von Arnulf Baring

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Ich fing an zu ahnen, dass Politik möglicherweise ein schmutziges Geschäft sein könnte. Während Helmut Kohl agierte und anfangs wie befürchtet von Fettnapf zu Fettnapf sprang, reifte Helmut Schmidt zum Kanzler a.D.. Später erlebte ich ihn auf der Bühne im Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der FAZ. Schmidt erklärte die Welt, was sonst? China habe weniger Kriege angefangen und geführt als die USA, sagte er und keiner von uns im Saal konnte ihm widersprechen. Wenn das Denkmal spricht, widerspricht man nicht? Nein. Der Mann hatte einfach zu oft recht – und da er alt war und weise – kam er nicht wie ein Rechthaber rüber.

Helmut Schmidt: So trauert das Netz um den Altkanzler

Helmut Schmidt

So trauert das Netz um den Altkanzler

Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist gestorben. Zuletzt war der 96-Jährige kaum noch bei Bewusstsein. Doch obwohl die Nachricht daher nicht überraschte, löste sie dennoch eine große Anteilnahme aus. Einige Reaktionen.

Jetzt ist er tot. Er fehlt nicht so sehr auf den Bühnen und in den Feuilletons, aber er fehlt in unserem Denken, das die Konstanten speichert. Dort stand er wie eine schmale, rauchende, kleinere, alte Ausgabe von Herkules, aber er musste ja auch nicht die Welt stützen, sondern nur Deutschland. Und an sich eher die alte Bundesrepublik. Das neue, größere Deutschland konnte er erklären, aber er musste es nicht mehr halten. Mit 96 Jahren hat er jetzt endgültig losgelassen.

Kommentare (22)

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Herr Matthias Moser

10.11.2015, 17:35 Uhr

Helmut Schmidt ist für mich der Größte: Er hat wirklich geführt, vorausschauend gedacht, etwas von der Wirtschaft verstanden und war integer. Er war der beste Kanzler, den wir je hatten. Leider war seine Kanzlerschaft viel zu kurz. Wenn er so lange geführt hätte, wie Kohl, wäre uns manches erspart geblieben. Wenn er jetzt noch führen würde, wären wir wenigstens sicher, daß langfristig gedacht wird und es einen Plan gibt.

Herr C. Falk

10.11.2015, 17:39 Uhr

Gleich drei "Fehler" in diesem kleinen Beitrag, Herr Stock zeugt von einer gewissen "Schludrigkeit" von Ihrer Seite.

1.Herbert Wehner war nie Parteichef der SPD, sondern Fraktionschef.
2.Schröder, Steinbrück, Gabriel in eine Reihe mit Helmut Schmidt zu stellen, ist wohl mehr als gewagt.
3. Helmut Kohl ist nicht "Rheinländer" sondern Pfälzer, ein gewisser Unterschied , auch wenn das Bundesland dessen Ministerpräsident Kohl einmal war Rheinland-Pfalz heißt.

Herr Marc Otto

10.11.2015, 17:46 Uhr

Helmut Schmied, wie ich ihn erlebt habe, war der unfähigste Politiker aller Zeiten.

In den Goldenen Jahren hat er uns praktisch in den Staatsbankrott getrieben. Ohne äußeren Grund, nur aufgrund seiner Unfähigkeit als Politiker.

Er wusste nicht nur ALLES, er wußte sogar alles besser. Allerdings hat es nie funktioniert. Er konnte alles erklären, wie es kommt. Und wenn es dann anders kam, konnte er ganu erklären,w arum es anders kommen musste.

Er war der typische Gutmensch, zu dem uns US-rael gemacht hat. Schlaue Sprüche, nix funktioniert und andere sollen dafür zahlen.

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