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27.08.2015

08:59 Uhr

Hendricks besucht Lubmin

Begeistern für den Kernkraftwerks-Rückbau

VonSilke Kersting

Bundesumweltministerin Hendricks besucht Lubmin. In dem Badeort wird seit bald 20 Jahren ein ehemaliges Kernkraftwerk zurückgebaut. Es ist das größte deutsche Stilllegungsprojekt eines Meilers. Doch es fehlen Fachkräfte.

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LubminAm Ende muss das Kraftwerk in diese blechernen Boxen passen, eine kaum größer als ein Umzugskarton. Hier, in der Zentralen Aktiven Werkstatt im ehemaligen Kernkraftwerk nahe des Ostseebades Lubmin, werden alle Bauteile der riesigen Anlage auf Kontamination überprüft, anschließend zerkleinert, geschreddert, gesäubert, damit sie in diesen blechernen Boxen freigemessen werden und das Gelände als Wertstoff verlassen können. Radioaktive Abfälle sollen so wenige wie möglich übrig bleiben.

Ein mächtiger Aufwand, ja, „aber nur so“, sagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in ihrem weißen Strahlenschutzanzug, „kann man den Rückbau eines Atomkraftwerks verantwortungsbewusst betreiben“.

Die Klimapolitik der Bundesländer

Rheinland-Pfalz

Mit Rheinland-Pfalz gibt sich das dritte Bundesland ein Klimaschutzgesetz mit festen CO2-Einsparzielen – nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Hamburg

...hat bereits seit 1997 ein Klimaschutzgesetz, das Maßnahmen zum Energiesparen, aber kein eigenes Klimaziel formuliert. Mit einem „Masterplan Klimaschutz“ von 2013 sollen die nationalen Ziele umgesetzt werden.

Berlin

...will bis 2050 klimaneutral werden. Ein Energiewendegesetz liegt im Entwurf vor. Es sieht CO2-Minderungsziele bis 2020 (-40%), 2030 (-60%) und 2050 (-85%) vor (zu 1990) und soll noch in diesem Jahr Senat und Abgeordnetenhaus passieren.

Bremen

...soll Anfang 2015 ein Klimaschutzgesetz bekommen. Im Entwurf steht, dass der CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent sinkt (zu 1990).

Niedersachsen

...hier will Rot-Grün bis „Mitte der Legislatur“ (2015) ein Gesetz vorlegen, die Vorarbeiten laufen. Die Regierung arbeitet auch an einem Klimaziel, ein Runder Tisch soll bis zum ersten Quartal 2015 Ergebnisse liefern.

Schleswig-Holstein

...prüft derzeit das Für und Wider eines eigenen Energiewende- und Klimaschutzgesetzes. Kabinett und Landtag sollen Ende 2014 eine Empfehlung abgeben.

Bayern

...will die jährlichen CO2-Emissionen bis 2020 auf deutlich unter sechs Tonnen pro Einwohner reduzieren. Der Ökostromanteil (Verbrauch) soll bis 2021 auf 50 Prozent steigen.

Sachsen

...hat in einem „Energie- und Klimaprogramm“ festgelegt, dass der jährliche CO2-Ausstoß des Nicht-Emissionshandelssektors bis 2020 um 25 Prozent gegenüber 2009 sinken soll.

Brandenburg

...hat 2012 eine „Energiestrategie 2030“ beschlossen, die festschreibt, dass der CO2-Ausstoß bis dahin um 72 Prozent gesenkt werden soll (zu 1990). Mit einem Vorstoß für ein eigenständiges Gesetz scheiterten die Grünen dieses Jahr im Landtag.

Thüringen

...hier fiel ein Klimaschutzgesetz der Grünen im Juni im Landtag durch. Verschiedene Ziele zur Energieeffizienz und zum Ausbau der erneuerbaren Energien sollen aber helfen, den Treibhausgas-Austoß im Vergleich zu 2010 bis 2020 um 10 Prozent zu reduzieren.

Hessen

...hier hat sich Schwarz-Grün im Koalitionsvertrag generell auf Klimaziele verständigt. Diese sollen eher nicht mit einem Gesetz, sondern in einem Konzept mit Einzelmaßnahmen umgesetzt werden.

Mecklenburg-Vorpommern

...feilt an einem Landesenergiekonzept, das auf erneuerbare Energien setzt. Vorläufer sind ein Klimaschutzkonzept (1997) und ein Aktionsplan Klimaschutz (2010).

Saarland

...hat ein Klimaschutzkonzept von 2008 und will 20 Prozent des eigenen Stromverbrauchs bis 2020 aus erneuerbaren Energien decken. Ein Einsparziel gibt es nicht. Der Landtag will aber prüfen lassen, ob ein eigenes Klimaschutzgesetz lohnt.

Sachsen-Anhalt

...hält ein solches Gesetz für „überflüssig und kontraproduktiv“ und sieht keinen Sinn in einem Landes-Klimaziel. Das Umweltministerium verweist auf die Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien und bei der Reduktion des CO2-Ausstoßes.

Die SPD-Politikerin besuchte am dritten Tag ihrer Sommerreise am Mittwoch Nachmittag das ehemalige Kernkraftwerk Greifswald nahe des Ostseebades Lubmin. Hier findet der größte Rückbau eines Kernkraftwerks in Europa statt, seit Stilllegungsgenehmigung 1995. Für den ehemaligen Vorzeigebetrieb der DDR war nach dem Fall der Mauer schnell Schluss, die insgesamt fünf Reaktorblöcke wurden schon 1990 abgeschaltet.

Tag für Tag fressen sich Bandsägen maschinengesteuert durch radioaktiv belastete Materialien aus Stahl, Männer mit Atemmasken und Schutzanzügen säubern kontaminierte Oberflächen per Hochdruckreiniger. Wo Wasser oder Granulat nicht reicht, wird Phosphor- oder Oxalsäure eingesetzt.

„Das meiste bekommen wir sauber“, heißt es stolz in Lubmin. Der endzulagernde Abfall beläuft sich auf weniger als 10.000 Tonnen, nur 1,5 Prozent der Ausgangsmasse, sagt Henry Cordes, Vorsitzender der Geschäftsführung der bundeseigenen Energiewerke Nord GmbH, die den Rückbau des Reaktors betreibt.

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Hendricks sieht schon den nächsten deutschen Exportschlager. Schließlich sind in den nächsten Jahren nicht nur in Deutschland Atommeiler zurückzubauen. Auch dort, wo es keinen Rückzug von der Kernkraft gibt, hätten die Reaktoren eine natürliche Lebenszeit von etwa 50 bis 60 Jahren.

Das Problem: mangelnde Fachkräfte. „Junge Leute für eine Branche zu gewinnen, die abgeschaltet wurde, ist eine ganz ganz große Herausforderung“, sagt Cordes. Das Durchschnittsalter im Lubminer Meiler liege bei 52 Jahren. „Wer studiert schon noch Kerntechnik?“ fragt Hendricks und begründet das mit dem jahrelang schlechten Image von Atomkraft in Deutschland. Jetzt aber gehe es doch um die Beseitigung der ungeliebten Meiler. „Wir müssen denen sagen, wir brauchen euch für den Rückbau.“

Kommentare (11)

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27.08.2015, 09:49 Uhr

Überall in der Welt werden neue Kernkraftwerke gebaut. Rußland ist einer der technologisch führenden Anbieter auf diesem Gebiet und entwickelt seine Kernenergieindustrie zu einem regelrechten Exportschlager.

Im belgischen Mol befindet sich eine Pilotanlage im Bau, in der die Transmutationstechnik, also die Umwandlung von langlebig radioaktiven Stoffen in kurzlebige und damit die technische Lösbarkeit des "Endlagerproblems", demonstriert werden soll. (Ist im Labormaßstab bereits Realität.)

Deutschland, das Land, in dem die Quantenphysik entdeckt und die Kernspaltung zum ersten Mal realisiert worden ist, steigt aus dieser Zukunftstechnik aus und setzt auf unzuverlässigen Zufallsstrom aus Wind- und Solaranlagen.

Mir fällt dazu nur das kluge Wort Schillers ein: "Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens."

Herr Riesener Jr.

27.08.2015, 10:11 Uhr

Artikel: "Am Ende muss das Kraftwerk in diese blechernen Boxen passen, eine kaum größer als ein Umzugskarton."

Geschickte Schikane des Ministeriums - "Hehe, wir Grünen haben ja immer schon gesagt, dass Atomkraft teuer ist." So macht man den Bock zum Gärtner. Wenn die Rückstellungen nicht ausreichen, liegt das an solchen völlig unnötigen Regeln. Es gibt ja auch mobile Messgeräte - und zwar schon lange (z.B. der klassischen Geiger-Müller-Zähler). Aber das will das Umweltministerium ja nicht - weil dann wäre der Rückbau ja einfach und nicht teuer.

Herr Norbert Bluecher

27.08.2015, 10:30 Uhr

Wir schalten die sichere Energieversorgung einfach mal ab und setzen auf unzuverlässige Öko-Energie. Wenn die Transmutationstechnik funktioniert, wäre eines der großen Argumente gegen die Kernenergie gelöst.

Aber bis dahin haben unsere grün-sozialistischen Politiker den Morgenthau-Plan schon längst umgesetzt und Deutschland deindustrialisiert!

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