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08.08.2012

14:55 Uhr

Hohe Strompreise

Naturschützer warnen vor Angstmacherei der Politiker

Naturschutzverbände werfen der Regierung vor, die Angst der Verbraucher vor unbezahlbarem Strom anzuheizen. Dadurch verzögere sich die Energiewende. Die Umweltschützer fordern stattdessen, mehr Energie einzusparen.

Windräder drehen sich vor dem RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem: Hohe Preise verstärken Forderungen nach einem Strompreisrabatt. dpa

Windräder drehen sich vor dem RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem: Hohe Preise verstärken Forderungen nach einem Strompreisrabatt.

BerlinDer Naturschutzverband BUND hat der Bundesregierung vorgeworfen, die Energiewende zu bremsen und zu zerreden. Die Kritik von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der Naturschutz behindere den dringend nötigen Leitungsausbau, sei absurd, sagte BUND-Chef Hubert Weiger am Mittwoch in Berlin. Rösler und Umweltminister Peter Altmaier hätten vielmehr ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Zudem schüre die Regierung die Angst der Bürger vor unbezahlbaren Strompreisen durch den Ausbau der erneuerbaren Energien. Zusammen mit den Spitzen des Bundesverbandes Erneuerbarer Energien (BEE) und der Firmen-Initiative Denef warnte Weiger die Regierung, das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) zur Disposition zu stellen.

Die drei Verbände legten ein Sofortprogramm zur Beschleunigung der Energiewende vor. Im Zentrum stehen Vorschläge für mehr Einsparungen und mehr Effizienz bei der Energienutzung. Dabei befürworten sie etwa Prämien, um alte stromintensive Hausgeräte auszutauschen. "Man sollte über eine Abwrackprämie für solche Stromfresser nachdenken", sagte der Vorstandschef der Deutschen Initiative Energieeffizienz (Deneff), Carsten Müller. Die Verbände warfen Umweltminister Altmaier vor, ohne Not von dem Ziel abzurücken, den Energieverbrauch bis 2020 um zehn Prozent zu reduzieren. Die Deneff hält bei der Industrie Einsparungen von 14 Prozent, bei den privaten Haushalten von 17 Prozent und im Handel und Dienstleistungsbereich elf Prozent für machbar.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Ein weiteres Kernelement des Programms der drei Verbände ist ein verbindlicher Fahrplan zur energiesparenden Gebäudesanierung. Eine Schieflage sehen die drei Verbände bei der Finanzierung des Ausbaus der erneuerbaren Energien zulasten von Haushalten und kleinen Gewerbetreibende und zugunsten der großen Verbraucher. Dies müsse korrigiert und die finanzielle Schonung großer energieintensive Firmen noch einmal überprüft werden. Front machten BEE und DENEFF aber gegen grundlegende Änderungen des EEG. "Eine weitere übereilte Novelle des EEG lehnen wir strikt ab", sagte BEE-Präsident Dietmar Schütz. Er sagte zugleich voraus, dass wegen der hohen Kosten und Risiken von Windkraftanlagen im Meer (Offshore) deren Ausbau weniger massiv hochgefahren wird als bislang geplant. Der Schwerpunkt des Ausbaus werde bei dezentralen Anlagen an Land liegen.

Umweltminister Altmaier hatte im ZDF die Hoffnung geäußert, dass die Strompreiserhöhungen durch die Energiewende im Rahmen gehalten werden können. Rösler traf am Mittwoch mit Vertretern norddeutscher Küstenländer und Netzbetreiber zusammen, um über die Haftung bei Offshore-Windanlagen zu sprechen. Diese ist eines der Haupthindernisse für Investitionen in die Anbindung der Offshore-Anlagen an das Stromnetz.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

08.08.2012, 16:15 Uhr

Es ist ca. 1 Jahr her, da konnte man in vielen veröffentlichten Öko Freak Gutachten lesen:
Strom wird durch die Erneuerbaren Energien jetzt billiger werden.

Ich habe in stundenlangem Studium eines Gutachtens die Verlogenheit herausgefunden. Man hat schlicht mit falschen Zahlen gerechnet. Man ging von der Annahme aus, daß der Stromverbrauch in D sich in kurzer Zeit um 25% reduzieren wird. Soweit dazu, nun zum Artikel.

Ein weiteres Kernelement des Programms der drei Verbände ist ein verbindlicher Fahrplan zur energiesparenden Gebäudesanierung.

Keine weiteren Auskünfte zur Zwangsbeglückung von Häuslebauern, Vermietern und Mietern.
Eine Umlegung der hohen Kosten auf die Mieter möchten die realitätsfernen Grünen nicht.
Apropo Grüne.
Waren es nicht die Grünen, die die hochenergieverbrauchende Industrie aus globalem Wettbewerbsgründen von den EEG Zulagen ausgenommen hat?

Schönen Tag noch.

Account gelöscht!

08.08.2012, 16:56 Uhr

Sobald man "Naturschutz" sagt, setzt bei manchen das Gehirn aus.

Was wäre, wenn der angebliche "Naturschutz" (oft) nur finanziellen Interessen dient?

http://www.youtube.com/watch?v=6a67l3qq9MQ

Ich habe einmal gelesen, dass ein Windrad in der Herstellung mehr Energie verbraucht als es in seinem ganzen "Leben" einfährt. Wurde das untersucht?

Verbraucher

08.08.2012, 17:48 Uhr

Dank der German "Energy-Wende" werden die Strompreise drastisch steigen, das spürt ein Blinder eher als der BUND.

2 Euro Mehrkosten pro Monat und Haushalt a la Jürgen Trittin ist nur ein reines grünes Märchen.

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