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12.11.2014

18:56 Uhr

Hooligan-Demo, Taksimplatz, Donezk

Friedenskämpfer mit dem Klavier

VonDésirée Linde

Sie wollen randalieren und treiben einander in die Eskalation: Dann fängt er an zu spielen – und beruhigt nicht nur Hooligans und Rechte. Davide Martello macht mitten in Krisen Musik. Unsere Reporterin hat ihn getroffen.

Musiker Davide Martello zurück in Köln: „Musik ist parteilos“, sagt er. Andreas Endermann

Musiker Davide Martello zurück in Köln: „Musik ist parteilos“, sagt er.

KölnEine ältere Dame zieht ihren Kaschmir-Schal enger um die Schultern und wagt sich an den Flügel. Schüchtern lächelnd fragt sie Davide Martello, ob er wohl „Atemlos“ spielen könnte. „Das soll ich spielen, ja?“, fragt Martello und lacht die Frau an. „Okay.“ Als der letzte Klavierakkord auf der Kölner Domplatte verhallt ist, ruft ein Jugendlicher in den Applaus der Hunderten von Umstehenden „Yeah! Sauber!“ Die Dame klatscht heftig.

Helene Fischers Schlager-Hit hat der Musiker in den vergangenen Wochen immer wieder spielen müssen. „Eins muss ich jetzt mal klarstellen“, ruft er jetzt am Kölner Dom und dreht sich zu seinem spontanen Publikum um. „Ich bin nicht Helene Fischer.“ Nur wenige Tage zuvor spielte er auch hier in Köln das Lied schon einmal. Dort nahm die besondere Erfolgsgeschichte des Pianisten mit der Schlager-Hymne ihren Anfang.

Denn damals kommt es anders als geplant. Da verweist ihn das Ordnungsamt von der Domplatte, Martello packt seine Sachen und macht sich auf zum Breslauer Platz, wo er Auto und Anhänger geparkt hat. Doch bis zum Wagen kommt er nicht. Hinter dem Hauptbahnhof stehen sich Hooligans, Rechte, Salafisten und Polizisten gegenüber. 20 Minuten lang beobachtet der Musiker die drohende Eskalation. Dann beginnt er zu spielen.

Davide Martello – der Friedensmusiker

Davide Martello in Frack und Konzertraum...

… hat es noch nicht gegeben und wird es wohl auch nicht. Buchen kann man den Musiker nicht. Das widerspricht seiner Idee, seine Bühne spontan zu wählen und viele Menschen anzusprechen – auch solche, die (bislang) keine Affinität zu Konzertsälen oder klassischer Musik haben oder denen das nötige Kleingeld für Karten fehlt.

Sein Ziel...

… ist es immer noch, in allen Hauptstädten der Welt zu spielen. Den Plan verfolgt er allerdings nicht nach einem strengen Zeitplan, sondern entscheidet spontan wo er als nächstes spielt. Als nächste größere Reise hat er grob Miami angepeilt.

Wo er sein nächstes „Konzert“ gibt...

… ist daher noch offen. Er spielt oft in Konstanz, seiner Heimatstadt, in Dresden oder Berlin und den Städten zwischen diesen Orten. Martello schaut auch ganz pragmatisch auf die Wettervorhersage, wenn er entscheidet, wo er als nächstes spielen wird.

Mit der Pferdekutsche...

… war Davide Martello in Dresden zu sehen. Dort schreibt die städtische Satzung für Straßenmusiker vor, nach einer halben Stunde den Spielort zu wechseln. Deshalb organisierte er eine Pferdekutsche, die sein Piano stilecht im historischen Zentrum der Stadt von einem Platz zum anderen brachte.

Wetterfest...

… ist der Flügel von Martello nicht, aber er hat ihn so stabil wie möglich gebaut. In seiner freien Zeit arbeitet er weiter daran, die Konstruktion zu verbessern. Der Klang wird digital korrigiert, so dass sich der Flügel nicht so leicht verstimmen kann. Die größte Gefahr droht dem Flügel bei Regen.

Im Winter...

… macht er keine großen Pausen. In seinem selbst gebauten Flügel hat er eine kleine Heizung eingebaut, die es ihm ermöglicht, auch bei Minustemperaturen bis zu zehn Grad zu spielen.

80 Prozent...

… des Jahres ist Martello unterwegs. Den Rest verbringt er mit Freunden oder der Familie im Schwarzwald.

Mit dem Fahrrad...

… bringt Martello seinen Flügel von den meist etwas außerhalb gelegenen Parkplätzen, wo er sein Auto geparkt hat, zu den „Konzertplätzen“. Mit einer mechanischen Seilwinde befördert er das Klavier in den und aus dem Anhänger seines Wagens.

Sein Smartphone...

… liegt immer griffbereit auf dem Flügel, wenn er spielt. So kann er direkt, neue Melodieläufe aufnehmen, die ihm während des Spielens auf- oder einfallen.

Kontakt zu dem Musiker...

… ist möglich über seine Homepage klavierkunst.com, via Facebook und Twitter.

Zuerst Klassik und die Beatles. Doch damit dringt er nicht zu den wütenden Männern durch. Er versucht es mit Helene Fischer. Mit „Atemlos“ wird das bedrohliche Brausen aus den Reihen der Demonstranten leiser. Passanten, die wie Martello in die Situation geraten sind, applaudieren ihm. Auch bei den Hools wird geklatscht. „Bleib‘ ruhig sitzen“, ruft ein Mann, vermutlich aus deren Reihen, als Martello aufsteht und das Feld räumen will. Und Martello spielt.

„Friedensmusiker“ haben ihn die Medien getauft. So ganz behagt ihm das nicht. „Der Begriff ist mir zu groß“, sagt der in Deutschland geborene und in Konstanz aufgewachsene Italiener.

Die Hooligen-Demo ist nicht die erste brenzlige Situation für den Musiker, seit er sich vorgenommen hat, in allen Hauptstädten Europas zu spielen. Im Sommer 2013 war Martello im bulgarischen Sofia unterwegs. Dort sah er die Fernsehbilder aus dem Gezipark in Istanbul, die Gewalt, die Wasserwerfer, das Tränengas und die Tausenden von Menschen, die mit der türkischen Regierung um mehr Demokratie rangen. „Ich dachte mir: Was wäre, wenn dort mitten in diesem Tumult ein Klavier stünde?“ Er gab selbst die Antwort.

Zwei Nächte spielte er auf dem Taksimplatz, in der zweiten von 21 bis 11 Uhr – 14 Stunden lang. „Das lag daran, dass Erdogan eine Frist bis sechs Uhr morgens gesetzt hatte, den Platz zu räumen“, erzählt Martello. Alles, was die Menschen ihm brachten, deponierten sie auf dem Flügel: Essen und Trinken, Helme und Gasmasken.

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