Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.07.2012

18:08 Uhr

Horst Hippler im Interview

„Die Wirtschaft braucht Persönlichkeiten“

Ausländische Studis, doppelte Jahrgänge und Bewerber ohne Abi: Der Ansturm auf Hochschulen ist ungebrochen. Nun schlägt Horst Hippler, Chef der Hochschulrektoren, Alarm. Die Bildungsrepublik braucht nötig Studienplätze.

Hörsaal an der Uni Leipzig: Der Ansturm ist stärker als gedacht. dpa

Hörsaal an der Uni Leipzig: Der Ansturm ist stärker als gedacht.

Herr Hippler, als neuer Präsident der Hochschulrektoren stehen sie vor einem Desaster: Bis 2015 fehlen 300.000 Studienplätze.

Ja, da haben sich die Kultusminister klar verrechnet - der Zustrom an die Hochschulen ist fast doppelt so stark gestiegen, wie sie noch 2011 dachten. Wir hatten für 2013 420.000 Anfänger erwartet, stattdessen waren es schon 2011 520.000. Ich glaube auch nicht, dass das schon das Maximum ist.

Warum?

Es wird viel mehr Bewerber ohne Abitur geben, die oft Berufserfahrung mitbringen. Das ist ja auch politisch gewollt. Auch der Zustrom aus dem Ausland wird weiter steigen. Gerade junge Leute aus den Krisenländern werden bei uns studieren wollen, weil sie hier auf einen Job hoffen. Und wir brauchen ja mehr Akademiker.

Was kostet das?

Das kostet fünf bis sieben Milliarden Euro zusätzlich für das gesamte Studium der zusätzlichen Studenten, also bis 2017/2018. Die Hochschulen brauchen spätestens 2014 mehr Geld und zwar dauerhaft, denn die Studierendenzahlen werden auch darüber hinaus höher sein als gedacht.

Horst Hippler (65) leitet das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Universität Karlsruhe (TH)

Horst Hippler (65) leitet das Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Heute studieren 45 Prozent eines Jahrgangs. Ist das schon zu viel?

Noch nicht. Langfristig wird sicher jeder Zweite studieren. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir bei der beruflichen Ausbildung nichts kaputt machen. Die hohen Abbrecherquoten gerade bei den Ingenieuren sind ein Problem. Aber woher soll ein Abiturient wissen, was Elektrotechnik ist? Deshalb muss das System in alle Richtungen durchlässig sein. Daneben brauchen wir eine neue Art des Einstiegs - gerade weil die Gruppe der Anfänger-Bewerber immer heterogener wird.

Wie könnte der aussehen?

Wir bräuchten ein Einstiegsjahr, die Amerikaner nennen es 'freshman year'. Wir haben daher in Karlsruhe und Stuttgart das Pilotprojekt 'MINT-School Baden-Württemberg' gestartet. Studenten können sich im ersten Jahr orientieren und Mathe- oder Physikkenntnisse verbessern, an denen viele scheitern. Der Zulauf ist enorm und wir hoffen, dass es den Schwund vermindert. Denn die meisten scheitern nicht am Intellekt, sondern weil sie sich nicht schnell genug eingewöhnen und fachlich nachlegen müssen. So können wir uns auch verborgene Talente sichern. Im Regelfall geht das aber rechtlich noch nicht, weil es die Regelstudienzeit verlängert.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

29.07.2012, 19:16 Uhr

Kurz gesagt:

AKADEMIKER SCHWEINEZYKLUS !

Das heisst das Taxifahren wird bald wieder billiger! :D
Wenn jeder 2. studiert wird ein Akademiker auch nicht mehr verdienen als ein Azubi nach der Lehre.

Account gelöscht!

29.07.2012, 19:34 Uhr

"Die Wirtschaft erkennt, dass sie nicht möglichst junge Leute braucht, sondern Persönlichkeiten."

Wo sollen die denn herkommen?
Die Kinder dürfen auf keinen Baum mehr klettern, auf nicht eingezäunten und nicjht sorgfältig gewalzten Wiesen nicht mehr bolzen, Flugmodelle nur noch auf für den Modellflug offiziell zugelassenen Geländen und dann auch nur unter Aufsicht fliegen lassen.
Sie tragen Helme, wenn sie das erst Mal aufs Laufrad steigen und werden systematische von jeder Gefahr und damit auch vor jeder Verantwortung auf sich aufzupassen ferngehalten.
Sie wachsen von kleinauf in einem Korsett von staatlichen Verboten und Vorschriften auf und sind es vom ersten Paar Fussballschuhe gewöhnt zu fragen, welche Versicherung den Schaden zahlt.
Sie haben Lehrer, die ständig mit einem Bein im Strafvollzug stehen und sich aus dem Grund nicht trauen, den Kids zu zeigen wo es lang geht.

Wo sollen da Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten herkommen, die zu Blödsinn NEIN sagen können und die das Kreuz haben, sinnvolle Risiken einzugehen und dafür grade zu stehen???





WAAhnsinn

29.07.2012, 19:54 Uhr

Vielleicht sollte man auch mal über die Qualität der Studentenschwemme nachdenken. Nicht nur an den öffentlichen Schulen, auch an den öffentlichen Universtiäten sinkt das Niveau beständig, weil die Lehrer an den Schulen angehalten werden, selbst die lernunwilligsten und -unfähigsten Schwachmaten gut zu benoten, und an der Uni geht's dann weiter. Weiß ich aus eigener täglicher Erfahrung. Persönlichkeiten erzieht man so nicht, nur Überforderte und Überbewertete, die mit viel Geld gepemptert werden, um dann an der Realität zu scheitern und dann zu Anspruchs- statt zu Leitungsträgern zu werden. Deutschland schafft sich ab, fürwahr, und das auf allen Ebenen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×