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25.09.2015

14:27 Uhr

Ifo-Chef Sinn zur Abgasaffäre

„Bei VW wird mit zweierlei Maß gemessen“

VonDietmar Neuerer

Wegen manipulierter Abgasmessungen bei Diesel-Fahrzeugen steht der VW-Konzern unter heftigem Beschuss. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn nimmt das Unternehmen in Schutz und greift die US-Konkurrenz scharf an.

Die US-Umweltbehörde EPA hatte aufgedeckt, dass bei VW-Dieselfahrzeugen die Abgaswerte manipuliert worden waren. dpa

Volkswagen-Zentrale in Wolfsburg.

Die US-Umweltbehörde EPA hatte aufgedeckt, dass bei VW-Dieselfahrzeugen die Abgaswerte manipuliert worden waren.

BerlinDer Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält die Kritik an VW für überzogen. Über Jahrzehnte hätten die Amerikaner versucht, „die kleinen und effizienten Dieselmotoren für Pkw durch immer weiter verschärfte Stickoxid-Grenzen vom Markt fernzuhalten, weil man selbst die Technologie nicht beherrschte“, sagte Sinn dem Handelsblatt. Gegen die „Stickoxid-Schleuderei der eigenen Trucks“ wiederum habe man in den USA nichts, so der Ifo-Präsident. „Nun hat sie endlich den gewünschten Erfolg. Der Diesel-Motor ist wieder weg. Meinen herzlichen Glückwunsch.“
Sinn kritisierte zudem dass in der VW-Affäre „mit zweierlei Maß gemessen“ werde. Der Konzern habe „regulatorische Arbitrage“ betrieben, wie sie in der Finanzindustrie allgegenwärtig sei. Besonders schlimm sei es, wenn Investment-Fonds ihre Portfolios so programmierten, dass sie bessere Bewertungen bekommen, als sie verdienen.

Der Ifo-Chef findet deutliche Worte. dpa

Hans-Werner Sinn

Der Ifo-Chef findet deutliche Worte.

„Im Testlauf der Rating-Agenturen bekommen sie ein AAA, doch im Alltagsbetrieb erweisen sie sich wegen der in den Modellen nicht berücksichtigen Korrelationen als Geldvernichtungsmaschinen“, erklärte Sinn und fragte:  „Wo ist die europäische Verbraucherschutzbehörde, wo sind die Sammelklagen, die die Hersteller der betrügerischen ABS-Papiere aus Amerika mit Forderungen von Dutzenden von Milliarden Euro überschütten?“

Banken, die regulatorische Arbitrage betrieben, erläuterte Sinn weiter, trimmten ihre Geschäftsmodelle so, „dass sie im Testlauf mit ihrem Eigenkapital gerade hinkommen, während sie  im Normalbetrieb wesentlich mehr Eigenkapital bräuchten, als sie haben, um die Steuerzahler vor den Kosten eines Bail-out zu schützen“. „Aktiva, für die man viel Eigenkapital vorhalten muss, werden knapp gehalten, doch lädt man sich die Bilanzen zugleich mit Staatspapieren voll, fast die riskantesten Anlagen überhaupt, weil für sie in der Formel für die Berechnung der Kernkapitalquote ein Risikogewicht von null festgelegt ist.“ Manchen Banken sei es auf diese Weise gelungen, eine Eigenkapitalquote zu kommunizieren, die fünf Mal so hoch war wie die tatsächliche.  

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Im Fall der VW-Abgasaffäre hätte der Konzern bei rechtzeitigem Handeln Schlimmeres verhindern können. Die US-Behörde bat schon vor über einem Jahr VW um Auskunft darüber, wie es zu den Unregelmäßigkeiten kommt. Ein Jahr hatte der Konzern Zeit, seine Autos zu überprüfen und nachzurüsten. Doch stattdessen gingen die Manipulationen weiter.

Von den Problemen mit manipulierten Abgaswerten bei VW sind neben Audi weitere Konzerntöchter betroffen. Innerhalb des Konzerns teilen sich die Unternehmen etliche Bauteile, darunter auch Motoren und Getriebe. Ein Sprecher der Volkswagentochter Skoda bestätigte am Donnerstag, dass der entsprechende Dieselmotor vom Typ EA 189 auch bei Skoda verbaut worden sei. Bei aktuellen Modellen gebe es aber keine Probleme.

Skoda hat nach eigenen Angaben in Deutschland einen Marktanteil von knapp 6 Prozent. Das Verkehrsministerium in Prag hat eine Untersuchung eingeleitet und will bei einer eventuellen Rückrufaktion behilflich sein, wie ein Sprecher mitteilte. Der VW-Konzern hatte eingeräumt, dass es bei Abgastests von Diesel-Fahrzeugen in den Vereinigten Staaten zu Manipulationen gekommen war.

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Auch Seat bestätigte am Donnerstag, dass in dem Werk der spanischen VW-Tochter Fahrzeuge mit der manipulierten Diesel-Technologie montiert worden seien. Die genaue Zahl sei nicht bekannt, verlautete aus Unternehmenskreisen. Eine Untersuchung solle nähere Aufschlüsse bringen.

Die spanische Zeitung „El País“ berichtete, dass seit 2009 bei Seat eine halbe Million Autos mit der manipulierten Abgas-Technologie montiert worden seien. Als Quelle wurden inoffizielle Kreise genannt, die mit dem Unternehmen in Verbindung stünden.

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