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27.06.2017

17:19 Uhr

IG Metall

Darf's ein bisschen weniger sein?

VonFrank Specht

Bei ihrem Arbeitszeitkongress in Mannheim stellt die Gewerkschaft die 35-Stunden-Woche in Frage. Wer Kinder betreut oder ein Haus baut, soll kürzer treten dürfen. Die Arbeitgeber fragen sich, wer dann die Arbeit macht.

Mehr Rücksicht auf die Wünsche der Beschäftigten. dpa

IG-Metall-Demonstration

Mehr Rücksicht auf die Wünsche der Beschäftigten.

BerlinDie IG Metall wird voraussichtlich mit der Forderung nach einer verkürzten Vollzeit in die kommende Tarifrunde für die 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie ziehen. Das zeichnet sich nach einem Arbeitszeitkongress der Gewerkschaft in Mannheim ab. Für die Beschäftigten stehe die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben auf der Prioritätenliste ganz oben, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vor gut 800 Mitgliedern der regionalen Tarifkommissionen. „Es geht um das Wahlrecht, die Arbeitszeit temporär zu verkürzen –  etwa auf 28 Stunden, wenn Beschäftigte es wollen.“

In Westdeutschland gilt für Metaller regulär die 35-Stunden-Woche, im Osten arbeiten sie drei Stunden länger. In einer Beschäftigtenbefragung gaben aber gut 20 Prozent der Befragten an, dass sie zumindest zeitweise lieber weniger als 35 Wochenstunden arbeiten würden – etwa weil sie für ihre Kinder da sein, ein Haus bauen oder einfacher weniger oft in den Betrieb pendeln wollten. Auch diese Wünsche müssten zählen, nicht nur die Belange der Unternehmen.

Die verkürzte Arbeitszeit soll dabei nach den Vorstellungen der IG Metall allen Beschäftigten offen stehen. Einen Entgeltausgleich sieht die Gewerkschaft allerdings nur bei besonderen Anlässen vor – etwa wenn Kinder im Haushalt zu betreuen oder Familienangehörige zu pflegen sind. „Wir wollen diesen Entgeltausgleich als eine zeitgemäße Sozialleistung tariflich regeln, weil Zeit für Kinder und Pflege gesellschaftlich notwendig ist“, betonte Hofmann. Außerdem müsse ein Rückkehrrecht auf den Vollzeitjob garantiert werden.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte die Vorschläge scharf. „Systematische, flächendeckende und unkompensierte Arbeitszeitverkürzungen passen absolut und definitiv nicht in die Zeit.“ Der Fachkräftemangel in der Metall- und Elektroindustrie werde von Tag zu Tag stärker. „Es wäre daher ein standortpolitischer Wahnsinn, die bestehende Fachkräftelücke mit Gewalt zu vergrößern“, kritisierte der Verband.

In Frankreich schaffe der neue Präsident Emanuel Macron gerade die 35-Stunden-Woche ab, da wollten manche in der IG Metall eine 28-Stunden-Woche durchsetzen – gegen den Willen der Belegschaften. Gesamtmetall beruft sich dabei auf die Beschäftigtenbefragung der Gewerkschaft. Darin hatte sich nämlich fast ein Drittel der Befragten Arbeitszeiten von mehr als 35 Stunden gewünscht.

Schon heute ist die 35-Stunden-Woche längst nicht mehr die Regel. Vertraglich gilt sie laut der Beschäftigtenbefragung für knapp jeden zweiten Metaller. Gut drei von vier Befragten gaben an, tatsächlich länger zu arbeiten. Ein Ziel der IG Metall ist es deshalb auch, „überlange“ Arbeitszeiten von 40 Stunden und mehr, die aus Hofmanns Sicht zuletzt ausgeufert sind, wieder einzufangen.

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