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28.02.2017

18:06 Uhr

IG Metall fordert Vorsorge

Gegen den Stress bei der Arbeit

VonPeter Thelen

Die Digitalisierung verschärft die seelische Überforderung am Arbeitsplatz – egal ob am Fließband, im Büro und im Home-Office. Der volkwirtschaftliche Schaden ist enorm. Die IG Metall fordert eine Anti-Stress-Verordnung.

Gewerkschaften fordern verstärkte Maßnahmen gegen Stress am Arbeitsplatz. dpa

Überforderung ist ein häufiger Krankheitsgrund

Gewerkschaften fordern verstärkte Maßnahmen gegen Stress am Arbeitsplatz.

BerlinMüssen Arbeitnehmer wegen Arbeitsunfähigkeit zu Hause bleiben, ist die Ursache immer häufiger eine psychische Erkrankung. In nicht einmal 15 Jahren stieg die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Störungen um rund 160 Prozent auf 87 Millionen Fehltage. Den volkswirtschaftlichen Gesamtschaden beziffern Experten auf 17 Milliarden Euro im Jahr. Psychische Erkrankungen sind inzwischen auch die Hauptursache für Frühverrentungen.

Die IG Metall versucht deshalb schon seit einigen Jahren, die Politik dazu zu bewegen das Problem aufzugreifen. Denn sie ist davon überzeugt, dass viele dieser seelischen Erkrankungen am Arbeitsplatz entstehen oder durch schlechte Arbeitsbedingungen begünstigt werden. Anfangs wurde die Forderung von IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban, das deutsche Arbeitsschutzrecht durch eine Anti-Stress-Verordnung zu ergänzen, eher belächelt.

Nach dem Motto: Wie soll man denn mit Paragraphen etwas ausrichten gegen Burn-Out oder Depressionen. Schließlich hätten solche Erkrankungen ja meist ein ganzes Bündel von Ursachen, die oft gar nichts mit dem Job zu tun haben, sondern im privaten Umfeld zu verankern sind. Auch die Arbeitgeber versuchten das Thema herunterzuspielen. Da half es auch nicht, dass die IG Metall einen ausgearbeiteten Entwurf für eine solche Anti-Stress-Verordnung vorgelegt hat.

Diese Dinge auf der Arbeit können krank machen

Überstunden

Die Folgen von permanenten Überstunden können Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Feindseligkeit, Irritation als auch Herz-Kreislauf-Schwäche sein. Vor allem Schichtarbeit erhöht laut Report das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Die Initiative Gesund und Arbeit hat in ihrem Report untersucht, welche Faktoren auf der Arbeit möglicherweise krank machen können.

Geringer Handlungsspielraum

Wer wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit hat, erkrankt laut Untersuchung mit höherer Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck. "Je geringer der Handlungsspielraum, desto höher der systolische Blutdruck", heißt es. Deshalb bewertet die IGA das Fehlen eines Handlungsspielraumes als Gesundheitsrisiko.

Arbeitsintensität

Wenn die Arbeitsbelastung über einen längeren Zeitraum enorm stark ausfällt, besteht laut Studie die Gefahr, dass Arbeitnehmer an psychischen Störungen oder Depressionen erkranken. Für somatische Erkrankungen sei kein Risikofaktor nachweisbar gewesen.

Mobbing

Mobbing, aber auch sexuelle Belästigungen führen möglicherweise zu Depressionen und Angstzuständen.

Mangelnde soziale Unterstützung

Mit sinkender sozialer Unterstützung steigt laut Report das Risiko für Depressionen.

Rollenstress

Wer seine Rolle bei der Arbeit nicht genau kennt – oder aufgrund seiner Arbeitsrolle Konflikte austragen muss, hat laut Studie ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angst und Anspannung.

Job-Strain-Modell

Dieses Modell beruht auf der Annahme, dass beruflicher Stress insbesondere dann entsteht, wenn der Arbeitnehmer gleichzeitig hohen Anforderungen und geringem Kontroll- und Entscheidungsspielraum ausgesetzt ist.

Die Folgen können psychische Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Diabetes sein.

Keine Anerkennung

Geforderte Verausgabung ohne Belohnung kann laut Report zu psychischen Beeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Pendeln

Pendler neigen laut Studie eher dazu, gestresst zu sein.

Befristete Verträge

Befristete Verträge sowie Leih- und Zeitarbeit können zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen. Das liegt laut Report daran, dass diese Arbeitnehmer das Leben nicht vorausschauend planen können, sich dem Unternehmen nicht zugehörig fühlen und meistens geringer entlohnt werden als andere Mitarbeiter.

Arbeitsplatz-Unsicherheit

Arbeitsplatzunsicherheit kann laut Untersuchung zu einem signifikant erhöhten Risiko von psychischen Beeinträchtigungen wie Angst, Depressionen und Stresserleben führen sowie zu kardiovaskulären Erkrankungen.

Inzwischen hat sich die Einschätzung jedoch geändert: So stellte der Bundestag bereits 2013 durch eine Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes klar, dass Risiken psychischer Belastungen in den „Gefährdungskatalog“ gehören, der bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen geprüft werden muss. Außerdem hat die große Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie die Lage erneut wissenschaftlich überprüfen lassen wolle, um danach die notwendigen Schritte zu veranlassen.

Der Bundesrat hat auf Initiative mehrerer SPD-Länder einen eigenen Verordnungsentwurf vorgelegt. Vergangenes Jahr hat sich sogar der Deutsche Juristentag mit großer Mehrheit des Anliegens der IG Metall angenommen und gefordert, eine entsprechende Verordnung zu erlassen.

Eine Initiative der Bundesregierung zu einer Anti-Stress-Verordnung ist trotzdem immer noch nicht in Sicht, klagte am Dienstag IG-Metall-Vorstand Urban am Rande einer Tagung mit 120 Arbeitsschutzexperten, zu der der Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen, Rainer Schmeltzer (SPD), nach Berlin eingeladen hatte. Dabei sei es allerhöchste Zeit. Urban ist überzeugt, dass die Digitalisierung der Wirtschaft die Probleme noch verschärfen wird.

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