Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2011

07:33 Uhr

Illner-Talk zu Sex-Affären

Mit Strauss-Kahn zwischen Sex, Lügen und Politik

VonGabriela M. Keller

Ob Kachelmann oder jetzt Strauss-Kahn - Vergewaltigungsvorwürfe gegen Prominente machen Schlagzeilen. Maybrit Illner zimmerte in ihrer Talkshow daraus eine muntere Plauderstunde - mit höchst irritierenden Zwischentönen.

Talkmasterin Maybrit Illner. Quelle: ap

Talkmasterin Maybrit Illner.

BerlinBeim Aufschlagen der Zeitungen stellt sich dieser Tage öfter mal der Eindruck ein, man habe sich im Regal vergriffen: Selbst in seriösen Blättern stehen Geschichten, die man sonst eher ganz weit unten auf dem Wühltisch von Bahnhofsbuchläden anzutreffen vermutet: Der Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann in Mannheim geht gerade in die Schlussphase, da soll sich in New York der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn nackt auf ein Zimmermädchen geworfen haben. Und während sich Profi-Enthüller Julian Assange gegen eine Auslieferung nach Schweden wehrt, wo ihm Sex ohne Gummi und Zustimmung der Frau vorgeworfen wird, lässt sich Silvio Berlusconi in Italien von seiner Anklage wegen Orgien mit minderjährigen Prostituierten nicht weiter beim Regieren stören. Zigarren, Sex-Partys, fehlende Kondome - Bunga Bunga überall.

Die Chronologie des Strauss-Kahn-Skandals

Samstag 14. Mai

Strauss-Kahn wird in New York festgenommen. Nach der später veröffentlichten Anklageschrift soll der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in seiner Hotelsuite versucht haben, ein 32-jähriges Zimmermädchen zu vergewaltigen. Es war zum Aufräumen gekommen.

Sonntag 15. Mai

Die Frau identifiziert Strauss-Kahn, wie Medien berichten.

Montag 16. Mai

Eine New Yorker Richterin entscheidet, dass Strauss-Kahn vorerst in Haft bleibt. Sie begründet dies mit Fluchtgefahr. Eine Kaution von einer Million Dollar lehnt sie ab. Die New Yorker Staatsanwaltschaft legt Strauss-Kahn sechs Straftaten zur Last: „Sexuelle Belästigung ersten Grades“, dafür drohen 25 Jahre Haft. Hinzu kommt „versuchte Vergewaltigung ersten Grades“, dafür könnten 15 Jahre verhängt werden. Ferner geht es zweimal um „sexuellen Missbrauch“, „Freiheitsberaubung“ und „unsittliches Berühren“. Erste Berichte über ein Alibi des 62-Jährigen tauchen auf. Nach unbestätigten Meldungen französischer Medien war der IWF-Chef zur mutmaßlichen Tatzeit gar nicht im Hotel, sondern traf seine Tochter. Er habe seine Hotel-Rechnung um 12.28 Uhr bezahlt und sei dann Essen gegangen. Eine regierungsnahe französische Website veröffentlicht angebliche Polizeiprotokolle und diplomatische Berichte. Danach hat die Polizei DNA-Spuren, vermutlich Sperma, sichergestellt. Auf Strauss-Kahns Oberkörper seien Kratzspuren zu sehen gewesen. Die New Yorker Justiz prüft, ob der IWF-Chef schon einmal eine Frau angegriffen hat. Ein früherer Fall außerhalb der USA gleiche in groben Zügen dem aktuellen Vorwurf.

Dienstag 17. Mai

Strauss-Kahn soll nach Angaben eines New Yorker Boulevardblattes die Möglichkeit von „einvernehmlichem Sex“ eingeräumt haben. Er genießt nach Angaben des IWF keine diplomatische Immunität. Das Zimmermädchen will gegen den Chef des Internationalen Währungsfonds aussagen, sagt ihr Anwalt dem Sender CNN. Sie arbeite bereits mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen. In seiner Gefängniszelle bleibt der IWF-Chef wegen angeblicher Selbstmordgefahr rund um die Uhr unter Beobachtung.

Mittwoch 18. Mai

Die Lage für Strauss-Kahn wird immer prekärer. US-Finanzminister Geithner fordert offen eine Übergangslösung für die Führung des Währungsfonds. Das mutmaßliche Opfer sagt überraschend vor der Grand Jury aus. Der Fernsehsender CNN berichtet, dass die 32-Jährige abgeschirmt in New York vernommen wird. Die Grand Jury hat letztlich zu entscheiden, ob es zu einem Prozess gegen den Franzosen kommt. Die „New York Post“ meldet, Strauss-Kahns mutmaßliches Opfer habe möglicherweise Aids.

Donnerstag 19. Mai

Strauss-Kahn zieht die Konsequenzen aus der Sex-Affäre und tritt als IWF-Chef zurück. Außerdem kommt er gegen eine Kaution von rund einer Millionen Dollar in bar frei. Er bleibt unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen.

Montag, 23. Mai

Strauss-Kahn streitet in einer E-Mail an seine ehemaligen IWF-Kollegen alle Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung vehement ab. "Ich bin zuversichtlich, dass die Wahrheit ans Licht kommen wird und ich entlastet werde", schreibt er in dem veröffentlichten Brief. Gleichzeitig kommen neue Indizien ans Licht. Auf der Kleidung des Zimmermädchens und dem Teppich des Hotelzimmers befanden sich Spermaspuren.

Dienstag, 24. Mai

Die Spermaspuren auf dem Kleid des Zimmermädchen stimmen mit der DNA von Strauss-Kahn überein, berichten mehrere Medien. Die Anwälte des Ex-IWF Chefs äußern sich zunächst nicht dazu.

Donnerstag, 26. Mai

Strauss-Kahn hat eine neue Bleibe in New-York: Das Apartment soll im Stadtteil Tribeca liegen. Dort steht er bis zum Beginn des Prozess unter Hausarrest.

Freitag, 1. Juli

Wende im Fall Dominique Strauss-Kahn: Offensichtlich ist die Glaubwürdigkeit der Frau, die dem ehemaligen IWF-Chef versuchte Vergewaltigung vorwirft, erschüttert. Nach Haft und verschärftem Hausarrest ist Strauss-Kahn wieder auf freiem Fuß. Doch er darf die USA vorerst nicht verlassen.

Was ist denn bloß los mit den mächtigen Männern, mag man sich fragen. Auch Maybrit Illner kam in dieser Woche nicht an diesem Thema vorbei: "Sex, Macht und Öffentlichkeit - im Zweifel gegen den Angeklagten?" lautete das scheinheilige Motto einer ziemlich unterhaltsamen Sendung. Denn während die Redaktion vorgab, die Vorverurteilung Prominenter am Pranger der Massenmedien problematisieren zu wollen, wurde in der Talkshow genau das voyeuristische Potential ausgebeutet, das die Geschichten überhaupt erst in die Schlagzeilen bringt. Das ist natürlich etwas unaufrichtig, macht aber Spaß, weil es die Lust am Klatsch und Tratsch bedient.

"Die Bilder von Dominique Strauss-Kahn gehen um die Welt", raunte Maybrit Illner zur Einleitung und machte ein betroffenes Gesicht. "Selten wurde das Intimleben von Prominenten so in die Öffentlichkeit gezerrt." Und gleich im Anschluss zeigte ein Einspielfilm dann noch einmal genau diese Bilder: Der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds, unrasiert, mit offenem Hemd und derangierten Blick, wird in Handschellen abgeführt, und dazu greift der Text sehr tief in die Klaviatur der Schundlyrik: "Professor Dominique Strauss-Kahn, bis zum Wochenende einer der mächtigsten Männer der Welt, steinreich und erfolgsverwöhnt", so wurde da gedichtet, "jetzt erledigt." Besser hätten das die Kollegen von RTL exklusiv auch nicht gekonnt.

Und wo wir einmal in den Niederungen des Trivialen angekommen sind, machte die Schauspielerin Maren Kroymann dort auch gleich weiter: Strauß-Kahn sei "charmant, souverän, sieht toll aus", so flötete sie in schönster Frau-im-Spiegel-Manier, "der kann doch jede Frau von Format haben." Deswegen habe sie zunächst eine Intrige unterstellt. Sarkozy sei schließlich alles zuzutrauen. Oder, so habe sie sich dann überlegt, er hatte sich vielleicht eine Prostituierte bestellt, und "dann kam das Zimmermädchen herein, und dann hat er sich eben vertan."

Wenn die Welt so funktionieren würde wie in Schundromanen entworfen, dann könnte das wohl so sein. Dass das aber in Wirklichkeit eher selten der Fall ist, fiel letztlich auch Maren Kroymann auf und so kam sie zu dem Schluss, dass Strauss-Kahn wohl keine "Frau von Format" wolle, weil eine solche "von ihm das selbe erwarten würde wie er von ihr." Dass es sich bei einem Zimmermädchen nicht um eine "Frau von Format" handelt, das setzt die Schauspielerin anscheinend voraus.

Kommentare (13)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

M.Ming

20.05.2011, 09:27 Uhr

Vielfach verhielten sich die Diskutanten so, wie man es DSK gerade vorwirft: sie konnten nicht zwischen Flirtsucht und Vergewaltigung unterscheiden.

KFR

20.05.2011, 09:55 Uhr

Schade,hatte mich schon auf Interna aus der deutschen Promi-Welt und besonders aus den öffentlich rechtlichen Anstalten gefreut...

Paul

20.05.2011, 09:57 Uhr

Wahnsinn! Gebäudefassaden sind in der Öffentlichkeit besser geschützt als Persönlichkeiten ....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×