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17.02.2012

12:33 Uhr

Im Wortlaut

Christian Wulffs Rücktrittserklärung

Lange hoffte er wohl noch auf seine Chance. Bekommen hat er sie nicht. Christian Wulff hat die Konsequenzen aus seinem Umgang mit seiner Kreditaffäre gezogen und ist zurückgetreten. Seine Erklärung im Wortlaut.

Christian Wulff verliest seine Rücktrittserklärung im Schloss Bellevue. dpa

Christian Wulff verliest seine Rücktrittserklärung im Schloss Bellevue.

BerlinChristian Wulff ist am Freitag in Berlin vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten. Die dpa dokumentiert Wulffs vollständige Erklärung im Wortlaut:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger, gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet. Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken. Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche Wurzeln sie haben - wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.

Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten, der sich uneingeschränkt diesen und anderen nationalen sowie den gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen kann; einen Präsidenten, der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird. Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt sind.

Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist. Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen. Bundesratspräsident Horst Seehofer wird die Vertretung übernehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf der so wichtigen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremischer Gewalt am Donnerstag der kommenden Woche sprechen.

Was die anstehende rechtliche Klärung angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie zu einer vollständigen Entlastung führen wird. Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig. Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.

Ich danke den Bürgerinnen und Bürgern, die sich für unser Land engagieren. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bundespräsidialamt und allen anderen Behörden, die ich als exzellente Teams erlebt habe. Ich danke meiner Familie, vor allem danke ich meiner Frau, die ich als eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und eines modernen Deutschland wahrgenommen habe. Sie hat mir immer - gerade auch in den vergangenen Monaten - und auch den Kindern starken Rückhalt gegeben.

Ich wünsche unserem Land von ganzem Herzen eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als unendlich wertvoll erkennen und sich vor allem - das ist mir das wichtigste - gerne für die Demokratie engagiert einsetzen. Und ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein. Vielen Dank.“

Von

dpa

Kommentare (11)

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siggi

17.02.2012, 12:58 Uhr

Eine bodenlose Unverschämtheit!!!
Wie kann diese Person in seiner Rücktrittserklärung die Formulierung, stets korrekt und aufrichtig gewesen über die Lippen bringen. Mir fehlen die weiteren Worte........

Ignatz

17.02.2012, 13:53 Uhr

Eine Treibjagd ist zu Ende gegangen. Die weiße-Weste-Deutschen, besonders die Medien, haben ihr schmutziges Ziel erreicht. Jatzt können sie sich wieder der Frage widmen, wie man am besten das Finanzamt bescheißt und sonst noch diesen oder jenen über den Tisch zieht.

DerRichter

17.02.2012, 14:00 Uhr

Gewiss, Herr Wulff hat Fehler gemacht, und er war 2010 auch nicht unbedingt mein bevorzugter Kandidat. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass bestimmte Medien dem Mann doch zuviel zugesetzt, ja in Teilen auch eine Hetzjagd betrieben, haben. Wer, wie gewisse Blätter aus dem Hause Springer, nicht davon lassen konnte, Herrn Gauck als den wirklich inoffiziellen Bundespräsidenten oder Altbundeskanzler Schmidt als "unseren wirklichen Bundespräsidenten" zu bezeichnen, der braucht sich nicht wundern, wenn angesichts dieses wenig stilsicheren Umgangs mit dem tatsächlichen Amtsinhaber letzterem auch mal der Kragen platzte. Auch die fortgesetzten Spekulationen, ob Frau Wulff zu gewissen Zeiten ihres Lebens einen im Hinblick auf das männliche Geschlecht unkonventionellen Lebenswandel führte, waren nicht frei von hetzerischen Zügen. Darüber hinaus bin ich mir hochgradig unsicher, ob so manche der angeblichen Verfehlungen des Herrn Wulff nicht aus Kalkül sehr aufgebläht worden sind. Allles in allem, es hätte ohne die Agitation interessierter Kreise nicht so kommen müssen, wie es heute an jenem 17.2.2012 mit Herrn Wulffs Rücktritt gekommen mit. Herr Wulff, Sie waren mir im Vielem nicht der Nächste. Gleichwohl wünsche ich Ihnen, dass Sie in der Wärme Ihre Familie mehr Gerechtigkeit finden werden als Ihnen weite Teile unsere Öffentlichkeit zu Teil werden ließ.

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