Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.01.2014

13:59 Uhr

In eigener Sache

Der nackte Wahnsinn

VonMarc Etzold

Unverhüllte Hintern auf Facebook? Das geht natürlich nicht. Der Internet-Riese zensiert derzeit Beiträge mit einem Nacktbild der Jungen Liberalen. Auch Handelsblatt Online hatte das Motiv geteilt. Ein Ereignisprotokoll.

Versuch 2.0: Am Freitag (24.01.2014) haben wir das Bild der Julis selbst zensiert und erneut gepostet.

Versuch 2.0: Am Freitag (24.01.2014) haben wir das Bild der Julis selbst zensiert und erneut gepostet.

DüsseldorfZugegeben – wir wussten ja, was wir tun. Ein Bild mit nackten Hintern auf Facebook zu posten, ist ein tollkühnes Unterfangen. Schon früher hatte das Unternehmen aus dem Silicon Valley Beiträge von Nachrichtenportalen gelöscht, die scheinbar gegen seine Richtlinien verstießen. Bei Handelsblatt Online lieben wir das Abenteurer und haben es riskiert.

Doch der Reihe nach. Am Donnerstag hatten die Jungen Liberalen (Julis), die Jugendorganisation der FDP, ihre neue „APO 2.0“-Kampagne gestartet. Darin lehnt sich deren Führungsriege nebeneinander an eine Wand, die Arme strecken sie in die Luft. Und ja – sie sind nackt, man sieht viele Hintern. Eine Anlehnung an das berühmte Foto aus der „Kommune 1“. „Wer hätte gedacht, dass wir mal die Ideale der 68er verteidigen müssen“, steht unter dem Foto.

Es ist eine clevere Kampagne, die in die Online-Mechanismen passt. Die Julis brauchen Aufmerksamkeit – mehr denn je, nachdem die Mutterpartei spektakulär aus dem Bundestag flog. Newsportale berichten. Das Bild der Julis wird viral verbreitet.

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Wir teilten das Nackedei-Foto auf unserer Facebook-Seite und fragten unsere Lesern nach ihrer Meinung. Die kam prompt: Claudia Ulrike Müller schrieb, das Foto sei „geschmacklos“. Der „Gestank der Verzweiflung“ werde angesichts „dieser Peinlichkeit sehr real wahrnehmbar“. Mirko Brunner hingegen fand die Werbung „sehr schön und auf den Punkt gebracht“. Und Henrik Personn schrieb ironisch, er habe „schon schönere Ärsche gesehen“. Die Meinungen reichten von Zustimmung zur Kampagne bis zu deren breiter Ablehnung. Insgesamt überwogen die negativen Reaktionen. Doch für die Julis ist das nicht schlimm. Hauptsache, man spricht darüber.

Natürlich war uns klar, dass Facebook den Beitrag wegen der nackten Hintern zensieren könnte. Uns so kam es auch: Gegen 15.30 Uhr löschte das soziale Netzwerk zunächst den Original-Beitrag der Julis, in der Nacht zum Donnerstag dann unseren.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

norbert

24.01.2014, 15:14 Uhr

Wer in der FDP ist, hat die Ideale der 68 nie begriffen.
(Und wird es vermutlich auch nie)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×