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09.04.2013

14:19 Uhr

In eigener Sache

„Verdummung und Propaganda“

VonJonas Jansen, Johannes Steger

Die Debatte um den Euro und die Schuldenkrise wird hitzig und emotional geführt, auch in den Kommentaren auf Handelsblatt Online. Die Diskussion ist wichtig, doch manchmal geht es unter die Gürtellinie.

Deutsche Zwei-Euro-Münze: Die Diskussion über die europäische Einheitswährung spaltet das Netz. dpa

Deutsche Zwei-Euro-Münze: Die Diskussion über die europäische Einheitswährung spaltet das Netz.

„Deutsche stehen zum Euro“, titeln wir heute. Die Geschichte dahinter: Laut einer exklusiven Umfrage wollen mehr als zwei Drittel der Deutschen den Euro behalten – der beste Wert seit seiner Einführung. Was wir da nüchtern beschrieben haben, hat viele von Ihnen nicht kalt gelassen, berührt, manche sogar getroffen und empört. Die dreistellige Zahl von Kommentaren, die schnell zusammengekommen ist, spricht jedenfalls dafür.

Die Inhalte auch. Sie gehen zum Beispiel so: „Einfach nur lachhaft. Wenn 1000 Leute befragt werden, dann ist eine Umfrage representativ (sic)? Die Verdummung und Propaganda nimmt immer krassere Züge an, die Verdummung durch die Massenmedien wird immer verrückter aber für normal denkende Menschen auch immer leichter zu durchschauen.“ Uns sind diese Reaktionen gut bekannt: Artikel über die Euro-Krise, den Euro oder auch der Euro-kritischen Partei "Alternative für Deutschland" werden oft und heftig kommentiert. Darüber freuen wir uns, denn die Diskussion ist wichtig. Doch manchmal haben wir unsere Liebe Müh und Not. Auch heute wieder.

Denn schnell verwandelt sich die sachliche Debatte im Kommentarfeld zu einer Reihung von Beleidigungen. Manche Themen, und dazu gehört nicht nur die Euro-Debatte, ziehen fiese Kommentare geradezu an: Unter Texten zu Israel warnen Kommentatoren vor der „zionistischen Weltverschwörung“ und bei Beiträgen zur NSU sehen einige die Schuld bei den Türken. Und ja - das meinen die immer anonymen Verfasser ernst. Nicht selten ängstigen sich Trolle davor, dass die Grünen Deutschland geradezu „abschaffen“ wollen, gerne belegt mit nicht mehr als zweifelhaften Kommentaren von Trittin bis Özdemir. Wir kennen das und weil wir für den Inhalt unserer Seite stehen wollen, schalten wir die Kommentarfunktion in solchen Fällen ab.

Doch beim Thema Euro möchten wir das ungern tun. Denn wir sind für einen offenen Meinungsaustausch, erst recht – so meinen wir bei Handelsblatt Online - bei Wirtschaftsthemen. Wir wollen keine Kritik zensieren, wie uns oft vorgeworfen wird, sondern freuen uns tatsächlich über jede kritische Stimme. Doch wir merken, dass gerade die Euro-Debatte hitzig und emotional geführt wird – und sich Kommentatoren dabei schnell beleidigen. Sie gehen unter die Gürtellinie.

Dass wir als Redaktion voller Praktikanten (was übrigens auch gemein gegenüber Praktikanten ist), Systempresse oder Schmierenjournallie bezeichnet werden, lassen wir sogar meistens stehen  - das können wir aushalten. Aber wenn sich unsere Leser gegenseitig beschimpfen, müssen wir Kommentare löschen, auch wenn wir dadurch als Zensor beschimpft werden.

Gerade unter den Texten zur „Alternative für Deutschland“ findet inzwischen häufig keine echte Debatte mehr statt: Da nutzen Kommentatoren den Begriff der EUdSSr, der sich sonst vornehmlich auf den rechten Seiten von Politically Incorrect oder den wirren Seiten des Kopp-Verlages findet. Oder es wird die EU mit dem Nationalsozialismus, Kommunismus oder andern –ismen verglichen. Manchmal geht es sogar soweit die „Abschaffung der Systempartei CDUCSUSPDFDP“ zu fordern - wenn nötig auch mit Gewalt.

Die Anti-Euro-Thesen der „Alternative für Deutschland“

Zukunft des Euro

Wir fordern eine geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes. Deutschland braucht den Euro nicht. Anderen Ländern schadet der Euro. (Quelle: Parteiprogramm)

Neue Währungen

Wir fordern die Wiedereinführung nationaler Währungen oder die Schaffung kleinerer und stabilerer Währungsverbünde. Die Wiedereinführung der DM darf kein Tabu sein.

Europäische Verträge

Wir fordern eine Änderung der Europäischen Verträge, um jedem Staat ein Ausscheiden aus dem Euro zu ermöglichen. Jedes Volk muss demokratisch über seine Währung entscheiden dürfen.

Austrittsrecht

Wir fordern, dass Deutschland dieses Austrittsrecht aus dem Euro erzwingt, indem es weitere Hilfskredite des ESM mit seinem Veto blockiert.

Lasten für den Steuerzahler

Wir fordern, dass die Kosten der sogenannten Rettungspolitik nicht vom Steuerzahler getragen werden. Banken, Hedge-Fonds und private Großanleger sind die Nutznießer dieser Politik. Sie müssen zuerst dafür geradestehen.

Schuldenschnitte

Wir fordern, dass hoffnungslos überschuldete Staaten wie Griechenland durch einen Schuldenschnitt entschuldet werden. Banken müssen ihre Verluste selbst tragen oder zu Lasten ihrer privaten Großgläubiger stabilisiert werden.

EZB-Politik

Wir fordern ein sofortiges Verbot des Ankaufs von Schrottpapieren durch die Europäische Zentralbank. Inflation darf nicht die Ersparnisse der Bürger aufzehren.

Nochmal: Wir wollen keine Kritik verhindern, haben mit unserem Kolumnisten Hans-Olaf Henkel sogar einen prominenten Euro-Kritiker regelmäßig auf der Seite. Aber auch von ihm wissen wir, dass er lieber auf die inhaltliche Debatte einsteigen würde, als sich das Geschwätz unter seinen Kolumnen angucken zu müssen. Gegen den Euro zu sein, ist nicht das Problem, sondern die Wortwahl mancher Kommentatoren, die der sachlichen Diskussion und damit auch den ernsthaften Kommentatoren schaden.

Wir möchten Sie also bitten: Diskutieren Sie gerne viel und häufig, auch kritisch und emotional. Aber verzichten Sie bitte auf Beleidigungen. Was erlaubt ist, steht auch hier: http://www.handelsblatt.com/impressum/netiquette/

Wer jetzt den Eindruck hat, dass wir Trolle unnötig mit Aufmerksamkeit gefüttert hätten, dem sei dieser Text empfohlen. Denn: Ignorieren ist keine Option.

Kommentare (147)

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Account gelöscht!

09.04.2013, 14:22 Uhr

ERSTER !
Ok dieser Kommentar war ziemlich dumm

Alle-stimmen-zu-keiner-geht-hin

09.04.2013, 14:28 Uhr

Dieselben Medien melden Merkelbegeisterung - bei jeder für die Union verlorenen Landtagswahl

Unbekannt bleibt, auf welcher fernen Himmelswiese solche Umfragen stattfinden - den Weg zu realen Abstimmungen findet man von dort jedenfalls nicht.
Bundesland um Bundesland, Großstadt um Großstadt gehen für ESM-Merkel und Schäuble verloren .
Die fiktiven Zustimmungsswerte eignen sich allenfalls für den parteiinternen Nötigungskampf, als Waffe des Kauderismus gegen "Abweichler".

Account gelöscht!

09.04.2013, 14:31 Uhr

Endlich hat das Handelsblatt mal auf die meist unterirdischen Kommentare reagiert.

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