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05.06.2012

15:27 Uhr

Industrieaufträge

Deutsche Wirtschaft steuert in die Flaute

Die guten Zeiten sind nun auch für Deutschland vorbei. Die Industrie verliert an Aufträgen - und das gesamte Umfeld trübt sich ein. Experten warnen bereits vor einen unsanften Landung.

MTU-Werk Friedrichshafen: Von dem Auftragsminus sind vor allem die Maschinenbauer betroffen. dpa

MTU-Werk Friedrichshafen: Von dem Auftragsminus sind vor allem die Maschinenbauer betroffen.

BerlinNach dem Höhenflug zu Jahresbeginn droht der deutschen Wirtschaft eine unsanfte Landung. Im Sog der globalen Konjunkturabkühlung brachen der Industrie im April die Aufträge so massiv weg wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Und die Privatwirtschaft ist nach einer Umfrage des Markit-Instituts im Mai erstmals seit dem Jahresbeginn wieder vom Wachstumskurs abgekommen.

"Insgesamt dürfte das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal weitgehend stagnieren", prophezeien die Londoner Forscher. Die von der Schuldenkrise erfasste Euro-Zone, Hauptabnehmer deutscher Waren, steuert sogar auf eine Rezession zu.
In der deutschen Industrie sanken die Bestellungen im April um 1,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Dies ist der stärkste Einbruch seit November 2011, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Dienstag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur ein Minus von 1,0 Prozent auf dem Zettel. Allerdings fiel das Plus im März mit 3,2 Prozent um einen vollen Prozentpunkt höher aus als ursprünglich angenommen.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Deutschland in der Wirtschaftskrise

Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

Schuldenkrise

„Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

Inflation

Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

Immobilienblase

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

China

China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

Die Metall- und Elektroindustrie hierzulande setzt jedoch darauf, dass sie mit einem blauen Auge davonkommt: "Wir erwarten keinen Absturz in Deutschland - obwohl uns klar ist, dass es um uns herum traurig aussieht", sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in Berlin. Die Aufträge seien weniger geworden und auch die Erwartungen vieler Unternehmen nicht mehr so optimistisch. Die Stimmung im deutschen Mittelstand erlebte im Mai insgesamt einen regelrechten Einbruch, wie aus dem KfW-ifo-Mittelstandsbarometer hervorgeht. Das Geschäftsklima gab gegenüber dem Vormonat um 5,7 Zähler nach. Dies entspricht fast dem Dreifachen einer normalen Monatsveränderung. Ebenso drastisch trübte sich das Geschäftsklima bei den Großunternehmen ein. Mittelständler wie Großunternehmen schraubten dabei ihre Geschäftserwartungen nach unten und bewerteten die aktuelle Lage pessimistischer. Auslöser für den Stimmungseinbruch dürften die Turbulenzen um Euro-Wackelkandidat Griechenland sein, die zunehmende Besorgnis über die Schuldenkrise aufkommen lässt.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

05.06.2012, 13:00 Uhr

1,9% Minus, nach 3,x % Plus. Wo ist die Meldung und was bitte ist daran drastisch ?

Numismatiker

05.06.2012, 13:33 Uhr

"Deutscher Industrie brechen die Aufträge weg":

Wer hätte DAS denn jemals vorhersehen können? Wenn es allen Käufern deutscher Produkte schlecht geht, kann es Deutschland auf Dauer nicht gutgehen.

Ein kleiner Trost am Rande: Vielleicht bleibt uns damit die Zwangs-Vergesellschaftung unseres Wohlstandes erspart.

Karl_H

05.06.2012, 13:38 Uhr

Was soll diese irreführende Headline? Seriöser Journalismus sieht anders aus! Das Handelsblatt entwickelt sich immer mehr zu einem Revolverblatt.

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