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03.12.2014

11:21 Uhr

Inklusion

„Wir können uns nicht leisten, dieses Potential liegen zu lassen“

VonNiklas Dopheide

Wer mit einer Behinderung lebt, hat es schwer im Arbeitsleben. Denn Menschen mit Behinderung suchen nicht nur deutlich länger nach einem Job, es gibt auch viel mehr Arbeitslose als bei Menschen ohne Behinderung.

Haben es nicht leicht im Arbeitsleben: Menschen mit Behinderung. dpa

Haben es nicht leicht im Arbeitsleben: Menschen mit Behinderung.

DüsseldorfDie Zahlen sind entmutigend, denn Menschen mit Behinderung haben es im Arbeitsleben weiter schwer: Die Anzahl der Arbeitslosen mit Schwerbehindertenausweis stieg dieses Jahr auf 179.000. Damit wuchs die Zahl um rund 3.000 Personen, sie lag im Vorjahr noch bei 176.040. Zudem suchen Menschen mit Behinderung rund 100 Tage länger nach einem Arbeitsplatz als Menschen ohne Behinderung. Die Arbeitslosenquote ist bei Menschen mit Behinderung mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Sie liegt zurzeit bei 14 Prozent.

Die Ergebnisse stammen aus dem aktuellen Inklusionsbarometer Arbeit, dass das Handelsblatt Research Institute im Auftrag der Aktion Mensch erhebt. Inklusion bedeutet wörtlich übersetzt Zugehörigkeit. Mit Inklusion wird die gleichberechtige Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung an der Gesellschaft und der Arbeitswelt bezeichnet. Die Zahlen wurden vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt.

Das Inklusionsbarometer wurde im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, ist trotz der negativen Zahlen für die Zukunft optimistisch. Die Tendenz der demographischen Entwicklung spreche für die Einstellung von Menschen mit Behinderung. Der Wegfall von gut einem Drittel aller Erwerbstätigen in der Zukunft könnte einen positiven Einfluss auf die Einstellung von Menschen mit Behinderung haben, meint Rürup.

Der Gesamtwert des Barometers berechnet sich aus den Zahlen für das Lage-und das Klimabarometer. Mit dem Lagebarometer werden die Daten, unter anderem zur Anzahl der Arbeitslosen mit Behinderung, vom statistischen Bundesamt und den Integrationsämtern ausgewertet. Das Klimabarometer basiert auf Interviews mit Arbeitgebern, sowie Arbeitnehmern mit Behinderung und sammelt so Eindrücke, wie in der Praxis die Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben aussieht.

Was ist Hartz IV

Wichtigstes Reform-Ziel

Menschen ohne Job wieder in Arbeit zu bringen.

Motto der Reform

Langzeitarbeitslose fördern und fordern. Kritiker sagen, das Fördern komme zu kurz.

Wer bekommt wie viel?

Als Grundsicherungsleistung erhalten Langzeitarbeitslose das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV. Dieses liegt derzeit für einen Single bei 391 Euro im Monat, plus Miete und Heizkosten. Für Partner in einer Bedarfsgemeinschaft liegt der Regelsatz bei jeweils 352 Euro.

Sehr begrenzte Jobauswahl

Wer Hartz IV in Anspruch nimmt, muss jeden zumutbaren Job annehmen. Auch wenn dieser schlecht bezahlt ist. Wer sich verweigert oder Termine im Jobcenter schwänzt, riskiert Leistungskürzungen. Wenn Anfang 2015 der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro in Kraft tritt, profitieren Langzeitarbeitslose, die eine Stelle finden, davon nur bedingt: Erst nach sechs Monaten haben sie Anspruch auf Mindestlohn.

Bedarfsleistung

Hartz IV ist eine Bedarfsleistung. Das heißt: Nur wer bedürftig ist, bekommt sie. Einkommen oder eigenes Vermögen werden angerechnet. Bei einem Hinzuverdienst beträgt die Freigrenze 100 Euro im Monat.

Aufstocker

Wer Vollzeit arbeitet, aber so wenig verdient, dass er damit seinen Lebensunterhalt und den der Familie nicht sichern kann, hat auch Anspruch auf Hartz IV: Dies sind die sogenannten Aufstocker.

Wie viele bekommen es?

Von den 2013 insgesamt 3,14 Millionen Arbeitslosen (Jahresdurchschnitt) waren 2,03 Millionen Bezieher von Hartz-IV-Leistungen.

Das Inklusionsbarometer betrachtet auch regionale Unterschiede bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben. In Ostdeutschland ist demnach die Lage für Arbeitnehmer mit Behinderung am Besten. Mit 104,5 ist die Region um die neuen Bundesländer und Berlin Spitzenreiter beim Lagebarometer. Beim Klimabarometer ist Nordrhein-Westfalen Spitzenreiter mit einem Wert von 36,3. Damit liegt der Wert aber immer noch unter dem Schwellenwert von 50, ab dem das Inklusionsklima als positiv gilt. In den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern, die als deutsche Wirtschaftshochburgen gelten, ist die Situation für Arbeitnehmer mit Behinderung besonders schlecht.

Das Barometer wurde ins Leben gerufen, um „Transparenz“ und „Sensibilität“ für das Thema zu schaffen, sagte Armin von Buttlar, Vorsitzender der Aktion Mensch beim Pressegespräch. Für ihn ist die schlechte Situation von Arbeitnehmern mit Behinderung vor allem auf ein „Wissensdefizit“ der Unternehmen und das Fehlen einer „Potentialbetrachtung“ zurückzuführen.

Bert Rürup sieht neben sozialen auch ökonomische Gründe für die Inklusion. Im Hinblick auf die Demographische Entwicklung müsste auch das „Potential von Menschen mit Behinderung“ in die Wirtschaft eingebracht werden. Dort wo die Effekte bereits stärker spürbar sind, wie in Ostdeutschland, sei „aus der Not“ heraus schon mehr für die Inklusion getan worden. Er appelliert ebenso wie von Buttlar an die Unternehmen, das Thema wesentlich ernster zu nehmen. Man könne sich nicht leisten dieses Potential liegen zu lassen, meint Rürup.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

03.12.2014, 15:54 Uhr

Natürlich ist das Potenzial vorhanden, es wird nur nicht mit geeigneten Mitteln aquiriert.
Unter Kanzler Dr. Kohl wurde die MdE (Minderung der Erwerbsfähigkeit) in GdB (Grad der Behinderung) umbenannt, damit die Personalchefs solche Personen vermehrt einstellen würden.
Nun; dann hätte man den Personalchefs gleichzeitig eine "Verdummungspille" verabreichen müssen damit sie nicht erkennen, dass MdE und GdB im Grunde das Gleiche bedeutet.
Welcher Kleinbetrieb leistet sich z.B. keine "Maus" für den Bildschirmarbeitsplatz, sondern ein Gelenkeschonenderes anderes Bedienungssystem, was natürlich teurer ist. Meist ist noch nicht einmal bekannt, dass dies zuschussfähig ist.
Da, meine Damen und Herren Politiker, medizinische Systeme wäre reichlich Aufklärung möglich und auch vonnöten.

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