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12.12.2012

10:39 Uhr

Innenminister machen Druck

Wem gehört das Stadion?

VonStefan Kaufmann

Kontrollen auch mit Nacktscannern, härtere Sanktionen für Fans und Vereine: In der Debatte um Gewalt in Fußballstadien machen die Innenminister Druck. Mit fatalen Folgen, sagen die Fanforscher. Es drohe ein Fußballkrieg.

Hannovers Fans brennen in der AWD-Arena bengalische Feuer ab. dpa

Hannovers Fans brennen in der AWD-Arena bengalische Feuer ab.

DüsseldorfWenn die Mitglieder der Deutschen Fußball Liga (DFL) heute in Frankfurt über das Papier mit der Überschrift „Sicheres Stadionerlebnis“ abstimmen, stehen sie unter besonderer Beobachtung. Denn die Innenminister der Länder überbieten sich seit Tagen mit ihren Forderungen nach schärferen Sicherheitsmaßnahmen und härteren Sanktionen. Auf diese Weise wollen sie Gewalttaten im Umfeld von Bundesligaspielen verhindern.

Der jüngste Vorstoß kam von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Er drohte den Vereinen, sie für Polizeieinsätze im Fußball zur Kasse zu bitten, sollten sie sich am Mittwoch nicht auf das umfassende Sicherheitspaket einigen. „Das ist von uns nicht gewollt, aber vielleicht bleibt uns keine andere Wahl“, sagte Schünemann.  

Die wichtigsten Anträge des DFL-Sicherheitskonzepts

Antrag 2 (LO)

Die Vereine sollen sich künftig nach besten Kräften bemühen, mit Vertretern ihrer organisierten Fanszene „einen offenen, regelmäßigen und verbindlichen Dialog zu etablieren“.

Antrag 3 (LO)

In jedem Stadion muss ein Kontrollraum für die Sicherheits- und Ordnungskräfte vorhanden sein. Er muss mit einer Videoanlage zur Überwachung der Zuschauerbereiche ausgestattet sein. „Die Befehlsstelle der Polizei ist mit einer Vorrangschaltung für Videoüberwachung auszustatten.“ Gemäß Antrag 4 soll der Vorstand des Ligaverbandes die entsprechenden Richtlinien beim DFB-Präsidium beantragen.

Antrag 8 (DFB)

„Zur Sicherstellung eines störungsfreien Spielablaufs, zur Verminderung von Gefahren für die Zuschauer, Spieler und Schiedsrichter“ sollen die bestehenden Kontrolleinrichtungen verbessert werden. Diese müssen so beschaffen sein, dass Kontrollen „sicher, zügig und angemessen“ durchgeführt werden können. Die DFL stellt dabei klar, dass sogenannte Vollkontrollen keinesfalls in die Statuten aufgenommen werden sollen. Der Umfang der Kontrollen soll „lageabhängig“ entschieden werden.

Antrag 9 (DFB)

Sowohl die vom Heimverein beauftragten Ordnungsdienstkräfte als auch das vereinseigene Ordnungsdienstpersonal müssen das Schulungskonzept des DFB durchlaufen, um über ihre „Rechte, Pflichten sowie Aufgaben, Abläufe und die wesentlichen Problemfelder“ unterrichtet zu sein.

Antrag 11 (DFB)

Bei „Spielen mit erhöhtem Risiko“ sollen unter anderem folgende Maßnahmen „zu erwägen“ sein: Begrenzung des Verkaufs von Eintrittskarten (Steh- und Sitzplatzbereich), strikte Trennung der Anhänger und Durchführung von verstärkten Personenkontrollen. Die DFB-Zentralverwaltung ist berechtigt, „aufgrund eigener Erkenntnisse ein Spiel als 'Spiel mit erhöhtem Risiko' einzustufen“. Außerdem wird die Möglichkeit einer Sicherheitsaufsicht bei „Spielen unter Beobachtung“ eingeführt.

Antrag 14

Die Richtlinien zur Spielordnung (SpOL) zum Ticketkontingent sollen ergänzt werden. So stehen dem Gastverein weiterhin zehn Prozent der jeweiligen Stadionkapazität zur Verfügung - „vorbehaltlich einer anderslautenden rechtskräftigen Entscheidung eines DFB-Rechtsorgans oder einer anderslautenden Festlegung des Heimvereins bei Spielen mit erhöhtem Risiko“.

Pro Eintrittskarte ein Euro mehr für die Sicherheit – mit diesem Vorschlag hatte sich zuvor Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) ins Gespräch gebracht. Weitere Ideen aus der Politik: Abschaffung der Stehplätze in Fußballstadien, eine Verlängerung der Stadionverbote auf bis zu zehn Jahre, Ganzkörperkontrollen beim Einlass.

Fanforscher Gunter A. Pilz, Honorarprofessor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover, ist entsetzt über „die Scharfmacher aus der Politik“. „Aus wahltaktischen Gründen führen die Innenminister eine völlig überzogene Debatte“, sagt Pilz im Gespräch mit Handelsblatt Online. Für ihn ist beispielsweise Schünemanns Verhalten nur mit der Landtagswahl am 20. Januar in Niedersachsen zu erklären. „Mit seinen populistischen Aussagen geht er auf Stimmenfang“, sagt Pilz. „Jeden Tag gibt es neue Forderungen und Drohgebärden seitens der Politik. Das hat den Druck vor der DFL-Mitgliederversammlung immens erhöht – was der Sache kein bisschen dient.“

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Mit einem stummen Protest haben die Fußball-Fans ein Zeichen gesetzt.

Ein erster Entwurf des Sicherheitskonzepts, von der DFL im Alleingang ohne Beteiligung der Fans erarbeitet, war nach massiven Protesten von Fans und der Ablehnung mehrerer Klubs entschärft worden. Konsequenz: Man will nun mehr auf Dialog setzen und lieber gezielt nach Gewalttätern fahnden, anstatt komplette Fangruppen zu bestrafen. Die Verurteilung von Pyro-Technik, Rassismus und Gewalt sind weiterhin festgeschrieben.

Doch auch die neue Beschlussvorlage, denen zwei Drittel der Profiklubs zustimmen müssten, birgt noch Diskussionsstoff. Umstritten sind bei Fans und Vereinen die Möglichkeit der Ganzkörperkontrollen, die verstärkte Videoüberwachung und Kollektivstrafen, beispielsweise durch ein geringeres Eintrittskartenkontingent. Den Innenministern gefällt die Aufweichung des Sicherheitskonzepts nicht. „Ich sage ganz offen: Wir hätten uns mehr vorstellen können“, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Rande der Innenministerkonferenz vergangene Woche.  

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Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert von DFL und DFB pro Saison eine Sicherheitsgebühr von 50 Millionen Euro.

Kommentare (32)

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12.12.2012, 10:55 Uhr

Das Stadion nur zur Hälfte füllen und breite Gassen zwischen den (kleineren) Blöcken lassen, und schon ist Ruhe.

Guenther

12.12.2012, 10:59 Uhr

Es geht doch eigentlich wieder mal nur ums Abkassieren: Entweder die Vereine oder die Fans. Die Politik mischt sich überall ein unter dem Vorwand, uns Bürger schützen zu wollen. Der Staat passt auf alle auf, kein eigenes Risiko mehr: Tempolimit, höhere Bußgelder, Bürgerversicherung, bevormundung in Stadien (und wo künftig noch?. Eigene Verantwortung ist doch nur noch als Unternehmer möglich, und sogar die werden nicht gelobt, sondern - wieder mal - abkassiert, weil sie ja alle so reich sind, werden sie zur Solidarität gezwungen in unserem ehemals liberalen Land.
Eine Frage, wo doch Gerechtigkeit so gerne bemüht und täglich diskutiert wird: Die Polizei im Stadion zahlen wir also künftig selbst, wenn wir uns nicht nackt machen wollen, aber die jahrelangen Montagsdemos bei Stuttgart 21 usw. gehen natürlich auf Staatskosten, oder? Geht's eigentlich noch??

Account gelöscht!

12.12.2012, 11:09 Uhr

Wehr et den Anfängen.Diese alte Weisheit wird von den Verantwortlichen heute nicht mehr verstanden. Es war genug Zeit diesen Chaoten nicht die Entwicklung zu bieten die sie heute haben.Entfernt endlich die Schönschwätzer aus den Verantwortlichen Positionen und ersetzt sie durch handelnde Fachleute. Wer den Schaden anrichtet, muss ihn auch bezahlen. Auch eine alte Regel. Hört endlich auf mit den Bewährungsstrafen. Am eigenen Geldbeutel tut's am meisten weh.

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