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17.02.2016

12:13 Uhr

Innovations-Strategie in Deutschland

„Digitale Wüste in deutschen Amtsstuben“

VonBarbara Gillmann

Watsche für Schwarz-Rot: Die Digitalisierungs-Strategie des Bundes ist falsch aufgestellt, teils rückständig und die Bedingungen für Start-ups schlecht, urteilen die Berater der Kanzlerin. Vorbilder finden sich woanders.

Das diesjährige EFI-Gutachten kommt in weiten Teilen einer Watsche für die Innovationspolitik der Regierung, vor allem der High-Tech-Strategie, gleich. dpa

Industrie 4.0

Das diesjährige EFI-Gutachten kommt in weiten Teilen einer Watsche für die Innovationspolitik der Regierung, vor allem der High-Tech-Strategie, gleich.

BerlinDie Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Sachen Innovation prangern gravierende Defizite an: Die Innovations-Strategie des Bundes ist falsch aufgestellt, das gesamte deutsche E-Government mangelhaft und die überfällige Förderung von Start-ups sowie kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) immer noch nicht auf dem Weg, rügt die „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) in ihrem neuen Gutachten.    

Bisher sei jedenfalls „keine systematische Strategie erkennbar, um die Potenziale der internetbasierten Wirtschaft zu erschließen und Schwächen auszugleichen“, heißt es in dem EFI-Gutachten, das die Professorentruppe um den Vorsitzenden Dietmar Harhoff am heutigen Mittwoch der Kanzlerin übergibt.

Das Gutachten ist in weiten Teilen eine Watsche für die Innovationspolitik der Regierung, vor allem für die High-Tech-Strategie. Deren Schwerpunkt liege derzeit „hauptsächlich auf der Verteidigung etablierter Sektoren“, rügen die Professoren.

Die digitale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Städte

Überblick

Der Deloitte-Index „Digitale Wettbewerbsfähigkeit“ untersucht drei Bereiche, die für die digitale Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind: nämlich die Ausstattung mit Talenten, die Innovationsfähigkeit und die Attraktivität. Erfasst wurden nicht nur Daten aus dem digitalen Kernbereich der Informations- und Kommunikationsindustrie, sondern die branchenübergreifende Positionierung der 30 größten Städte Deutschlands. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Platz 1

München: Die höchste digitale Wettbewerbsfähigkeit unter den 30 größten deutschen Städten hat die bayerische Landeshauptstadt. Sie profitiert dabei vor allem von ihrer Position im Bereich Talente. Die Stadt hat die höchste Akademikerquote ebenso wie eine sehr starke Spezialisierung auf die IKT-Branche, die ihre Beschäftigung in München in den letzten fünf Jahren um 34 Prozent erhöht hat. München kombiniert diese Spezialisierung mit stärksten IKT-Kompetenzen über alle Branchen hinweg. Die Stadt hat die höchste Beschäftigung von Informatikern und IT-Experten generell, ein Spiegelbild der starken Stellung Münchens in verschiedenen Industriebranchen.

Platz 2

Berlin: Die Hauptstadt punktet vor allem mit hoher Leistungsfähigkeit im Bereich Innovation, hier vor allem mit Forschungseinrichtungen und der bundesweit höchsten Gründungsintensität im IKT-Sektor. Ebenso bringt Berlin die meisten MINT-und Design Studenten (Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaft, Technik) hervor, ein wichtiger Indikator für die künftige Leistungsfähigkeit. Schwächere Performance zeigt Berlin bezüglich Wirtschaftsfreundlichkeit der Stadt für Unternehmen und bei der allgemeinen Akademikerquote.

Platz 3

Hamburg: Die Hansestadt ist die attraktivste Stadt für die hochqualifizierten Arbeitnehmer von morgen, die heutigen Studenten. Bei Unternehmern gilt die Stadt als sechstbeliebte in Deutschland. Hamburg zeigt ebenso eine starke Performance im Bereich Innovation, hat aber im Vergleich dazu Defizite im Bereich Talente.

Platz 4

Köln: Die Stadt am Rhein profitiert von der hohen Spezialisierung ihrer IKT-Industrie auf die Medienbranche. Hinzu kommen Stärken im Design-Bereich, nicht zuletzt dank mehrerer Hochschulen. Bei der Zahl der neugegründeten IKT-Unternehmen hat Köln einen deutlichen Abstand zum Drittplatzierten Hamburg: Während es dort im Jahr 2014 mehr als 1000 Neugründungen gab, waren es in Köln 702.

Platz 5

Stuttgart: Die baden-württembergische Landeshauptstadt hat die zweihöchste Akademikerquote im gesamten Ranking und ist für Unternehmen auch dank ihrer hohen Zahl von MINT-Studenten, Informatikern und weiteren IT-Berufen attraktiv.

Platz 6

Frankfurt: Das Finanzzentrum Deutschlands verpasst nur knapp die Top-5, verfügt im Bereich der IKT-Berufe allerdings über eine große Stärke, was vor allem auf die Beschäftigung von IT-und Datenspezialisten im Finanzsektor zurückzuführen ist. Als Studentenstadt kann Frankfurt sich keinen Namen machen: Beim Talentindex reicht es nur für Platz 21.

Platz 7

Dresden: Die 530.000-Einwohner-Stadt glänzt mit der viertbesten Akademikerquote und lässt dabei unter anderem Frankfurt, Berlin und Köln hinter sich. Dass sich Dresden noch im vorderen Drittel wiederfindet, liegt vor allem an der großen Kompetenzansiedlung im Bereich der industrienahen Softwareprogrammierung.

Platz 8

Düsseldorf: NRWs Landeshauptstadt erreicht bundesweit Platz sechs bei der Zahl der IKT-Firmengründungen (340 im Jahr 2014), kommt bei der Zahl der Forschungsinstitute aber nicht über das Mittelfeld, Platz 15, hinaus.

Platz 9

Karlsruhe: Die Stadt am Rhein schneidet beim Talentindex sehr gut ab (Rang 5), vor allem wegen der zahlreichen IKT-Unternehmen und wegen vieler Hochschulabsolventen im IKT-Bereich. Zwischen 2009 und 2014 nahm die Dynamik bei der Beschäftigung in der dortigen IKT-Industrie um 36 Prozent zu.

Platz 10

Leipzig: Die Stadt von Wagner und Liebknecht punktet vor allem mit ihrer Attraktivität, jedoch eher bei Studenten (Platz 7) als bei Arbeitgebern (Platz 15). Beim Innovations- oder Talentindex reicht es in der Gesamtwertung nicht für die Top-10.

Nicht sinnvoll ist ihrer Meinung nach auch die Ausrichtung an konkreten Anwendungsfeldern wie Gesundheit, Produktion, Energie oder Handel. Stattdessen müsse sie sich an den bisher unzureichenden Schlüsselkompetenzen orientieren, also vor allem der Herstellung internetbezogener Software und dem Aufbau digitaler Geschäftsmodelle.

Parallel müssten die Bildungspolitiker ihrer Hausaufgaben in Schule und Ausbildung machen, fordert die Kommission. Sie müssten den Umgang mit Daten und digitalen Technologien endlich „als Kulturfähigkeiten verstehen und als Grundlagenfach in Schulen jeglicher Art und in Hochschulen verankern“, sowie „das Verständnis für digitale Wirtschaft und Geschäftsmodelle fördern“.

Immerhin: Die Tagesordnung des Kabinetts zeigt, dass die Regierung die nicht ganz neue Kritik vernommen hat. Bundesforschungsministerien Johanna Wanka will mit einem neuen Förderprogramm mit 400 Millionen Euro die hiesige Mikroelektronik voranbringen.

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Nummer ziehen, hinsetzen, warten: Wer zum Amt geht, braucht Geduld. Dabei gibt es Technik, um den Antrag auf Kindergeld oder die Anmeldung einer Firma online abzugeben. Hilft die Flüchtlingskrise bei der Einführung?

Das ist überfällig, zeigt das EFI-Gutachten: Denn allein die Marktkapitalisierung der digitalen US-Unternehmen Apple, Google, Amazon oder Facebook sei 2015 mit 1159 Milliarden Euro über 15 Mal so groß gewesen wie die gesamte Internetwirtschaft in Deutschland (34 Milliarden Euro), Südkorea (36 Milliarden Euro) und Schweden (drei Milliarden Euro) zusammen. Und diese Riesen „expandieren in immer neue Anwendungsfelder und Branchen“, warnen die Berater. Besondere Sorge bereitet ihnen „dass ein Großteil des deutschen Mittelstands den digitalen Wandel noch nicht mit der erforderlichen Intensität verfolgt“.

Innovationstreiber und mögliche künftige Konkurrenten der aktuellen Platzhirsche sind Start-ups. Sie sind es, die innovative Wege gehen, die auf software- und internetbasierten Technologien wie Cloud Computing (ausgelagerte Datenwolken) und der Auswertung großer Datenmengen (Big Data) aufbauen.

Doch just diese Start-ups würden von der deutschen Politik – trotz wiederholter Mahnungen der Experten – weiterhin sträflich vernachlässigt, kritisiert Harhoff. Doch bis heute „werden selbst die Versprechungen im Koalitionsvertrag von 2013 zur Verbesserung der Situation von Gründungen, insbesondere bei der Wagniskapitalfinanzierung, weit verfehlt“. Das kritisiert auch die Industrie regelmäßig.

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