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14.03.2017

20:06 Uhr

Integration auf dem Arbeitsmarkt

„Sind die Flüchtlinge da, wo die Arbeit ist?“

VonFrank Specht

Knapp jeder zehnte der in Deutschland registrierten Arbeitsuchenden ist ein Flüchtling. 400.000 Asylbewerber sind bereits im Hartz-IV-System angekommen. Arbeitsministerin Nahles und die OECD ziehen eine Zwischenbilanz.

Die Fachkräfte von morgen und übermorgen. dpa

Arbeitsministerin Nahles mit jungen Flüchtlingen im Berliner S-Bahn-Betriebshof Schöneweide

Die Fachkräfte von morgen und übermorgen.

BerlinAfzal Awan hat es geschafft. Der 20-Jährige aus Pakistan ist im August 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen und hat jetzt einen regulären Technik-Ausbildungsplatz bei der Deutschen Bahn gefunden. „Alles läuft“, sagt er im S-Bahn-Betriebshof Schöneweide im Südosten der Hauptstadt und freut sich.

Freuen kann sich auch Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), die sich am Dienstag mit ihrer Amtskollegin aus Schweden und Kanadas Einwanderungsminister ein Bild von der Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge macht. Nicht nur Afzal, auch die anderen jungen Männer aus Somalia, Guinea, Afghanistan oder Syrien, die bei der Bahn noch im Vorbereitungsprogramm „Chance plus“ stecken, sprechen schon gut Deutsch. „Sogar mit Berliner Dialekt“, lobt Nahles.

Der Arbeitsministerin ist aber auch klar, dass sie es hier mit einem Vorzeigebetrieb zu tun hat. 120 Flüchtlinge qualifiziert die Bahn derzeit für eine spätere Ausbildung oder Berufstätigkeit, in diesem und im kommenden Jahr sollen noch einmal 150 Plätze hinzukommen. Gerade dass in den vergangenen zwei Jahren so viele junge Leute gekommen sind – 82 Prozent sind unter 35 Jahre alt – macht der Arbeitsministerin Hoffnung. In ihre Ausbildung zu investieren, sei eine gute Investition, auch wenn es nur um die Fachkräfte von morgen oder übermorgen gehe.

Das sieht auch die OECD so. Die Industrieländerorganisation hat einen neuen Bericht zur deutschen Flüchtlingspolitik erstellt, den Nahles vor ihrem Besuch im S-Bahn-Werk vorstellt. Die Arbeitsmarktintegration sei noch lange nicht geschafft, sagt die Ministerin: „Im Gegenteil, da sind wir gerade erst am Anfang.“ Vor welcher Aufgabe die deutsche Wirtschaft noch steht, illustriert eine schlichte Zahl: Knapp jeder zehnte der in Deutschland registrierten Arbeitsuchenden ist ein Flüchtling. Und 400.000 Asylbewerber, deren Verfahren beendet ist, sind bereits im Hartz-IV-System angekommen, die meisten suchen händeringend Arbeit.

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„Wir schaffen das“, versprach Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2015. Nun zeigt sich: Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt kommt nicht voran. Neue Zahlen zeigen, wie wenig Menschen bisher Jobs gefunden haben.

Diejenigen, die bereits einen Job gefunden haben, kommen durchaus gut klar. Das Arbeitsministerium, die OECD und die Industrie- und Handelskammern haben rund 2200 Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit Flüchtlingen befragt. 85 Prozent erlebten nur wenige oder keine Schwierigkeiten im Arbeitsalltag, mehr als 80 Prozent sind auch mit der Arbeitsleistung zufrieden. Wenn es Probleme gab, dann waren sie meistens mangelnden Sprachkenntnissen geschuldet. Allerdings gilt auch: Zwei von drei Flüchtlingen arbeiten derzeit auf Stellen für Geringqualifizierte. Künftige Beschäftigungschancen sehen die Arbeitgeber aber eher für Facharbeiter oder gar Hochqualifizierte.

Laut OECD hat die Bundesregierung schon viele Hausaufgaben gemacht, etwa die Arbeitsverbote gelockert oder mehr Integrationskurse angeboten. Nun gehe es darum, eine langfristige Strategie für die Integration zu erarbeiten und die Angebote noch passgenauer zu gestalten. Die Industrieländerorganisation mahnt eine bessere Kooperation der beteiligten Akteure an, also etwa des Flüchtlingsamtes BAMF, der Jobcenter und Ausländerbehörden. Außerdem rät die OECD, die Verteilung der Flüchtlinge auf Länder und Kommunen stärker an der jeweiligen Arbeitsmarktlage auszurichten. Und viele Unternehmen vermissten Rechtssicherheit, was das Bleiberecht eines Flüchtlings angehe.

Mit dem im August 2016 in Kraft getretenen Integrationsgesetz habe die Regierung schon gute Arbeit geleistet, sagt dazu Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Allerdings reichten die Bemühungen noch nicht aus oder sie „laufen in der Verwaltungspraxis ins Leere“.

Kommentare (2)

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Herr Holger Narrog

15.03.2017, 09:24 Uhr

Im Schweizer Kanton Aargau hat man untersucht wie hoch der Anteil der aufgenommenen "Asylanten" (Deutschland "Flüchtlinge") ist die langfristig auf staatliche Alimentation, oder teilweise Alimentation angewiesen sind.

Das Ergebnis war dass knapp 80% dieses Personenkreises langfristig teilweise, oder vollständig auf staatliche Alimentation angewiesen ist. Bei den Personen aus Asien ist der Anteil geringer, aus Afrika höher.

Ich nehme an, dass dies in Deutschland ähnlich ist. Der Grund liegt meines Erachtens in der völlig anderen Sozialisation und Vorbildung dieser Einwanderer.

Herr Grutte Pier

15.03.2017, 10:27 Uhr

der Artikel geht mal wieder von der falschen Annahme aus, dass unsere Gesellschaft die "Flüchtlinge" integrieren muss.

Dies ist nicht der Fall.

Es war in der Intention niemals angedacht, dass "Flüchtlinge" auf Dauer hier bleiben.

Die Wunschvorstellung unserer Sozialromantiker wird den Normalbürger (netto-Steuerzahler) nur Unsummen an Geld kosten und ist keine Investition in die Zukunft unseres Landes.


Dazu Helmut Schmidt (SPD), 2005

Als Mittel gegen die Überalterung komme Zuwanderung nicht in Frage. “Die Zuwanderung von Menschen aus dem Osten Anatoliens oder
aus Schwarzafrika löst das Problem nicht, schaffte nur ein zusätzliches dickes Problem.”

Deutschland habe sich damit in den vergangenen 15 Jahren übernommen. “Wir sind nicht in der Lage gewesen, alle diese Menschen wirklich
zu integrieren”, sagte Schmidt schon damals. “Sieben Millionen Ausländer in Deutschland sind eine fehlerhafte Entwicklung, für die die
Politik verantwortlich ist.” Diejenigen, die sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren wollten oder könnten “hätte man besser
draußen gelassen”

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