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17.08.2016

12:48 Uhr

Integration in den Arbeitsmarkt

Die größten Job-Hürden für Flüchtlinge

VonAloysius Widmann

Jobsuche, Bewerbung und Berufseinstieg sind an sich schwer genug. Für Flüchtlinge kommen eine unbekannte Sprache, eine neue Kultur und ihre teilweise traumatischen Erfahrungen hinzu. Ein neue Studie zeigt Lösungen auf.

Noch ist es für viele Flüchtlinge sehr schwierig, eine feste Arbeitsstelle zu bekommen. dpa

Praktikum bei Daimler

Noch ist es für viele Flüchtlinge sehr schwierig, eine feste Arbeitsstelle zu bekommen.

BerlinEinen festen Arbeitsplatz – die meisten Flüchtlinge wollen nichts lieber als das. Und auch viele Unternehmer können sich gut vorstellen, Flüchtlinge einzustellen. Zumal in Deutschland tausende Stellen unbesetzt sind und gerade unter Fachkräften akuter Mangel herrscht. Aber dennoch finden Flüchtlinge und Arbeitgeber oft nur schwer zueinander. Warum das so ist, zeigt eine von GfK-Verein geförderte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Berliner Forscher haben zehn regionale und lokale Initiativen befragt, die Flüchtlingen dabei helfen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die wichtigsten fünf Punkte:

1. Woran scheitert die Bewerbung?

Am Anfang steht die Kontaktaufnahme. Das gilt genauso für Arbeitgeber und Flüchtlinge wie für die Initiativen, die Zuwanderern Jobs vermitteln. Aber schon hier kann vieles schiefgehen. Denn viele Flüchtlinge wissen schlicht nicht, an wen sie sich wenden sollen. Da kann schon die Suche nach einer passenden Stellenausschreibung scheitern.

Flüchtlingsstudie: Gegen Sex vor der Ehe, gegen Schwule, für Demokratie

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Sex vor der Ehe ist eine Sünde, viele lehnen Schwule und Juden ab: Die Mehrheit der Flüchtlinge hat erzkonservative Werte, wie eine Umfrage ergibt. Die Einstellungen der Migranten erinnern an das Deutschland der 50er-Jahre.

„Die meisten Flüchtlinge bringen keine deutschen Sprachkenntnisse mit und sind kaum oder gar nicht für den schnellen Übergang in eine Ausbildung oder Beschäftigung bei uns qualifiziert“, heißt es von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Zugleich ist selbst bei gut oder sogar sehr gut qualifizierten Flüchtlingen die Feststellung von Kompetenzen und Einordnung ihrer Abschlüsse schwierig.“ Auch seien viele Flüchtlinge mit den Regeln von Bewerbungsprozessen nicht vertraut, heißt es in der Studie. Lebenslauf, Motivationsschreiben, Referenzen – viele Geflüchtete überfordert das.

Die befragten Hilfsgruppen versuchen diese Hürden zu überwinden. „All diese Initiativen verwenden viel Zeit darauf, den Flüchtlingen zunächst eine erste Vorstellung davon zu vermitteln, was sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt an Rahmenbedingungen und Anforderungen erwartet und welche Schritte nötig sind, um einen Job zu bekommen“, heißt es in der Studie. Erst dann würden konkrete Angebote vorgestellt. „Es muss schnell Klarheit darüber geschaffen werden, welche Fähigkeiten Flüchtlinge mitbringen und welche Nachqualifizierungen erforderlich sind und gezielt angeboten werden sollten“, fordert die BDA.

2. Wie schätzen Flüchtlinge ihre Berufsaussichten ein?

Gerade was ihre Jobaussichten angeht, machen sich Flüchtlinge oft Illusionen. Viele wollen nicht einsehen, warum sie zunächst eine längere Zeit mit wenig Geld auskommen müssen und ihre Energie auf Sprachkurse und andere Qualifikationen verwenden sollen, bevor sie voll ins Arbeitsleben einsteigen. Das gelte besonders für junge Flüchtlinge, die in ihrer Heimat bereits gearbeitet haben. Viele stünden auch unter Druck, weil sie Familien zurückgelassen haben, um möglichst schnell Geld zu verdienen.

Florian Eichenmüller vom Ausbildungscoaching für junge Flüchtlinge hat berichtet in der Studie, wie er Flüchtlinge dazu motiviert, erstmal eine Ausbildung zu absolvieren. Eichenmüller zeichne den Flüchtlingen die Löhne auf eine Tafel, die sie mit und ohne Berufsqualifikation erwarten können. Das motiviere.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht die Rückführung von Flüchtlingen dorthin vor, wo sie zuerst EU-Boden betraten.

31. August 2015

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszustroms eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

5. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden sie bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

24. September 2015

Der Bund stockt die Hilfe für Flüchtlinge an Länder und Gemeinden massiv auf.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. Albanien, Kosovo und Montenegro werden zu sicheren Herkunftsländern. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

5. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

9. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

4. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

4. Mai 2016

Die EU-Kommission will Flüchtlinge gerechter verteilen. Wie viele ein Land aufnehmen muss, soll von Größe und Wirtschaftskraft abhängen. EU-Staaten, die bei dem System nicht mitmachen, sollen 250.000 Euro pro Flüchtling zahlen.

12. Mai 2016

Die EU verlängert die Erlaubnis für vorübergehende Grenzkontrollen im eigentlich passkontrollfreien Schengen-Raum.

13. Mai 2016

Der Bundestag erklärt Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern. Die notwendige Zustimmung des Bundesrates bleibt zunächst aus.

22. Juni 2016

Die EU einigt sich im Grundsatz auf eine gestärkte gemeinsame Grenzschutzagentur und Küstenwache. Die bestehende EU-Grenzschutzagentur Frontex soll in der neuen Behörde aufgehen.

13. Juli 2016

Die EU-Kommission will schärfer gegen Asylmissbrauch vorgehen. Wer nicht mit den Behörden des Aufnahmestaates zusammenarbeitet, müsse mit einer Ablehnung rechnen.

Generell plädieren die Autoren der Studie aber dafür, neue Angebote zu schaffen, die Ausbildung und Berufstätigkeit vereinbaren. Etwa indem in Sprachkursen bereits auf die Erfordernisse des Berufs eingegangen wird – beispielsweise könnte der Wortschatz, den man in einer Tischlerei braucht, vorranging auf dem Stundenplan stehen. Es werden aber auch Teilzeitjobs speziell für Flüchtlinge vorgeschlagen. „Wir müssen hier flexibler werden“, fordert auch die BDA. „Die Förderung des frühzeitigen Spracherwerbs muss mit einer Ausbildung, Beschäftigung oder den oft nötigen weiterführenden Qualifizierungsmaßnahmen bestmöglich kombiniert werden können.“

3. Wie stellen sich Flüchtlinge den Berufsalltag vor?

Der erste Arbeitstag kann für manchen Flüchtling zu einem Schock werden. Acht-Stunden-Tage, strenge Zeiterfassung, wenige Pausen: viele Migranten sind ganz andere Arbeitsumstände gewohnt. Sie müssen erst lernen, was in Deutschland bei der Arbeit erlaubt ist und was nicht. Diese fehlenden Erfahrungen und Kulturunterschiede haben Arbeitgeber oft nicht auf dem Zettel, weshalb es immer wieder zu Missverständnissen kommt.

Die Initiativen haben den Studienautoren fast unisono berichtet: Mit der Jobzusage sind noch lange nicht alle Probleme gelöst. Deshalb werden immer öfter Mentoren-Programme angeboten. Dabei sollen Erfahrungen am Arbeitsplatz aufgearbeitet, diskutiert und eingeordnet werden. Andere Initiativen schulen die Flüchtlinge schon vor dem ersten Arbeitstag. Generell sei es wichtig, dass die Zuwanderer in ihren ersten Arbeitsmonaten eng betreut werden, heißt es in der Studie.
Die BDA fordert rechtliche Änderungen, damit Asylsuchende besser an das Arbeitsleben in Deutschland herangeführt werden können: „Ganz wichtig ist die vollständige Aufhebung des Beschäftigungsverbots in der Zeitarbeit, die gerade für Menschen ohne Berufserfahrung in Deutschland Chancen bietet.“

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