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20.12.2016

00:49 Uhr

Integration in Deutschland

„Herkunft darf kein Schicksal sein“

Am Montagabend hat die Bundesregierung Menschen geehrt, die bei der Integration von Ausländern in Deutschland helfen. Dabei erinnerte die Integrationsbeauftragte Özoguz an subtilen Rassismus. Merkel wurde deutlicher.

Medaillenverleihung vor dem Weihnachtsbaum: Anlässlich des Internationalen Tags der Migranten ehrt Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD) den Göttinger Abdul Abbasi (l.) und den Hamburger Allaa Faham (r.) für ihr Engagement. dpa

Verleihung der Integrationsmedaillen

Medaillenverleihung vor dem Weihnachtsbaum: Anlässlich des Internationalen Tags der Migranten ehrt Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD) den Göttinger Abdul Abbasi (l.) und den Hamburger Allaa Faham (r.) für ihr Engagement.

BerlinDie Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, will sich auch um subtile Formen von Rassismus kümmern. „Heute ist es leider wieder so weit, dass Menschen ihr Deutschsein abgesprochen wird“, sagte sie am Montagabend bei der Verleihung der Integrationsmedaillen der Bundesregierung in Berlin.

Viele Migranten und ihre Nachfahren würden aufgrund ihres Namens oder ihrer Religion ausgegrenzt. „Wir wollen eben nicht, dass Mehmet immer „der Türke“ bleibt, Swetlana immer „die Russin““, fügte die SPD-Politikerin hinzu - „Herkunft darf kein Schicksal sein“.

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Ein Jahr nach dem Flüchtlingsherbst zweifelt Deutschland an sich. Marina und Herfried Münkler plädieren in „Die neuen deutschen“ für die Integration von Flüchtlingen – und werden dabei konkreter als Berlin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte nach der Preisübergabe: „Vielfalt macht uns reicher und nicht ärmer, ich glaube, das muss das Motto sein.“ Bei einigen Menschen brauche man länger, um sie davon zu überzeugen. Andere hörten gar nicht hin. Doch auch davon dürfe man sich nicht beirren lassen.

Zwei humorbegabte syrische Flüchtlinge und ein Fußballtrainer gehören zu den neun Menschen, die in diesem Jahr die Medaille erhalten. Mit der Auszeichnung werden seit 2010 Menschen geehrt, die mit ihrem außerordentlichen Engagement dafür sorgen, dass sich Migranten hierzulande besser zurechtfinden.

Die meisten der diesjährigen Preisträger sind selbst als Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Einer von ihnen ist der Softwareentwickler Xhavit Mustafa. Er kam 1993 aus Pristina, der heutigen Hauptstadt des Kosovos. In seiner Freizeit trainiert er die Junioren der Spielervereinigung Bayreuth.

Sein Projekt „Tor zur Welt“ bietet jungen Kickern mit Migrationsgeschichte Deutschunterricht, Gruppenfahrten zu sportlichen Großevents und Museumsbesuche. Auf die Frage, weshalb sich der ehemalige Flüchtling heute für neue Zuwanderer engagiert, sagte er: „Ich kann es in ihren Gesichtern sehen, dass sie dasselbe erlebt haben“.

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland

DEFINITION

Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) zählt, wer ohne Erziehungsberechtigte nach Deutschland einreist oder hier allein aufgegriffen wird. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Entweder verloren sich die Familien auf der Flucht aus den Augen, die Eltern sind tot oder die Minderjährigen wurden von ihren Verwandten bewusst allein auf die Reise geschickt.

WIE STELLT SICH DIE ZAHLENLAGE DAR?

Nach Angaben des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Bumf) summierte sich die Zahl der UMF in Deutschland Ende Januar auf mehr als 60.000. Die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Eritrea und Somalia. Etwa 14.400 UMF stellten dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zufolge im vergangenen Jahr einen Asylantrag, die meisten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt (71,3 Prozent).

IN BAYERN

In Bayern hielten sich nach Angaben des Deutschen Landkreistags Ende März diesen Jahres mehr als 15.000 sogenannte UMF auf. Etwa die Hälfte davon stammte demnach aus Afghanistan.

WIE WERDEN DIE JUNGEN FLÜCHTLINGEN AUFGENOMMEN?

Sobald unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen werden, nehmen die örtlich zuständigen Jugendämter sie vorläufig in Obhut, um akute Gefährdungen auszuschließen und das weitere Vorgehen zu klären. Untergebracht werden sie in dieser Zeit in der Regel in speziellen Erstaufnahmeeinrichtungen für Jugendliche, aber eventuell auch bei Verwandten. Die Stadt München, in der viele junge Flüchtlinge ankommen, betreibt seit dem Frühjahr das sogenannte Young Refugee Center als zentrale Erstaufnahme, in der die jungen Leute nach Angaben der Verwaltung ärztlich untersucht und pädagogisch betreut werden.

WIE GEHT ES DANN WEITER?

In den Erstaufnahmeeinrichtungen wird auch das Alter der Flüchtlinge überprüft. Anschließend werden die UMF seit einigen Monaten nach einem bundesweiten Schlüssel verteilt und den jeweils örtlich zuständigen Jugendämtern zugewiesen. Diese organisieren die weiteren Maßnahmen.

WEITERES VORGEHEN

Dazu gehört die Bestellung eines Vormunds, die Klärung des Aufenthaltsstatus und laut Bamf auch die "Ermittlung des Erziehungsbedarfs". In dieser Zeit leben die Flüchtlinge wahlweise in Jugendheimen oder -wohngruppen, bei Pflegefamilien oder bei Verwandten. Wie genau die Unterbringung organisiert wird, ist dabei von Kommune zu Kommune verschieden.

BELASTUNGEN FÜR DIE JUGENDLICHEN

Nach Einschätzung der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl leiden viele Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten und Jahren nach Deutschland kamen, psychisch unter den Folgen von Gewalterfahrungen oder dem Tod von Angehörigen. Auch die zum Teil sehr bedrohlichen Umstände während der Flucht verursachen demnach entsprechende psychische Belastungen.

DEFIZITÄRE STRUKTUREN

Generell seien die Strukturen zur psychischen Betreuung und Behandlung von Gewalt- oder Folteropfern in Deutschland dabei schon seit langem „sehr defizitär“, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, der Nachrichtenagentur AFP. „Die Wartelisten sind sehr lang, es herrscht Mangel.“

PRAXIS

Seit der Einführung des bundesweiten Verteilungssystems bildete sich nach Einschätzung von Pro Asyl bei der Organisation der Betreuung zudem ein Flickenteppich an Regelungen und Standards heraus. Neben Behörden vor allem in großen Metropolregionen, die seit Jahrzehnten mit dem Thema vertraut seien und viel Fachkenntnis aufgebaut hätten, seien nun auch Jugendämter dafür zuständig, die bislang über wenig Erfahrung verfügten. "Die Praxis in den Kommunen ist äußerst unterschiedlich", sagt Mesovic.

Abdulrahman Abbasi (22) und Allaa Faham (19) haben sich als Flüchtlinge in Deutschland kennengelernt. Gemeinsam veröffentlichen sie unter dem Titel „German LifeStyle GLS“ witzig-ironische YouTube-Filme, in denen sie ihren Landsleuten die deutsche Gesellschaft erklären.

Anke Kästner baut mit dem Verein „Internationale Frauen Leipzig“ Brücken zwischen Frauen unterschiedlicher Herkunft. Auslöser für das Engagement der Biologin war 1999 ihr Ärger über Proteste gegen eine geplante Asylunterkunft gewesen.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Herr Heinz Keizer

20.12.2016, 10:05 Uhr

Lauter fromme Sprüche. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich hier integrieren. Es gibt aber ein vielfaches davon, die sich auch in der 2. oder 3. Generation nicht integrieren. Da muß man wohl doch nach der Herkunft unterscheiden. Mit Ausländern, die aus dem gleichen Kulturkreis kommen, z.B. Italiener, Spanier, ehem. Jugoslawen, wird es wohl wenig Probleme geben. Von den derzeit nach D kommenden Millionen Flüchtlingen werden sich die wenigsten integrieren lassen. Da wird von interessierten Kreisen eher verlangt, dass wir uns integrieren. Wenn man da kritisch ist, wird man als islamophob beschimpft. Ich halte islamophil aber für wesentlich gefährlicher. Da merken wir erst was läuft, wenn es zu spät ist. Wenn gegen die Interessen der ansässigen Bevölkerung verstoßen wird, ist das dann auch "subtiler Rassismus" Frau Özoguz? Diese Kreise sollten nicht vergessen, dieses freiheitliche Deutschland haben wir, unsere Eltern und Großeltern aufgebaut. Das sollten die Integrationsbeauftragte, aber auch Frau Merkel mal zur Kenntnis nehmen. Aber wie hat Frau Merkel erkannt: " Andere hörten gar nicht hin". Sie muß es ja wissen.

Herr Wolfgang Trantow

20.12.2016, 10:27 Uhr

Wie wäre es, man schickt alle Flüchtlinge, Migranten usw. sofort in die Heimalländer zurück und zwingt sie zum Aufbau ihrer Heimat bis unsere Standards auch dort sind?

Herr man reg

20.12.2016, 10:44 Uhr

Herkunft i s t Schicksal !

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