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23.09.2015

07:22 Uhr

Integration und Arbeitsmarkt

Forscher dämpfen Flüchtlings-Euphorie

VonDietmar Neuerer

Flüchtlinge, die nach Deutschland drängen, suchen nicht nur Sicherheit, sondern auch eine wirtschaftliche Perspektive. Für viele stehen die Chancen schlecht – auch, weil die Flüchtlinge in Europa ungleich verteilt sind.

Zukunft für Asylbewerber

Fachkräftemangel: Welche Chancen geben deutsche Unternehmen Flüchtlingen wirklich?

Zukunft für Asylbewerber: Fachkräftemangel: Welche Chancen geben deutsche Unternehmen Asylbewerbern wirklich?

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BerlinAngesichts des Flüchtlingsandrangs in Deutschland stellt sich immer drängender die Frage, wie die anerkannten Flüchtlinge integriert werden können. Besonders wichtig ist dabei aus Expertensicht die Integration in den Arbeitsmarkt, damit Schutzbedürftige ihren Lebensunterhalt möglichst eigenständig bestreiten können.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt jedoch vor falschen Hoffnungen.  Vielfach werde unterstellt, dass anerkannte Flücht­linge lediglich die einschlägigen Integrations-Maßnah­men durchlaufen und insbesondere die deutsche Spra­che lernen müssten, um sich ohne größere Probleme in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Doch einfach lägen die Dinge aber nicht, heißt es in einer Studie des DIW-Migrationsforschers Karl Brenke. „Vielen Perso­nen, denen gerade erst ein Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, fällt es schwer, einen Job zu finden – insbeson­dere dann, wenn hinreichende Sprachkenntnisse fehlen und die Flüchtlinge sich erst noch an ihre neue Umge­bung gewöhnen müssen.“

Überdies, so Brenke, litten manche Flüchtlinge nicht selten unter gesundheitlichen Einschränkungen körperlicher oder seelischer Art. „Aus diesen Gründen wäre es unter anderem hilfreich, wenn Asylbewerbern, die eine hohe Anerkennungschance haben, schon während des laufen­den Asylverfahrens Sprachkurse angeboten würden“, schlägt der DIW-Forscher vor. „Mit dem Erlernen der deutschen Sprache dürften sich die Beschäftigungschancen deutlich verbessern und sich somit die Abhängigkeiten von Sozialleistungen ver­mindern.“

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Das ist in Vergangenheit jedoch auch nicht immer gelungen. Zwar habe die Zahl von Beschäftigten ins­besondere bei Somalis und Syrern, aber auch bei Afghanen und Personen aus Erit­rea in den letzten Jahren „prozentual erheblich zugenommen“, heißt es in einer Studie des DIW-Migrationsforschers Karl Brenke. Die absoluten Zahlen bei den Beschäftigungszuwächsen seien allerdings nicht groß. Wesentlich bedeutender waren dagegen die Beschäftigungszuwächse bei den Osteuropäern, deren Heimatländer nicht zur EU gehören.

Die Situation könnte sich noch verschärfen. Angesichts der zuletzt stark zugenommenen Flüchtlingszahlen hält es Brenke für möglich, dass die Arbeitslosigkeit von anerkannten Flüchtlingen das Arbeitsmarktgeschehen stärker beeinflusst als bisher geschätzt. Unter den Syrern gebe es inzwischen mehr Arbeitslose als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, bei den Irakern hielten sich Arbeitslose und Beschäftigte die Waage. Kaum besser sehe es bei den Afghanen, Somalis und Personen aus Eritrea aus.

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