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07.02.2017

13:25 Uhr

Internationale Industriekonferenz

Zypries' Plädoyer für den Freihandel

VonDana Heide

Brigitte Zypries nutzt ihren ersten großen Auftritt als neue Bundeswirtschaftsministerin für ein Plädoyer für den Freihandel. Die Gabriel-Nachfolgerin verspricht ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber den USA.

Die neue Bundeswirtschaftsministerin hatte bei der Internationalen Industriekonferenz des Bündnisses zur Zukunft der Industrie in Berlin ihren ersten großen Auftritt vor Vertretern der Wirtschaft. dpa

Brigitte Zypries

Die neue Bundeswirtschaftsministerin hatte bei der Internationalen Industriekonferenz des Bündnisses zur Zukunft der Industrie in Berlin ihren ersten großen Auftritt vor Vertretern der Wirtschaft.

BerlinÜber dem Amt des Bundeswirtschaftsministers scheint ein Fluch zu liegen. Als er noch die Stelle innehatte, kam Sigmar Gabriel stets zu spät zu seinen Reden. Auch seine Nachfolgerin Brigitte Zypries verspätet sich zu ihrem ersten großen Auftritt vor Vertretern der Wirtschaft bei der Internationalen Industriekonferenz des Bündnisses zur Zukunft der Industrie in Berlin um ein paar Minuten.

Als sie eintrifft, versammelt sich um Zypries sofort eine Traube von Männern in dunklen Anzügen – alle wollen der neuen Wirtschaftsministerin die Hand schütteln, es ist erst ihr elfter Tag in dem Amt. Die Halle ist gut gefüllt, die meisten kennen die neue Ministerin noch nicht. DIHK-Chef Eric Schweitzer posiert mit Zypries für die Kameras, VCI-Präsident und BASF-Chef Kurt Bock schüttelt ihr die Hand, BDI-Chef Dieter Kempf und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann nehmen direkt nehmen ihr Platz in der ersten Reihe.

Die Bedeutung der USA für die deutsche Wirtschaft

Investitionen

Die deutschen Unternehmen haben mehr als 271 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in den USA - etwa Fabriken und Immobilien. Mehr als 3700 Unternehmen sind in den Vereinigten Staaten tätig. Allein die 50 größten deutschen Firmen dort kommen auf einen Jahresumsatz von 400 Milliarden Dollar. Auch US-Unternehmen haben erhebliche Beträge in Deutschland investiert: Der Bestand summiert sich auf rund 27 Milliarden Euro. Allein 2015 wurden 252 neue Projekte hierzulande von US-Firmen gestartet, von Neuansiedlungen auf der grünen Wiese über Erweiterungen bis hin zu Standortwechseln. Allein die 50 größten US-Unternehmen kommen in Deutschland auf einen Jahresumsatz von rund 170 Milliarden Euro.

Jobs

Mehr als eine Million Jobs in Deutschland hängen direkt oder indirekt von den Exporten in die USA ab. Weitere 630.000 Arbeitsplätze gibt es in Betrieben, die von US-Firmen kontrolliert werden. Allein McDonald's Deutschland zählt etwa 58.000 Mitarbeiter, der Personaldienstleister Manpower 27.000, die Ford-Werke gut 25.000 und die GM-Tochter Opel etwa 18.000. Umgekehrt schaffen deutsche Unternehmen in den USA ebenfalls Hunderttausende Stellen. Größter deutscher Arbeitgeber ist dort die Deutsche-Post-Tochter DHL mit rund 77.000 Beschäftigten, gefolgt von Siemens (70.000), dem Autozulieferer ZF (62.000) und Volkswagen (60.000).

Handel

Seit 2015 sind die USA der wichtigste Exportkunde der deutschen Unternehmen, nachdem über mehr als sechs Jahrzehnte Frankreich diese Position innehielt. Waren im Wert von rund 114 Milliarden Euro wurden damals dorthin verkauft - vor allem Fahrzeuge, Maschinen und chemische Produkte. Umgekehrt importierte Deutschland Waren im Wert von knapp 60 Milliarden Euro aus den USA, was sechs Prozent aller deutschen Einfuhren entspricht.

Als Zypries ans Rednerpult tritt und spricht ist Totenstille im Saal, alle hören der neuen Ministerin gespannt zu. Sie nutzt ihre Rede für ein Plädoyer für den Freihandel. Und sie betont, dass sie, obwohl sie neu im Amt ist, sich schon lange mit Industriepolitik beschäftigt. Die Bedeutung der Industriepolitik habe ihr schon ihr langjähriger Weggefährte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nahegelegt.

Die Industrie sei das „heiße Herz des Wirtschaftsstandorts Deutschland“, sagte Zypries. Deswegen sei vollkommen  klar: „Wir wollen, wir müssen die Industrie weiter stärken“. Das Ziel, die Industriequote in Deutschland auf 20 Prozent zu erhöhen, sei genauso wichtig wie das Klimaschutzziel.

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Die Angst vor Protektionismus lässt Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften in Deutschland enger zusammenrücken. Das ungewöhnliche Bündnis beschwört den Freihandel – und hat dabei auch China im Blick.

Worauf alle Teilnehmer im Raum am meisten gewartet haben dürften ist jedoch ihre Position im Umgang mit der neuen US-Regierung. Präsident Donald Trump hatte sich bereits während des Wahlkampfes in den USA mehrfach äußerst kritisch zum internationalen Freihandel geäußert. Als eines seiner ersten Amtshandlungen hatte er ein Dekret zum Ausstieg der USA aus dem transatlantischen Freihandelsabkommen TPP unterschrieben und damit gedroht, Zölle zu erheben, wenn Autobauer nicht in den USA produzieren.

Zypries riet zu Gelassenheit. „Wir stehen dazu, was wir für richtig halten“, sagte Zypries in Berlin. „Wir wollen einen fairen Welthandel etablieren, von dem alle profitieren.“ Man wolle der neuen amerikanischen Administration selbstbewusst und mit Gesprächsbereitschaft begegnen – „wie denn auch sonst“, betonte die Wirtschaftsministerin. Amerika und Deutschland teilten gemeinsame Werte, man sei volkswirtschaftlich eng miteinander verbunden.

Kommentare (4)

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Herr Caro Schmidt

07.02.2017, 13:44 Uhr

Warum fällt es den Regierenden derart schwer, das Problem zu erkennen? Wohl deshalb, weil alle Massnahmen zum Schutz vor einer bedrohlichen Einwanderung an der liberalen Weltordnung rütteln. Diese steht unter dem Fixstern der Globalisierung, das heisst: immer mehr internationale Zusammenarbeit, immer weniger nationalstaatliche Schranken. So ging das lange gut. Doch heute sollte die Einsicht dämmern, dass man nicht fortfahren kann wie bis anhin.

Die Bewältigung der Einwanderung wird für einige Staaten zur Existenzfrage, namentlich im EU-Raum. Die EU muss Europa nicht zur Festung ­ausbauen. Aber sie muss beweisen, dass sie – und nicht Schlepperbanden – die Gesetze des Handelns diktiert.

Doch es geht nicht nur um Flüchtlinge und illegale Einwanderer. Selbst in das Dossier der Personenfreizügigkeit kommt Bewegung. Ist das EU-Credo von den vier Freiheiten wirklich sakrosankt für das Funktionieren eines Binnenmarktes? Das angesehene Bruegel-Institut, eine unabhängige Denkfabrik in Brüssel, verneint die Frage. Ein ­Binnenmarkt könne auch nur mit den drei Freiheiten für Waren, Dienstleistungen und Kapital funktionieren.

Herr Old Harold

07.02.2017, 13:51 Uhr

Ein "selbstbewusstes Auftreten gegenüber den USA" wäre nur, wenn Frau Zypries erklären würde:

35 % Importzoll für VW, BMW, Daimler-Benz in den USA, bedeutet 35 % Importzoll für Ford, Opel, General Electric in der EU.

Dafür werde Deutschland, als größter Nettozahler der EU sorgen.

Account gelöscht!

07.02.2017, 14:05 Uhr

Der Welthandel ist Frei genug. Er bedarf keiner weiteren Eliten Regelungen ala TTIP oder sonst welcher Vereinbarungen = politische Regelungen.
Der Handel war schon IMMER Frei...erst durch die Politik wurde der Handel seiner Freiheit beraubt!

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