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15.05.2015

14:05 Uhr

Interview mit AfD-Co-Chefin Petry

„Bernd Lucke hat die Partei schwächer gemacht“

VonDietmar Neuerer

Frauke Petry sieht die Hauptverantwortung für die AfD-Krise bei Bernd Lucke. Im Interview zieht die Co-Parteichefin schonungslos Bilanz und erklärt, wie die zerstrittene Partei wieder zusammenfinden kann.

In der AfD die Gegenspielerin von Bernd Lucke:  Die Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen, Frauke Petry. dpa

Frauke Petry

In der AfD die Gegenspielerin von Bernd Lucke: Die Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen, Frauke Petry.

BerlinFrauke Petry stand als Co-Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) im Bundesvorstand anfangs im Schatten von Parteichef Bernd Lucke. Seitdem die AfD 2014 mit 9,7 Prozent in den sächsischen Landtag eingezogen ist, hat sie an Profil gewonnen. Petry ist Politikneuling. Sie setzt sich im Landtag und auch in der eigenen Partei für mehr Basisdemokratie ein. Die Chemikerin wird dem rechten Flügel zugeordnet. Im Vergleich zu den Forderungen anderer Vertreter dieses Flügels sind ihre Positionen aber eher moderat. Im Interview nimmt sie nun erstmals Stellung zu den jüngsten Auseinandersetzungen um Lucke. In ihrer schonungslosen Analyse lässt sie kein gutes Haar an dessen Führungsarbeit.

Frau Petry, wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Bernd Lucke beschreiben?
Unser Arbeitsverhältnis ist immer konstruktiv, selbst wenn wir uns in Einzelfragen nicht einig sind. Im Großen und Ganzen würde ich unser Verhältnis im Bundesvorstand als professionell bezeichnen.

Und außerhalb des Bundesvorstands?
Ich kenne wenige Funktionäre in der AfD, die befreundet sind. Das haben wir aber auch nie angestrebt. Wir haben immer schon ein parteipolitisches Verhältnis zueinander gehabt.

Das hat aber in den letzten Wochen schwer gelitten.
Der Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi ist, dass der Profi auf der inhaltlichen Ebene sachlich und konstruktiv arbeiten kann und andere Differenzen hinten anstellt. Ich bin jemand, der den Konsens sucht, aber nicht um jeden Preis.

Wer hält bei der AfD die Fäden in der Hand?

Bernd Lucke

Parteigründer Bernd Lucke (52) ist der mächtigste Mann in der AfD. Mit der bisher eher basisdemokratischen Führungsstruktur tut sich das ehemalige CDU-Mitglied schwer. Gerne würde er deutschnationale Kräfte und Mitglieder, die radikale Systemkritik wollen, loswerden. Lucke ist gläubiger Christ. Mit der provinziellen Deutschtümelei einiger AfD-Mitglieder kann er nichts anfangen.

Frauke Petry

Frauke Petry (39) stand als Co-Vorsitzende im Bundesvorstand anfangs im Schatten von Lucke. Seitdem die AfD 2014 mit 9,7 Prozent in den sächsischen Landtag eingezogen ist, hat sie an Profil gewonnen. Petry ist Politikneuling. Sie setzt sich im Landtag und auch in der eigenen Partei für mehr Basisdemokratie ein. Die Chemikerin wird dem rechten Flügel zugeordnet. Im Vergleich zu den Forderungen anderer Vertreter dieses Flügels sind ihre Positionen aber eher moderat. Petry ist mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet und hat vier Kinder.

Alexander Gauland

Alexander Gauland (74) gehört dem AfD-Bundesvorstand als Stellvertreter an. Sein Landesverband hatte im vergangenen Jahr mit 12,2 Prozent das bislang beste Landtagswahl-Ergebnis für die Partei eingefahren. Gauland ist ehemaliges CDU-Mitglied. Von 1987 bis 1991 leitete er die hessische Staatskanzlei. Gaulands Schwerpunkt ist die Asylthematik. Er will die AfD zu einer Partei machen, die sich vor allem den Sorgen der „kleinen Leute“ widmet.

Konrad Adam

Konrad Adam (73) ist ein konservativer Publizist. Er arbeitete unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Welt“. Lucke schätzt Adams rhetorische Fähigkeiten, reibt sich aber häufig an seinen Positionen, vor allem beim Thema Einwanderungspolitik. Adam gehört dem rechten Flügel an. Radikale Kräfte will er in er AfD nicht haben.

Björn Höcke

Björn Höcke (43) ist Wortführer einer Gruppe von rechten AfD-Mitgliedern, die sich eine Anti-Mainstream-Politik wünschen. Der Lehrer für Sport und Geschichte ist Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Im März veröffentlichte er die „Erfurter Resolution“. Darin heißt es, viele Mitglieder wünschten sich die AfD als „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“. Nachdem Höcke vor einigen Tagen erklärt hatte, nicht alle NPD-Mitglieder seien extremistisch, forderte ihn Lucke zum Austritt aus der AfD auf.

Was dann aber vielleicht die AfD ausbremst.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die AfD eine große Chance hat, als breitangelegte Volkspartei im politischen Raum in Deutschland etwas bewegen zu können. Deswegen bin ich mit Bernd Lucke in der Frage uneinig, wie die AfD an Stärke gewinnt

Was trennt Sie von Herrn Lucke?
Bernd Lucke glaubt, eine AfD kann nur dann stark und erfolgreich sein, wenn man die problematischen Teile von ihr abschneidet, wie er das schon mehrfach formuliert hat. Ich bin der Meinung, dass man die Probleme programmatisch lösen muss, indem man sich inhaltlich so positioniert, dass bestimmte Funktionäre oder Mitglieder die Partei dann von sich aus verlassen.

Kommentare (19)

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Herr Eugen Schmidt

15.05.2015, 14:56 Uhr

Frau Petry, das Interview ist große Klasse. Auch dem HB Danke schön. Kritisch, die richtigen Fragen, aber keine billige Polemik.
Tja Frau Petry, jetzt haben Sie ein Problem. Sie sollten den Laden übernehmen und Lucke wird ihr Finanzminister.
Egal ob die AfD in allen Punkten das Gelbe vom Ei istt, wir brauchen unbedingt wieder eine politische Debatte in Deutschland. Der Mehltau der Großen Koalition erstickt uns. Frau Merkel agiert "nach bestem Wissen und Gewissen" und wie wir in dem NSA / BND Skandal sehen, genügt das nicht.
Solange Herr Lindner mit seiner FPD uns nicht erklärt hat, wie das denn gehen soll mit seinem zeitweiligen Ausstieg der Griechen aus dem EURO, solange ist die Idee des deutschen Ausstiegs attraktiver, alleine schon als Schuss vor den Bug der Freunde von Herrn Juncker.

Herr Jens Großer

15.05.2015, 15:06 Uhr

Ein vernünftiges Interview. Leider liest man so etwas zum Thema AfD sehr selten in diesen Tagen. Auch mein Dank an das Handelsblatt.

Ich denke auch das es inhaltlich kaum Unterschiede zwischen Lucke und Petry gibt. Es sind eben halt persönliche Probleme und die müssen einfach so geklärt werden, das man respektvoll miteinander umgeht. Man muss sich doch nicht lieben aber im Interesse der Partei und deren Wähler ordentlich zusammenarbeiten. Das erwarte und verlange ich einfach von diesen beiden zentralen Personen in der AfD. Und wenn es diesen Beiden gelingt dann werden sich auch deren sogenannte Flügel beruhigen denn Lucke und Petry sind die jeweiligen Integrationsfiguren ihrer "Lager"!

Es wird wohl bis zum Bundesparteitag noch hier und da krachen aber dort muss es dann eine Entscheidung geben und zwar mit dem beide Seiten leben können. Alle müssen wissen, das sie ohne den anderen Flügel auf Bundesebene nicht überlebensfähig sind. Es wird sicher auf einen starken Vorsitzenden Lucke hinauslaufen. Aber es braucht eben auch ganz sicher eine starke Petry in der zweiten Reihe hinter ihm.

Auch die klare Abgrenzung von Höcke in diesem Interview ist richtig und notwendig!

Herr Peter Schwarz

15.05.2015, 15:13 Uhr

Frau Petry traue ich keine volkswirtschaftliche und währungstechnischen Expertise zu. Das ist nachgeplappert. Lucke, Starbatty und Co. haben in der Frage schon eher die richtige Lösung und vor allem das richtige Augenmaß. In Währungsfragen ist Frau Petry völlig unbeleckt. Natürlich kann man theoretisch alles vorschlagen. Aber den Austritts Deutschlands aus dem Euro, bei aller Fehlentwicklung, ist zu radikal. Und Radikale wählt man nicht!
Frau Petry sägt an dem Ast auf dem sie sitzt. Ohne Herrn Lucke geht die AfD unter, und Frau Petry mit ihr. Wenn Lucke geht, gehen nämlich auch Starbatty, Henkel, Dilger usw. also der gesamte wirtschaftspolitische Sachverstand der AfD, außerdem gehen 60-70 Prozent der Mitglieder ebenfalls, weil sie mit einer noch weiter nach rechts rückenden AfD nichts zu tun haben wollen. Frau Petry alleine kann Höcke und Gauland nichts entgegensetzen und somit driftet die AfD dann noch weiter in Richtung Extremismus. Solche Parteien sind im Westen unwählbar, dafür gibt es genügend Beispiele. Gerade für bürgerlich Konservative ist die Abgrenzung zum rechten Rand und zu Leuten wie Poggenburg, Höcke und deren Anhängern unverhandelbar! Frau Petry macht sich völlig unglaubwürdig, wenn sie einerseits Höckes Aussagen verurteilt, andererseits jedoch gegen ein Parteiausschlussverfahren stimmt. Frau Petry pokert hoch, aber Herr Lucke hat viel weniger zu verlieren, weil der Mitnahmeeffekt bei einer Neugründung bei den Mitgliedern imens hoch ist.

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