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05.12.2013

11:57 Uhr

Interview mit designierter Juso-Chefin

„Ich möchte Rot-Rot-Grün auf die Agenda setzen“

VonStefan Kaufmann

ExklusivJohanna Uekermann will sich am Freitag zur neuen Juso-Chefin wählen lassen. Zuvor erklärt sie, warum sie die Große Koalition ablehnt, welche Bilder sie irritieren und wie sie die Partei der alten Männer aufbrechen will.

Johanna Uekermann: „Von mir aus müsste Gabriel nicht zurücktreten.“ Foto: Tobias Pietsch

Johanna Uekermann: „Von mir aus müsste Gabriel nicht zurücktreten.“ Foto: Tobias Pietsch

Die Jusos bekommen eine neue Führung. Um den Chefposten beim Jugendverband der SPD bewerben sich der Hamburger Hauke Wagner und Johanna Uekermann, die aus Niederbayern kommt. Die 26-jährige Politikwissenschaftlerin gilt als Favoritin, gewählt wird auf dem Bundeskongress der Jusos am Freitag in Nürnberg. Uekermann ist bislang Stellvertreterin von Juso-Chef Sascha Vogt, der nicht mehr zur Wahl steht. Im Interview spricht sie über ihre politischen Ziele, die Große Koalition und das nächste Treffen mit Parteichef Sigmar Gabriel.
Frau Uekermann, die SPD-Mitglieder stimmen in diesen Tagen über die Große Koalition ab. Wissen Sie schon, an welcher Stelle Sie ihr Kreuzchen machen?
Johanna Uekermann: Ja, das weiß ich. Ich kann der Großen Koalition nicht zustimmen.

Dabei ist von einem sozialdemokratischen Koalitionsvertrag die Rede. Die SPD hat  angesichts ihres schwachen Wahlergebnisses doch viel durchgesetzt, oder etwa nicht?
Ich finde schon, dass die SPD gut verhandelt hat. Und trotzdem muss ich mir danach das Ergebnis anschauen und prüfen: Stehen diese Inhalte für den versprochenen Politikwechsel. Dafür fehlen mir aber wesentliche Punkte.

Welche?
Ich vermisse einen Kurswechsel in der Europapolitik. Ein einfaches „Weiter so“ ist mir zu wenig. Ich brauche kein Bekenntnis, dass Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden soll, sondern konkrete Maßnahmen gegen die Misere. Außerdem ist das Gerechtigkeitsthema, mit dem die SPD in den Wahlkampf gezogen ist, wie weggewischt.

Die SPD in Zahlen

Mitglieder

Die SPD hatte Ende Oktober 473.048 Mitglieder. Der Höchststand wurde mit 1,261 Millionen 1923 in der Weimarer Republik erreicht. Das Durchschnittsalter liegt heute bei rund 59 Jahren.

Ortsvereine

Derzeit gibt es rund 9000 Ortsvereine. Nach der Wiedervereinigung waren es in den 1990er Jahren bis zu 10.000.

Teures Jahr

Schatzmeisterin Barbara Hendricks muss 2013 viel Geld locker machen: 23 Millionen Euro soll der Bundestagswahlkampf gekostet haben, über zwei Millionen die Feiern zum 150-jährigen Bestehen der deutschen Sozialdemokratie. Und eine Million wird der Mitgliederentscheid über den Eintritt in die große Koalition kosten.

99,7 Prozent

Das beste Ergebnis bei Wahlen zum SPD-Chef nach 1945. Kurt Schumacher schaffte das 1947 und 1948. Das schlechteste Ergebnis bisher waren die 62,6 Prozent von Oskar Lafontaine bei der Kampfabstimmung 1995 in Mannheim gegen Rudolf Scharping.

Zählt dazu nicht auch der Mindestlohn?
Der Mindestlohn ist ein Erfolg – trotz der Ausnahmen. Wir haben uns aber viele weitere Maßnahmen überlegt, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Die Stichworte sind Vermögensteuer, Anhebung des Spitzensteuersatzes, Abgeltungsteuer. Doch davon ist im Koalitionsvertrag keine Rede mehr. Außerdem finde ich, dass junge Menschen in der Vereinbarung schlecht weg kommen.

Inwiefern?
Viele junge Menschen haben sich eine Bafög-Reform gewünscht – doch die taucht im Koalitionsvertrag nicht auf. Außerdem halte ich eine Mindestausbildungsvergütung und die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung für ganz wichtig, damit Jugendliche und junge Erwachsene ihr Leben planen können, ihre eigene Wohnung bezahlen und auf eigenen Beinen stehen können.

Wenn Sie gegen die Große Koalition stimmen, nehmen Sie in Kauf, dass die ganze SPD in eine große Krise stürzt. Scheitert der Mitgliederentscheid, wird Parteichef Sigmar Gabriel kaum zu halten sein. Ein Problem für Sie?
Ich sehe das ganz sachlich. Wir haben einen Politikwechsel versprochen. Nach der Wahl wurde gut und lange verhandelt. Jetzt entscheiden die Mitglieder – auch diesen Partizipationsprozess finde ich gut. Für mich ist das eine Abstimmung, ob die Inhalte des Vertrags für einen Politikwechsel stehen. Und den sehe ich in den Abmachungen mit der Union nicht. Warum sollte Sigmar Gabriel deswegen beschädigt sein? Von mir aus müsste er nicht zurücktreten.

Kommentare (35)

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tsabo

05.12.2013, 12:18 Uhr

Die Jusos - die Totengräber der SPD - manchmal frag ich mich wieso die nicht bei den Linken eintreten - da könnten Sie Ihr verantwortungsloses handeln..doch besser umsetzen.
Nichts Produktives erwirtschaften - aber sehr stark beim umverteilen anderer Leute Geld ( un da meine ich nicht die grossen Konzerne). Bei den Linken hätten Sie dann wenigstens ein paar alte SED Freunde die können Ihnen zeigen wie es geht...

normalo

05.12.2013, 12:23 Uhr

Die SPD verabschiedet sich mit dem Gerede über rot-rot-grün aus der Mitte. Mit dieser Strategie lässt sich das Ergebniss der letzten Wahl bestimmt nochmal unterbieten.

elly

05.12.2013, 12:35 Uhr

Was soll das denn?? Wer bestimmt denn wo die Mitte ist????

Das ganze Gerede von links,mitte oder gar rechts ist so was von veraltet!

Wir sind hier das Volk und müssen nun zusehen, wie die SPD sich für Posten verkauft!

Die SPD betont, dass das Ergebnis zählt! Nur da stehen reine Absichtserklärungen im Koalitionsvertrag, das hätten die in drei Tagen zusammenschreiben können!
Von Zukunft keine Spur!!!!

Da ist es doch völlig in Ordnung, wenn sich die Jusos alle Optionen erschließen wollen!!!!

Siehe CDU und GRÜNE in Hessen, da geht es doch auch, oder?????????

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