Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.02.2014

09:58 Uhr

Interview mit Gerhard Schick

„Der Steuerzahler wird über den Tisch gezogen”

VonMaike Freund

Gerhard Schick ist empört: Denn von der Finanzpolitik der Regierung profitieren nur Konzerne, nicht die Bürger, sagt er. In seinem neuen Buch rechnet der grüne Finanzpolitiker mit der Machtwirtschaft der Unternehmen ab.

Gerhard Schick: „Die Bedürfnisse der Menschen geraten unter die Räder.“ Katrin Denkewitz für Handelsblatt

Gerhard Schick: „Die Bedürfnisse der Menschen geraten unter die Räder.“

Herr Schick, können Sie Jürgen Fitschen, den Co-Chef der Deutschen Bank, eigentlich leiden?
Herrn Fitschen schätze ich als klugen Gesprächspartner. Und generell gilt: Einzelne Manager sind für mich keine Feindbilder, die Strukturen sind entscheidend. Und die zeigen: Die Deutsche Bank ist als Institution zu groß.

Am Donnerstag treffen Sie Fitschen, um über ihr neues Buch „Machtwirtschaft – nein danke!“ zu sprechen. Wird das ihr größter Kritikpunkt, wenn Sie sich treffen?
Ja, das ist wahrscheinlich ein Punkt, an dem es richtig haken wird: Jürgen Fitschen sagt: Deutschland braucht eine große Bank. Und ich sage: Deutschland braucht sicher mehr als Sparkassen und Volksbanken, aber eine Bilanzsumme von über zwei Billionen Euro, die etwa drei Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung entspricht, braucht Deutschland nicht. Das ist zu gefährlich, denn diese Größe kann kein Mensch mehr managen.

Gerhard Schick und Redakteurin Maike Freund im Gespräch. Katrin Denkewitz für Handelsblatt

Gerhard Schick und Redakteurin Maike Freund im Gespräch.

Sie kritisieren nicht nur die Größe vieler Banken in ihrem Buch. Einer Ihrer zentralen Kritikpunkte ist der Umgang mit der Bankenrettung während der Finanzkrise. Was hätten Sie denn anders gemacht?
Die Bankenrettung ist das Paradebeispiel dafür, dass der Staat im Interesse von wenigen finanzstarken Akteuren handelt und nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger. Wir hätten uns viel Ärger erspart, wenn wir schon ab 2008 die Stabilisierung des Bankensektors europäisch organisiert, Gläubiger systematisch an den Verlusten beteiligt und Banken, die nicht lebensfähig sind, konsequent abgewickelt hätten. Das hätte uns viel weniger gekostet. Das Argument dagegen war immer: Wenn es zu einer Gläubigerbeteiligung kommt, kippen die Finanzmärkte. Aber das war klug inszenierte Panikmache. Eine Gläubigerbeteiligung von zehn, 20 Prozent hätte keinen Meltdown am Finanzmarkt erzeugt, aber den Steuerzahlern Milliarden an Schulden erspart. Im Rückblick muss man sagen: Die Bankenrettung war eine der größten Umverteilungen der jüngeren Geschichte – von unten nach oben. Die großen Vermögen wurden stabilisiert und wir alle tragen jetzt die Kosten über die Staatsschulden ab.

Hohe Geldbußen für Banken

Einleitung

Für manipulierte Zinsen, fragwürdige Beratung bei Krediten oder für zwielichtige Hypotheken-Geschäfte haben schon viele Banken mit hohen Summen büßen müssen. Einige Beispiele für Strafen im Zusammenhang mit Fehlverhalten von Finanzriesen.

Juli 2010

Die US-Investmentbank Goldman Sachs wendet eine Betrugsklage der US-Börsenaufsicht mit Zahlung einer Strafe von 550 Millionen US-Dollar ab. Die Börsenaufsicht SEC beschuldigte Goldman Sachs, Investoren bei einem komplexen Finanzgeschäft unzureichend informiert zu haben, darunter auch die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB.

Mai 2012

Die Deutsche Bank steht für zwielichtige Hypotheken-Geschäfte einer Tochtergesellschaft in den USA gerade. Um eine Klage aus der Welt zu schaffen, zahlen die Frankfurter 202 Millionen US-Dollar. Der Bank drohte eine Strafzahlung und Wiedergutmachung von mehr als eine Milliarde Dollar. Die US-Justiz hatte der Tochter MortgageIT Betrug beim Geschäft mit Hypothekenfinanzierungen vorgeworfen.

Dezember 2012

Die Schweizer Großbank UBS zahlt wegen ihrer Rolle bei der Manipulation des weltweit wichtigsten Referenzzinssatzes Libor Bußen in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar. Wie die Bank mitteilt, leistete sie entsprechende freiwillige Strafzahlungen an US-, britische und Schweizer Behörden.

Januar 2013

Die Bank of America überweist insgesamt mehr als zehn Milliarden Dollar an den staatlich gestützten Hausfinanzierer Fannie Mae, um Streitigkeiten bei Hypotheken-Deals aus der Welt zu schaffen. In einem anderen Fall müssen das Geldhaus und neun andere Finanzfirmen wie JPMorgan Chase oder die Citigroup mit zusammen 8,5 Milliarden Dollar für fehlerhafte Hauspfändungen geradestehen.

August 2013

Britische Banken müssen wegen falscher Beratung von Kunden erneut Entschädigungen in Milliardenhöhe zahlen. Die Aufsichtsbehörde FCA verdonnerte 13 Institute und Kreditkartenaussteller zu Kompensationsleistungen von insgesamt 1,3 Milliarden Pfund (1,5 Mrd Euro). Zu den bestraften Unternehmen zählen Barclays, HSBC und die Royal Bank of Scotland (RBS).

September 2013

Das Debakel um einen 6,2 Milliarden US-Dollar hohen Spekulationsverlust hat für die größte US-Bank JP Morgan Chase ein teures juristisches Nachspiel. Mehrere Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien haben nach Angaben der US-Notenbank Fed Strafen über insgesamt rund 920 Millionen Dollar gegen das Institut verhängt.

Oktober 2013

Der Libor-Skandal kostet die niederländische Rabobank 774 Millionen Euro. Es ist die höchste Strafe in der Geschichte der Genossenschaftsbank. Die Bank hatte mit britischen, amerikanischen und niederländischen Behörden einen außergerichtlichen Vergleich getroffen. Drei Viertel der Summe fließen in die USA an das Justizministerium und die Finanzaufsicht CFTC.

November 2013

JP Morgan Chase büßt mit 13 Milliarden Dollar (9,6 Milliarden Euro) für fragwürdige Hypotheken-Geschäfte. Die führende US-Bank hatte sich nach wochenlangem Tauziehen mit dem US-Justizministerium und anderen staatlichen Stellen auf diese Summe geeinigt. Es ist der bisher größte Vergleich mit einem einzelnen Unternehmen in der amerikanischen Geschichte.

Dezember 2013

Im Skandal um Zinsmanipulationen hat die Deutsche Bank von der EU-Kommission die branchenweit höchste Strafe aufgebrummt bekommen. EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia verhängte gegen sechs internationale Großbanken Rekord-Geldbußen von zusammen 1,71 Milliarden Euro. Allein der deutsche Branchenprimus muss im Rahmen des Vergleichs 725 Millionen Euro zahlen.

Sind sie wütend?
Wie meinen Sie das?

Der Titel Ihres neuen Buches lautet: „Machtwirtschaft – nein danke!“, der klingt ein wenig wütend.
Ich bin vor allem empört über die Zustände, die einfach hingenommen werden. Bestes Beispiel ist wieder die Bankenrettung: Fehler passieren, aber wenn so viel Steuergeld verschleudert wird, ohne dass versucht wird, die Verursacher zur Finanzierung des Schadens heranzuziehen, dann bin ich empört. Und wenn die Regierung versucht, den Steuerzahler systematisch an verschiedenen Stellen über den Tisch zu ziehen, dann bin ich sprachlos. Der Staat gehört uns allen und darf nicht für die Interessen weniger eingespannt werden.

Kommentare (37)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

13.02.2014, 10:09 Uhr

Wo hat sich dieser Mann so lange versteckt? Er spricht mir aus dem Herzen und ich kann es kaum glauben das es auf diesen Planeten doch noch Menschen mir Verstand gibt.

Anleihenspezialist

13.02.2014, 10:18 Uhr

Auf dem weltweiten Altar der Globalisierung wird alles geopfert, damit die Wirtschaft weiter wachsen soll und immer frisches Kanonenfutter an billigen Arbeitskräften zur Verfügung steht. 1% profitieren davon in erheblichen Umfang und dieses 1 % bestimmen die Wirtschaft, die Politik und die Medien.
Wer dagegen aufsteht kommt in die rechte oder linke Ecke und wird diffamiert. Das Weltkapital möchte auch unbedingt das Bargeld abschaffen, sollte diese letzte Schranke der Selbstbestimmung fallen, dann sind wir dem totalitärem System immer ausgeliefert und können jeder Zeit elektronisch über Sperrungen jeder Art ausgeschaltet werden.

petervonbremen

13.02.2014, 10:19 Uhr

Na ja, alles bekannt, alles Allgemeinplätze. - Schöne Werbung für ein Buch. - Menschen, die nicht nur Holzwolle unterm Scheitel haben, wissen ob dieser ganzen "Beschwerdepunkte". Vielleicht nicht so fachlich fundiert, wie die Ausführungen von Herrn Schick, aber sie wissen oder ahnen es zumindest. - Mich würde ein Buch zum Lesen animieren, das sich nicht auf Kritik spezialisiert, sondern auf realisierbare Lösungsvorschläge. Aber bei diesem ganzen Wust von Machtansprüchen und unterschiedlichen Interessenverbänden in Deutschland wäre eine solches Werk ja eh Science Fiction.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×