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23.11.2015

14:37 Uhr

Interview mit IG-Metall-Vize Christiane Benner

„Die Digitalisierung ist wie ein Cocktail“

VonFrank Specht

Sie ist erste Frau an der Spitze der IG Metall: Christiane Benner spricht im Handelsblatt-Interview über die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen, Autos aus dem 3-D-Drucker und Überraschungen der digitalen Arbeitswelt .

Die IG-Metall-Vize Chefin Benner (rechts) beantwortet im Interview mit dem Handelsblatt Fragen zur Digitalisierung des Arbeitslebens. Reuters

Christiane Benner

Die IG-Metall-Vize Chefin Benner (rechts) beantwortet im Interview mit dem Handelsblatt Fragen zur Digitalisierung des Arbeitslebens.

BerlinInzwischen, sagt Christiane Benner, ist ihr Adrenalinspiegel wieder einigermaßen auf Normalniveau angekommen, auch wenn sie immer noch einen Heidenrespekt vor ihrer neuen Aufgabe hat: Auf dem Gewerkschaftstag im Oktober wurde die 47-jährige Soziologin zur Stellvertreterin des neuen IG Metall-Chefs Jörg Hofmann gewählt und ist damit die erste Frau an der Spitze der weltgrößten Einzelgewerkschaft. Besonders am Herzen liegt Benner die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt. Nicht alles, was das SPD-Mitglied dazu zu sagen hat, wird beim Arbeitgebertag an diesem Dienstag in Berlin gut ankommen. So sieht die Gewerkschafterin zwar neue Chancen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, fordert aber auch ein Recht auf Abschalten. Und gläserne Beschäftigte wird es mit ihr nicht geben.    

Frau Benner, der Schriftsetzer ist aus der Arbeitswelt verschwunden, der Kohlekumpel wird bald auch nicht mehr gebraucht. Welche Berufe lässt nun die Digitalisierung aussterben?
Viele Berufe werden nicht aussterben, aber sich verändern. Aus dem Mechatroniker wird der IT-Systemmechatroniker, statt der Sekretärin ist die Büromanagerin gefragt, neue Ausbildungsberufe wie Mathematisch-technische Softwareentwickler (MATSE) oder Produktionstechnologe entstehen. Klar ist: Ohne IT-Qualifikationen wird es nicht gehen.

Veränderungen in den Berufsbildern hat es doch immer gegeben. Was ist das Besondere bei der Arbeit 4.0?
Das Internet bietet ganz neue Möglichkeiten der Vernetzung von Arbeitsabläufen. Wir haben künstliche Intelligenz, cyberphysische Systeme, die Trennlinien zwischen Produktion, Administration, Dienstleistungs- und Wissensarbeit lösen sich auf. Das sind tektonische Verschiebungen, die früher unvorstellbar waren. Hinzu kommen disruptive Geschäftsmodelle wie zum Beispiel das von Uber.

Wer nicht vom Mindestlohn profitiert

Seit wann gilt der Mindestlohn und wer profitiert davon?

Der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro gilt seit dem 1. Januar 2015 Kraft und gilt grundsätzlich für alle Branchen und Regionen - in Ost und West gleichermaßen. Sind in einzelnen Branchen aber Vereinbarungen getroffen worden, die unterhalb der 8,50 Euro liegen, können diese noch bis Ende 2016 fortbestehen.

Jugendliche

Ausgenommen vom Mindestlohn werden unter 18-Jährige. Durch die Altersgrenze soll vermieden werden, dass sich junge Leute einen Job suchen anstatt eine - in der Regel schlechter bezahlte - Ausbildung zu absolvieren.

Langzeitarbeitslose

Wer nach mindestens zwölfmonatiger Arbeitslosigkeit einen neuen Job bekommt, hat in den ersten sechs Monaten keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Damit soll der Anreiz für Arbeitgeber erhöht werden, Erwerbslose einzustellen. Die Bundesregierung will aber überprüfen, ob diese Ausnahme die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen tatsächlich erhöht.

Ehrenamtliche und Praktikanten

Nicht gelten soll der Mindestlohn auch für ehrenamtlich Tätige sowie Praktikanten, die im Rahmen einer Aus- oder Weiterbildung ein Pflichtpraktikum absolvieren. Auch wer ein freiwilliges Praktikum zur beruflichen Orientierung macht, das nicht länger als drei Monate dauert, hat keinen Anspruch auf Mindestlohn.

Zeitungsausträger und Saisonarbeiter

Bei den Saisonarbeitern in der Landwirtschaft sollen die Arbeitgeber die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von Saisonarbeitern auf den Mindestlohn anrechnen können. Zudem soll die Grenze für eine sozialabgabenfreie Beschäftigung von 50 auf 70 Tage angehoben werden. Für Zeitungsausträger soll es eine dreijährige Übergangszeit geben: 2015 darf der Mindestlohn um 25 Prozent unterschritten werden, 2016 noch um 15 Prozent. 2017 soll dann der Mindestlohn von 8,50 Euro gelten - auch wenn dann in den anderen Branchen bereits ein höherer Betrag gelten sollte.

Wer kontrolliert die Einhaltung des Mindestlohns?

Der Zoll und andere Behörden können in den Unternehmen kontrollieren, ob tatsächlich der Mindestlohn gezahlt wird. Die Behörden dürfen dafür auch Arbeitsverträge oder Geschäftsunterlagen einsehen. Dafür soll das Personal der Zollverwaltung aufgestockt werden, Berichten zufolge um 1600 Mitarbeiter. Arbeitgebern, die gegen das Mindestlohngesetz verstoßen, droht ein Bußgeld.

Wann könnte der Mindestlohn steigen?

Über die künftige Höhe soll eine Kommission entscheiden, der neben dem Vorsitzenden sechs weitere stimmberechtigte Mitglieder angehören - je drei von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das Gremium soll bis Mitte 2016 über eine etwaige Erhöhung zum 1. Januar 2017 entscheiden. Die Koalition nahm hier in letzter Minute eine Korrektur vor, zunächst war die Anhebung erst für 2018 geplant. Entsprechend der Forderung von Arbeitgebern und Gewerkschaften soll die Kommission alle zwei Jahre über eine Anhebung entscheiden - ursprünglich war dies jährlich geplant.

Was ändert sich für bestehende Tarifverträge?

Künftig soll es leichter sein, den Tarifvertrag für eine Branche für allgemeinverbindlich zu erklären. Voraussetzung wird nur noch sein, dass die Sozialpartner und Spitzenverbände dies für erforderlich halten und es im öffentlichen Interesse liegt. Bislang galt, dass in der jeweiligen Branche für mindestens die Hälfte der Beschäftigten eine Tarifbindung besteht - das heißt, dass die jeweiligen Firmen einem Arbeitgeberverband angehören.

Und die beunruhigen Sie?
Ich vergleiche die Kombination aus Digitalisierung und Globalisierung gerne mit einem Cocktail: Ob der bunt und lecker wird oder am Ende einen bösen Kater verursacht, muss sich zeigen. Wir wollen den Cocktail so mixen, dass er auch den Beschäftigten gut bekommt.

Zeitig das Büro verlassen, die Kinder ins Bett bringen und dann am Tablet noch eine Stunde arbeiten – was ist so schlimm daran?
In der Tat bietet die Digitalisierung neue Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder mehr Zeitsouveränität. Aber dies kann eben auch zu einer Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben führen.

Was wiegt also schwerer – Chancen oder Risiken?
Wir wollen die Chancen nutzen und Risiken begrenzen. Es ist unser Ziel, eine faire Arbeitswelt zu gestalten. So haben wir in einigen Unternehmen per Betriebsvereinbarung schon ein Recht auf Abschalten erwirkt – etwa bei BMW.

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