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04.02.2014

16:52 Uhr

Interview

„Mit Schwarzarbeit dem Mindestlohn entgehen“

Die Schattenwirtschaft ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Doch das könnte sich ändern. Arbeitsmarktforscher wie IAW-Direktor Bernhard Boockmann sehen in der aktuellen Politik neue Anreize für Schwarzarbeit.

Bernhard Boockmann, der Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW). dpa

Bernhard Boockmann, der Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW).

TübingenSchwarzarbeit hatte für viele Deutsche zuletzt an Attraktivität verloren. Vor allem die 450-Euro-Jobs führen laut einer Studie der Universität Linz und des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) dazu, dass mehr Menschen lieber einen legalen Minijob machen. Doch das könnte sich durch den Kurs der schwarz-roten Bundesregierung bald ändern, sagt IAW-Direktor Bernhard Boockmann.

Seit Jahren ist Schwarzarbeit Ihren Zahlen zufolge auf dem Rückzug. Weshalb glauben Sie, dass sich das bald ändern könnte?

Bernhard Bookmann: „Die Große Koalition verstärkt im Moment die Anreize, in die Schattenwirtschaft auszuweichen. Das macht sie natürlich nicht absichtlich, aber indirekt, indem sie reguläre Arbeit teurer macht. Ein Beispiel ist der Mindestlohn von 8,50 Euro. Wir gehen davon aus, dass bestimmte Tätigkeiten zu diesem regulären Preis nicht mehr nachgefragt werden – und Schwarzarbeit ist ein Mittel, durch das man dem Mindestlohn entgehen kann.“

Welche Branchen sind davon besonders betroffen?

„Vor allem diejenigen, in denen Löhne bislang überhaupt nicht geregelt sind – weder durch einen Mindestlohn noch durch einen Tarifvertrag. Ich denke da vor allem an das Gastgewerbe und an die Logistikbranche, also Taxifahrer, Lastwagenfahrer oder Zusteller bei Paketdiensten. Das sind Branchen, in denen Schwarzarbeit ohnehin schon gängig ist.“

Auch die Rente mit 63 hat nach Ihrer Prognose Folgen für die Schattenwirtschaft.

„Auch dieses Vorhaben hat zur Folge, dass reguläre Arbeit teurer wird und Schwarzarbeit somit attraktiver. Für die Rente mit 63 hat die Große Koalition schon die eigentlich fällige Senkung der Rentenbeitragssätze von 18,9 auf 18,3 Prozent ausgesetzt. In einigen Jahren werden außerdem Zuschüsse aus Steuern zur Finanzierung nötig sein. Da erwarte ich ganz klar, dass sich das in einem Anstieg der Schattenwirtschaft auswirkt.“

Prof. Dr. Bernhard Boockmann hat Volkswirtschaftslehre und Philosophie studiert. Von 1998 an forschte er am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, bevor er 2007 ans IAW in Tübingen kam. Seit 2013 leitet er das Institut als wissenschaftlicher Direktor. Er beschäftigt sich vor allem mit Arbeitsmarktpolitik und der Wirksamkeit verschiedener staatlicher Programme in der Arbeitswelt.

Von

dpa

Kommentare (3)

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MartinH

04.02.2014, 17:37 Uhr

Man muss doch bloss die Strafen bzw. Bupgelder höher setzten, dann noch ein paar mehr Zollbeamte einstellen und dann sieht die Sache ein wenig anders aus.
ABER solange der Staat, an Zollbeamten und Finanzbeamten einsparungen vornimmt, die den angemessen Stichproben Kontrollen nicht nach kommen können, muss man sich auch nicht wundern, dass das System umgangen wird. Griechenland lässt grüßen.

Nachwuchs

04.02.2014, 18:56 Uhr

Schwarzarbeit? Ursache ist doch die Ausplünderung der normalen Bürger durch die Politiker!!! Aber die Auftraggebersind doch die Firmen bzw. deren Führer! Warum werden diese nicht massiv bestraft? Firmenschließung und kompletten Vermögenseinzug der Manager und KFrmenkonten incl. Familienvermögen, damit das Vermögen nicht auf diese Konten verschoben werden kann.

pema

07.02.2014, 09:52 Uhr

Schlimm ist vor allem, dass solche Beamte mit hochdotierten Jobs, die vom Steuerzahler finanziert werden, wie dieser Herr Prof. Boockmann, dem Steuerzahler dann auch noch sagen: "Wenn der Mindestlohn kommt, seid ihr zu teuer und verliert eure Jobs."

Einsparungen sollte man vor allem bei diesem Klientel einnehmen. Gutbezahlte VWL Professoren, die in ihrem Elfenbeinturm leben (und ihren guten Wohnvierteln) und die mit ihrer sinnlosen Arbeit insbesondere die Mittelschicht enteignen.

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