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04.01.2012

13:40 Uhr

Interview um 20.15 Uhr

Merkel drängt Wulff vor die Kameras

Die Bundeskanzlerin greift in der Kreditaffäre des Bundespräsidenten ein: Sie habe volles Vertrauen, erwarte aber umfassende Antworten auf alle Fragen. Noch heute will Wulff liefern, in einem Interview mit ARD und ZDF.

Wulff vor Fernseherklärung

Video: Wulff vor Fernseherklärung

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BerlinDer Bundeskanzlerin geht kein Wort der Kritik am Bundespräsidenten über die Lippen. Angela Merkel schätze die Arbeit von Christian Wulff außerordentlich, daran habe sich nichts geändert, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Mittwoch in Berlin. Aber gleichzeitig erwarte die Kanzlerin, dass der Bundespräsident "alle anstehenden Fragen umfassend beantworten wird" - auch wenn sie in den Privatbereich hinein ragten.

Vier goldene Regeln im Umgang mit Affären

Rasch reagieren

„Man muss schnell reagieren, um handlungsfähig zu bleiben. Eine Salamitaktik, das scheibchenweise Einräumen von Fehlern, hat noch nie funktioniert", sagt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er forscht zu Medienskandalen und Medienethik.

Medienwandel begreifen

Der Professor sagt auch: „Die Salamitaktik funktioniert ganz besonders schlecht unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Kommunikation, denn bei einem möglichen, eventuell dann wieder fehlerhaften Teilgeständnis ist der Gegenbeweis blitzschnell sichtbar.“

Maximale Transparenz

Ein weiterer Tipp des Experten: „Man muss die Vorfälle schonungslos aufklären und dann mit einer möglichst ernsten, überzeugenden Geste um Verzeihung bitten.“

Image und Inhalt

Ebenfalls sei die Übereinstimmung von Institution und Inhalt laut dem Medienexperten Pörksen sehr wichtig: „Die Art und Weise des Skandalmanagements darf dem eigenen Image und vor allem dem Repräsentationskorsett des Amts, das man ausübt, nicht widersprechen."

Wulff war am Mittwoch aus dem Urlaub zurückgekehrt - und kündigte umgehend eine Erklärung an. Er werde ARD und ZDF ein gemeinsames Interview zu den Vorwürfen im Zuge der Kreditaffäre geben, erklärte das Präsidialamt. Das ZDF teilte mit, das Interview werde um 20.15 Uhr zeitgleich ausgestrahlt. Es soll eine Viertelstunde dauern.

Bereits am Morgen hatte die ARD unter Berufung auf zuverlässige Quellen in der Umgebung des Staatsoberhauptes berichtet, Wulff habe sich entschieden, nicht zurückzutreten. Wulff steht seit Mitte Dezember wegen seiner Kredite für den Kauf eines Eigenheimes in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident in der Kritik. Eine neue Dimension erhielt der Fall, nachdem bekanntgeworden war, dass der Bundespräsident persönlich mit einem Anruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann versucht hatte, die erste Veröffentlichung der Zeitung zu den Krediten zu verhindern.

Merkel-Sprecher Streiter betonte, Wulff habe für den Anruf bei Diekmann um Entschuldigung gebeten, und dies sei angenommen worden. „Das sollte nicht vergessen werden.“ Der Vorfall sei damit im Grunde
erledigt. Allerdings sei dies „nicht die einzige Frage“, noch dazu seien die Anrufe an die Öffentlichkeit gelangt. Deshalb sei es sinnvoll, sich auch in der Öffentlichkeit dazu zu äußern.

Offiziell stellt das Bundeskanzleramt jetzt klar, dass Merkel den ersten Mann im Staat nicht formal zu einer Erklärung aufgefordert habe. Streiter sagte jedoch, er gehe davon aus, dass Merkel mit Wulff telefonisch in Kontakt deswegen gestanden habe. Er wisse das aber nicht, sagte Streiter, jedoch wäre „alles andere weltfremd.“

Streiter sagte, er vermute, dass Merkel diesen Weg einer Stellungnahme gemeint habe. Zu bewerten, ob ein Interview ausreiche, sei allerdings nicht Sache der Kanzlerin.

Kommentare (57)

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Account gelöscht!

04.01.2012, 12:48 Uhr

Wulff sollte als Mahnmal und Sinnbild für die korrupte und gierige Politikerkaste Bundespräsident bleiben, von mir aus lebenslänglich. Das ist billiger als wenn er gegen den nächsten Abkassierer ausgewechselt wird.

Account gelöscht!

04.01.2012, 12:53 Uhr

Hurra, jetzt haben wir endlich auch unseren Berlusconi!
Raffgierige Schauspieler in hohen öffentlichen Ämtern; wann macht RTL eine Soap draus? Den Titel hab ich auch schon: "Was stecken wir heute ein, Herr Präsident?"

Popp

04.01.2012, 12:54 Uhr

Ich kann diese scheinheilige Diskussion nur noch belächeln. Welcher Politiker nimmt denn keine „Vorteile“ mit. Ich denke nur an die vielen Flugmeilenaffären usw. Die Italiener finden in Anbetracht ihrer Bunga-Bunga-Politik unsere Doppelmoral vermutlich nur lustig. Rechtsstaat, Pressefreiheit usw. sind wohl nur noch als hohle Worte zu bezeichnen, die propagandistischen Charakter haben. Könnte es nicht sein, dass Wulff „unterschriftsreif“ geschossen wird, da er den widerrechtlichen ESM-Vertrag unterschreiben soll…? Als Jurist weiß man im Normalfall, welche Konsequenzen eine Unterschrift haben kann, die mit Wissen und Wollen gegen das geltende Recht getätigt wird. Man sollte einmal das System der parlamentarischen Demokratie hinterfragen. Ach ja, es gibt ja keine Alternative… Andreas Popp

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